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Interview

Marc Surer: «Geschwindigkeit ist subjektiv»

Marc Surer (67) ist einer der wenigen Schweizer Rennfahrer, der sich in der Formel 1 behaupten konnte. Aber auch als Rennleiter, TV-Kommentator war der Baselbieter erfolgreich. Einzig mit der Langeweile hat er nichts am Helm.

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Kostas Maros
08. Juli 2019

 Marc Surer brach sich früher zweimal die Füsse. «Da müssen Sie mich nicht fragen, in welcher Epoche ich gerne gefahren wäre. Heute ist alles viel sicherer in der Formel 1.»

Marc Surer, wie fühlt man sich als Formel-1-Experte in Zeiten des Klimastreikes?

Mir kommt das bekannt vor. Als das Wald­­sterben in aller Mund war, wurde ich gefragt, ob ich für den «sure» Regen verantwortlich sei. Tatsache ist, dass die heutige Formel 1 Vorreiterin in Sachen Technik ist und die beste Energieeffizienz hat. Aus einem Liter Benzin holt sie viel mehr Leistung als ein Strassenauto.

Die Formel E braucht gar kein Benzin – die Zukunft des Motorsports?

Nein, das ist eine Sparte davon. Es wird weiter klassische Rundstreckenrennen, Rallyes und eben auch die Formel E geben. Allerdings finde ich es schade, dass neben der Elektromobilität der Wasserstoffantrieb nicht mehr gefördert wird. Die Technik wäre ja vorhanden, und es gibt in der alternativen Stromproduktion zu Spitzenzeiten immer viel überschüssige Energie, aus der man Wasserstoff herstellen könnte. Dann bräuchte es keine riesigen Batterien mehr.

Aber fehlt da nicht etwas bei der Formel E? Der Geruch von Benzin und verbranntem Öl?

Mir fehlt in erster Linie der Sound. Dafür kommt die Formel E in die Städte – die beste Werbung für den Sport.

In Ihrer aktiven Formel-1-Zeit in den 80er-Jahren fuhr der Tod mit. Heute gleichen die Rennen harmlosen Strategiespielen. Langweilig!

Die Gesellschaft akzeptiert es nicht mehr, dass Rennfahrer schwer verunglücken. Die Sicherheit ist oberstes Gebot, damit ist aber auch ein wenig des Nervenkitzels verloren gegangen. Ob ein Rennen langweilig ist, hängt auch mit der Strecke zusammen. Le Castellet in Frankreich ist langweilig, Baku in Aserbaidschan hingegen der absolute Wahnsinn.

Wenn Sie nochmals fahren könnten, in welcher Epoche würden Sie an den Start gehen?

Ich habe mir früher zwei Mal die Füsse gebrochen, da müssen Sie mich nicht fragen, in welcher Epoche ich gerne fahren würde. Die Autos sind heute viel sicherer. Allerdings waren wir uns früher des Risikos auch voll bewusst.

Welchen Stellenwert hat Geschwindigkeit in Ihrem Leben?

Absolute Geschwindigkeit hat mich nie interessiert. 300 km/h sind keine Faszination. Ich wollte in den Kurven schnell sein. Dort werden die Unterschiede zwischen den Fahrern gemacht.

Leben Sie schneller als andere?

Das Empfinden von Geschwindigkeit ist ja sehr subjektiv. Ich tobe mich eben im Rennsport aus, dann brauche ich die Geschwindigkeit im Privatleben nicht. Aber natürlich lebt man als Profi schnell: Das Leben ist kompakt, es gibt keine Längen. Aber das erleben wohl alle Sportler so.

Wird Ihnen schnell langweilig?

Als ich nach 21 Jahren als Experte und Kommentator bei Sky-TV plötzlich arbeitslos wurde, wusste ich nicht, wie ich damit klarkommen würde. Aber ich bin nicht in ein Loch gefallen. Im Gegenteil, ich habe mir meinen Traum einer Pferde- ranch in Spanien erfüllt und beherberge dort elf Pferde, das war Aufgabe genug. Ich habe viel handwerklich gearbeitet und war zufrieden. Aber die Challenge fehlte ein wenig. Dass ich neu für das SRF ausgewählte Rennen kommentiere, ist ein guter Kompromiss.

Sie blickten dem Tod ins Auge. Wie sehr hängen Sie am Leben?

Ich habe ein geschenktes Leben, umso mehr geniesse ich es. Es wird nie mehr schlimmer als nach dem Rallyeunfall bei der Hessenrallye 1986 (Anmerkung der Red.: Marc Surer wurde bei diesem Unfall in Deutschland lebensgefährlich verletzt, sein Beifahrer kam ums Leben). Alles andere ist Pipifax.

Nebst dem Rennsport waren Sie auch als Springreiter aktiv. Was ist einfacher zu beherrschen: ein Rennwagen oder ein Pferd?

Wenn man gut sein will, muss man sowohl mit dem Auto als auch mit dem Pferd eine Einheit bilden. Das ist beim Pferd allerdings schwieriger, das hat manchmal ganz eigene Ideen.

Wie finden Sie es, dass die Grid-Girls – Formel-1-Hostessen – abgeschafft wurden?

Das kann man der Formel-1-Regierung sicher vorwerfen. Für mich war das ein Fehler. Das sind alles Models von Beruf und dieser Job an der Rennstrecke war eine gute Referenz für sie. Da ist keine gezwungen worden.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Sie weiss, dass das zur Formel 1 gehört. Sie ist selber Motorsportjournalistin. Wir haben uns im Presseraum bei einem Formel-1-Rennen kennengelernt.