X

Beliebte Themen

Interview

«Glück ist eine Momentaufnahme»

Mario Adorf ist vieles: Weltbürger, Charakterschauspieler, Grandseigneur und ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Hier schildert der 88-Jährige, wie er ohne Vater aufwuchs und was er mit seinem ersten Lohn anstellte.

FOTOS
Lars Berg/Laif/Keystone
02. September 2019

Mario Adorf ist selber erstaunt, wie gut es ihm geht, «ohne dass ich etwas dafür tun muss».

Mario Adorf ist eine beeindruckende Erscheinung, noch immer. Zum Gespräch im Berliner Bristol Hotel erscheint der Schauspieler mit gepflegtem Bart, sein Teint ist leicht gebräunt, das volle graue Haar muss für die meisten Altersgenossen eine gemeine Provokation sein. Vor Kurzem war Adorf auf Abschiedstournee, «Zugabe!» hiess sein Programm. Anfang November feiert zudem ein neuer Dokumentarfilm über ihn Premiere, mit dem herrlich lakonischen Titel «Es hätte schlimmer kommen können». Entspannt und guter Dinge beugt sich Adorf im Hotelzimmer interessiert vor, um ja nichts zu verpassen.

Schauspiellegende Mario Adorf

Der 88-Jährige spielte in über 200 Filmen mit

Mario Adorf wuchs, 1930 in Zürich als nicht eheliches Kind eines italienischen Arztes und einer deutschen Röntgenassistentin geboren, in Deutschland auf. Mit 23 Jahren kehrte er zurück und arbeitete als Statist und Regieassistent am Schauspielhaus Zürich. 1957 gelang ihm als Frauenmörder der Durchbruch im Filmbusiness. Von da an war er lange auf die Rolle des Bösewichts abonniert. Adorf spielte in über 200 Filmen mit. Heute lebt er mit Gattin Monique (74) in München. Aus erster Ehe hat er eine Tochter – Stella (56).

Mario Adorf, 1930 als uneheliches Kind geboren zu werden, war kein optimaler Start ins Leben. Wie wurden Sie ein internationaler Filmstar und Weltbürger – war es einfach Glück?

Bei Gott, ja! Aber auch ohne Gott war auf jeden Fall sehr viel Glück dabei. Interessanterweise findet man viele Dinge, die passieren, selbstverständlich, während man sie erlebt. Erst rückblickend erkennt man, dass ein Glücksfall den anderen gejagt hat.

Sie wohnten in einem katholischen Waisenhaus, weil Ihre Mutter, eine elsässische Röntgenassistentin, im Eifel-Städtchen Mayen als Näherin arbeitete. Wie sehr hat Sie diese Zeit geprägt?

Ich weiss, dass ich es schwer hatte. Aber ich jammerte nie, sondern nahm das Leben so an, wie es sich mir bot. Meine Mutter musste hart für uns arbeiten, daher sagte sie mir immer: «Ich habe keine Zeit für dich, du bist für dich allein verantwortlich. Was du auf der Strasse machst, ist deine Sache. Bleib’ einfach anständig, ich kann dir da nicht helfen!» Was half, war der Umstand, dass wir nie Geld hatten. Ich konnte nicht um Geld Karten spielen, ich konnte mir kein Bier leisten. Wenn ich Geld brauchte, musste ich es zuerst verdienen. So kam ich nie auf die schiefe Bahn.

Sie blieben bei allem Erfolg auf dem Teppich. Weil Sie früh lernten, was Demut bedeutet?

Ich wusste einfach, was Geld bedeutet. Und hatte schon früh einen Geschäftssinn: Meine Mutter berechnete für ein Kleid, das sie genäht hatte, 25 D-Mark. Da ich aber für die Abrechnung mit dem Kunden zuständig war, erhöhte ich den Betrag auf 35 – und erhielt das Geld tatsächlich immer. Meine Mutter schimpfte deswegen oft mit mir, aber ich fand, dass ihre Kleider nun mal 35 Mark wert waren.

Sie besitzen die Nähmaschine immer noch.

Ja, denn sie hielt uns am Leben. In der Doku über mein Leben, die im November herauskommt, bat mich der Regisseur, die Nähmaschine aus dem Keller zu holen und darauf zu nähen. Nach über 30 Jahren ging sogar noch das kleine Lämpchen an, das hat mich bewegt.

Sie erkennen im Nachhinein, dass Sie oft Glück hatten. Empfinden Sie auch so etwas wie Stolz, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?

(Lacht.) Doch, das kann ich nicht ganz abstreiten!

Wie sieht es mit Wehmut aus?

Wehmut kann sich schon mal einstellen, zum Beispiel, als man mir beim Besuch in der Schauspielschule meinen alten Lebenslauf präsentierte – das Original, das ich damals zur Bewerbung aufgesetzt hatte. Sonst schwelge ich aber selten in der Vergangenheit.

Was gönnten Sie sich mit Ihrem ersten Lohn?

Als ich 1954 an den Münchner Kammerspielen anfing, rief ich meine Mutter an, dass sie nach München kommen sollte, ich könne sie nun ernähren. Es ging ihr gesundheitlich nicht gut, ich hatte Angst um sie. Erst schickte ich sie nach Italien in die Ferien, zu Freunden, dort schlief sie fast nur, wochenlang! Die Kinder schlichen sich oft in ihr Zimmer und riefen: «Tante Alice ist tot!» Als es ihr besser ging, wollte sie wieder arbeiten, aber das liess ich nicht zu. In München lebten wir beide von 350 Mark, das war nicht viel. Mit der Zeit wurde es mehr und mehr. Und meine Mutter lebte weitere 40 Jahre.

Ihr Vater war ein verheirateter italienischer Arzt. Hat er Ihnen nie gefehlt?

Nein. Vielleicht, weil die anderen Väter in meiner Umgebung auch alle nicht da waren – so kam ich mir nicht minderwertig vor. Meine Mutter passte zudem auf, dass ich mich nicht für meine Herkunft schäme.

Wie wurden Sie Schauspieler?

Ich habe es nie als freie Wahl empfunden, es entwickelte sich einfach so. Eine Zeit lang wollte ich Maler werden. Aber in den ersten Nachkriegsjahren gab es weder Leinwände noch Pinsel noch gute Lehrer. Viele von ihnen stammten noch aus der Nazi-Zeit. An der Uni wurde ich dann auf die Literatur aufmerksam. In der Schulzeit war sie mir noch wurscht gewesen!

Die Liebe zur Literatur brachte Sie ans Theater?

Ja, die Leidenschaft für Schiller, Goethe, Shakespeare und die grossen Barock-Dichter. Der Beruf hat mich gefunden, nicht umgekehrt! Am Theater machte ich alles, ich entwarf Plakate, ich malte – mit den Händen, es gab ja keine Pinsel ... Das war der Start meiner Karriere und es war fast wie eine Explosion.

Sie wurden dafür bekannt, dass Sie Ihre Rollen oft mit einem Dialekt spielten. Warum?

Früher hatten Dialekte eine andere Bedeutung. Die Politiker sprachen alle mit Dialekt. Heuss, Strauss, Adenauer mussten nur «Guten Tag» sagen und man wusste, woher sie kommen. Das war der Grund, warum ich oft den Dialekt benutzte, ob in der «Blechtrommel», bei «Katharina Blum» oder in «Kir Royal». Es heisst nicht umsonst: «Die Bindung zur Sprache ist auch die Bindung zur Heimat.»

Bei Ihnen kam dann noch eine Wahlheimat dazu. Wie lange lebten Sie in Rom?

40 Jahre lang. Rom bedeutete früher grosses Kino. Man sah die grossen Schauspieler auf der Strasse und in den Cafés und konnte ganz einfach Kontakte knüpfen. Die 60er und 70er waren eine Zeit des leichten Lebens, die es jetzt nicht mehr gibt. Genau so wie es dieses Italien, dieses Rom von damals, nicht mehr gibt.

Wo wohnen Sie heute?

Wieder in München. Ich hielt es in Rom nicht mehr aus, vor allem wegen Berlusconi. Ich überlegte kurz, nach Berlin zu ziehen, aber das war doch zu weit weg. München war praktischer, auch wegen meiner Frau, die ich in Saint-Tropez kennengelernt hatte.

Mit Monique sind Sie seit über 50 Jahren zusammen. Hatten Sie in der Hinsicht auch nur Glück – oder steckt da harte Arbeit dahinter?

Glück ist eine Momentaufnahme, Glück ist nicht dehnbar. In einer langen Beziehung muss man versuchen, diese schönen Momente herzustellen. Am Anfang steht Verliebtheit und Leidenschaft im Vordergrund, nach den Krisen wächst das Vertrauen. Das Glück zeigt sich zwischendurch immer kurz – diese Momente wurden von uns dankbar angenommen.

Was hält Sie jung?

Das weiss ich nicht. Es muss mit den Genen zu tun haben. Ich schwimme gerne, aber sonst mache ich nichts für die Fitness. Auch da hatte ich grosses Glück: Meinen Knien und meiner Hüfte geht es gut. Mein Gedächtnis funktioniert auch noch, ich kann mir alle Texte merken. Es erstaunt mich selbst, wie gut es mir geht, ohne dass ich etwas dafür machen muss.

Wie gehen Sie mit der Zeit um, die Ihnen bleibt?

Ich habe irgendwo etwas von einem «Zeitgeiz» gelesen. Dieses Wort hat sich für mich als Lebensmotto eingeschlichen. Sonst kann ich mit Geiz nichts anfangen, aber mit meiner Zeit gehe ich gerne geizig um. Ich will meine Zeit nicht verschwenden.

Liess Ihnen die Schauspielerei Platz für andere Passionen im Leben? Kochen Sie gerne?

Meine Frau kocht deutlich besser. Aber ich bin ein ordentlicher Esser und weiss gutes Essen zu schätzen. In der Küche habe ich aber nur zwei Aufgaben: abschmecken und abwaschen.

«Falls ich den 90. Geburtstag erlebe, wird ein Fest wohl unvermeidlich sein.»

 

Sie haben in Büchern über Ihre Erlebnisse geschrieben. Die erste Autobiografie trug den Untertitel «Unrühmliche Geschichten». Warum?

Meine Mutter nannte diese Geschichten Schmonzetten und war gar nicht begeistert, dass diese Schmonzetten ein Buch werden sollten. Und dass sie selbst darin vorkam. Sie drohte mir sogar mit dem Anwalt! (Lacht.) Also versprach ich, dass ich ihr das fertige Buch vorlese, und wenn ihr etwas nicht gefalle, würde ich es streichen. Und wissen Sie was? Ich las ihr das ganze Buch vor und sie unterbrach mich nicht ein einziges Mal! Trotzdem war es ihr nie ganz recht, dass ich über ihr Leben rede.

War Ihre Mutter nicht enorm stolz auf Sie?

Ja, das war sie. Ich weiss aber bis heute nicht, wie glücklich sie wirklich war. Als wir darüber sprachen, wie sie mal bestattet werden möchte, sagte sie: «Ich will einfach nur weg sein.» Ich konnte das nicht verstehen. Ich wollte ihr ein schönes Grab in Grünwald organisieren, aber sie wollte nicht, dass man ihr Grab besucht. Was sie wollte, war eine Meerbestattung, damit sie einfach verschwinden würde. Diesen Wunsch habe ich ihr dann erfüllt.

Bleiben wir lieber bei freudigen Ereignissen: Wissen Sie schon, wie Sie nächstes Jahr Ihren 90. Geburtstag feiern werden?

Wer weiss, ob ich ihn überhaupt erlebe. Aber wenn, dann wird ein Fest unvermeidlich sein. Das letzte Mal habe ich mit 80 gross gefeiert. In den letzten Jahren gab es maximal ein Abendessen.

Mario Adorf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.