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Interview

«Nach WM-Silber war ich enttäuscht»

Leonardo Genoni geht mit einem hohen Ziel in die Eishockey-WM, die am 10. Mai beginnt: Der Goalie will mit dem Nationalteam noch eine Schippe drauflegen und Weltmeister werden.

FOTOS
Keystone
06. Mai 2019

Leonardo Genoni, der Rückhalt des Schweizer Nationalteams, lässt sich vom Trashtalk der Gegner nicht ablenken.

Die letzte Feier ist für Leonardo Genoni (31) vorbei, der SC Bern Vergangenheit, der EV Zug die Zukunft. Ein Gespräch über Wermutstropfen, stramme Schüsse und die süsse Tradition beim SCB, dass Genoni für jedes Spiel ohne Gegentreffer einen Kuchen mitbrachte.

Leonardo Genoni, wie oft waren Sie diese Saison am Backen?

Nur einmal. Danach gab es Reklamationen. Die Qualität sei nicht dieselbe, wie wenn meine Frau die Kuchen bäckt. Seitdem habe ich ihr nur noch assistiert.

War es ein komplizierter Kuchen, dass es nicht hingehauen hat?

Nein, es war ein Schoggi-Mousse-Kuchen. Meine Mitspieler fragten stets nach diesem Kuchen. Von meiner Seite her war es ein Dankeschön, dass sie sich so in die Schüsse legten.

Werden Sie diese schöne Tradition auch in Zug fortsetzen?

Ich habe da nichts geplant … aber wenn es gewünscht ist, dann werden wir auch für meinen neuen Club backen.

Was Sie zum EV Zug mitbringen müssen, ist die Meistertrophäe.

Das ist auch mein Anspruch. Ich steige immer mit dem Ziel in eine Saison, dass ich das letzte Spiel gewinnen will.

Das klingt so selbstverständlich. Die Realität aber ist, dass seit 2007 nur drei Vereine – der SC Bern, Davos und der ZSC – die Schweizer Meisterschaft gewonnen haben.

Klar, ein Selbstläufer wird es nicht. Aber Zuversicht ist erlaubt. Zug hat den Playoff-Final erreicht. So viel fehlte also nicht. Der Anspruch, vorne mitzuspielen, ist auch nächste Saison vorhanden. Der EV Zug ist ein Verein im Aufwind. Das reizte mich.

Sie haben nie in Nordamerika gespielt – der Wermuts­tropfen in einer sonst so erfolgreichen Karriere?

Nein, die NHL war in meiner Jugend viel zu weit weg und deshalb nie realistisch. Nur ganz selten wurden ein paar wenige Sekunden im Fernsehen gezeigt. Das ist heute natürlich ganz anders. Da kannst du jedes Spiel sehen. Bei mir wurde es aber nie konkret. Entweder passte es aus sportlichen Gründen nicht, weil ich noch nicht so weit war. Oder aber weil ich vertraglich gebunden war. Jetzt ist es sicher vorbei. Man wird nicht jünger.

Erstaunlich, dass sich nach der letztjährigen WM niemand aus der NHL meldete. Goalie des Silberteams – das ist doch beste Reklame.

Wirklich berauschend waren meine Leistungen an der WM nicht, vor allem zu Beginn nicht. Erst in der letzten Turnierphase ging alles auf. Ich trauere der NHL aber nicht nach. Für mich passt es so, wie sich die Dinge entwickelt haben.

Als Familienvater ist es sicher einfacher, dass Sie immer in der Schweiz geblieben sind.

In der Schweiz hast du als Eishockey­profi den Vorteil, dass du jede Nacht in deinem eigenen Bett schlafen kannst. Das ist in Nordamerika, aber auch in vielen Ländern Europas, nicht der Fall.

Goalies gelten als verrückt. Von Ihnen ist nichts Verrücktes bekannt.

Ich wüsste auch nicht, was an mir verrückt wäre – ausser, dass ich mich ins Tor stelle. Das ist Verrücktheit genug. (Lacht.)

Vielleicht nicht verrückt, aber doch sehr aussergewöhnlich ist, wie lange Sie haben, um sich anzuziehen. Das soll sich, wie Ihre Mitspieler berichten, eine Ewigkeit hinziehen. Ist das Ihr Ritual, um sich auf ein Spiel vorzubereiten?

Nein, es handelt sich dabei weniger um ein Ritual als um eine Schwäche. Vor allem beim Anziehen der Schlittschuhe bin ich penibel. Schlimm, dass es auch nach 15 Jahren so ist. Ich werde das aber sicher nicht mehr ändern können, auch wenn ich deswegen schon einmal zu spät im Training auf dem Eis erschien. Und mir deswegen ein paar Sprüche anhören musste.

Sie sagten vor den Playoffs, dass Sie diese «mit Freude und Fokus» bestreiten würden. Ist es nicht selbstverständlich, dass in wichtigen Partien jeder Spieler voll fokussiert ist?

Damit meinte ich, dass ich mich noch weniger als sonst von irgendwelchen Nebenschauplätzen ablenken lasse. Unsere Gegenspieler versuchen uns manchmal in einer Partie mit Trashtalk aus der Konzentration zu bringen. Bei mir funktioniert das nicht. Ich selber würde das nie tun, auch ausserhalb des Eishockeyfeldes nicht. Es ist also nicht so, dass ich die Maske anziehe und plötzlich ein anderer Mensch werde.

So fokussiert waren Sie nicht immer: Matthias Bieber, Ihr Mitspieler beim SCB, erklärte, dass Sie früher bloss das taten, was verlangt wurde.

Mit Matthias habe ich bei den Junioren der GCK Lions gespielt. Er hat recht: Ich kam dank meines Talents sehr schnell sehr weit. Ich spielte gerne, das harte Training aber war nicht so meins. Irgendwann merkte ich, dass ich mehr tun muss, damit ich nicht von der Bildfläche verschwinde. Heute habe ich immer noch Spass an den Spielen, trainiere aber auch saugerne.

Was ist das wichtigste Werkzeug für einen Eishockeygoalie?

Seine Augen. Sie helfen ihm, den Überblick zu bewahren. Ich muss nicht nur sehen, wo der Puck ist, sondern auch, was rundherum passiert. Damit ich weiss: Hat der Spieler am Puck mehrere Optionen oder muss er zwingend mit einem Schuss abschliessen? Um in einem Augenblick die richtige Entscheidung zu treffen, muss ich vorher mit den Augen die nötigen Informationen einholen.

Wie wichtig ist das Gehör?

Schwierig zu sagen. Manchmal ist es wichtig, um miteinander zu kommunizieren. Dann wieder merkt man, dass man aufs Hören auch verzichten könnte, weil es im Stadion viel zu laut ist. Die Augen sind sicher wichtiger.

Sie selber benötigen ein Hörgerät. Woher rührt Ihre Hörschwäche?

Das weiss man nicht so genau. Der Arzt meint, es könne von einem Zwischenfall im Eishockey herrühren, als ich eine schwere Gehirnerschütterung erlitt.

Nationaltrainer Patrick Fischer hat im Interview mit der Coopzeitung erklärt, dass es für die Schweizer an der kommenden WM nur eine Losung geben könne: Wir wollen Weltmeister werden.

Ich sehe es genauso, auch wenn es nicht einfach wird. Das erste Ziel muss sein, dass wir den Viertelfinal erreichen. Danach ist alles möglich, wie man letztes Jahr gesehen hat. Da gelangen uns im Viertel- und Halbfinal zwei tolle Spiele.

«Meine Rolle als Familienvater ist das Schönste, das es gibt.»

 

Sie selber waren enttäuscht nach dem verlorenen Final. Trotz Silber.

Es war ein wunderbares Turnier, ganz klar. Und ich würde die Erfahrung auch nicht missen wollen. Aber am Ende stand das falsche Resultat auf der Leuchttafel, WM-Final hin oder her. Deshalb war ich enttäuscht.

Wie schwer fiel es Ihnen, beim Empfang am Flughafen zu lächeln?

Das war sehr schwer, die Niederlage war ja keine 15 Stunden her. Innerlich brodelte es noch. Aber dann ringt man sich selber doch ein Lächeln ab, weil sich die Menschen zu Recht freuen und extra an den Flughafen gekommen sind.

Sie sind Eishockeyprofi, dreifacher Familienvater und machen den Master in Betriebsökonomie. Wie kriegen Sie alles unter einen Hut?

Ich empfinde es nicht als belastend, sondern es füllt mich aus. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, sage ich meinen Kindern nicht: «Ich gehe arbeiten.» Sondern: «Ich gehe spielen.» Das ist ein grosses Privileg. Mein Studium ist eine Investition in die Zukunft. Es hilft mir, vom Eishockey abzuschalten und den Kopf anzuregen. Zu meiner Rolle als Familienvater muss ich nicht viel sagen: Das ist das Schönste, das es überhaupt gibt.

Zum Schluss drei kurze Fragen. Wer hat den härtesten Schuss?

Das war Petr Sykora. Zum Glück waren wir Teamkollegen, so blieb ich von seinen knackigen Schüssen verschont.

Sind Sie Goalie geworden, weil Sie nicht Schlittschuh laufen können?

Ja, ich bin nicht der beste Schlittschuhläufer. Wichtiger als laufen ist jedoch, dass ich mich gut verschieben kann.

Riechen Sie den Mief einer Eishockey-Garderobe noch?

Nein, nicht mehr. Vermutlich riecht es sogar noch strenger, als Aussenstehende sich das vorstellen können.

Die Augen sind also wichtig, das Gehör ein bisschen, die Nase gar nicht.

Man gewöhnt sich an vieles. Bei den Junioren ist es aber noch schlimmer, auch weil dort die Garderobe weniger gelüftet wird. Das rieche dann sogar ich.

Leonardo Genoni, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.