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Interview

Martina Hingis: «Ich achte aufs Bauchgefühl»

Alles hat seine Zeit: Früher bestimmte Tennis das Leben von Martina Hingis (38), heute ist es ihre Familie. Im Interview spricht sie über ihre neuen Prioritäten und kritisiert die Jungen im Männertennis, die vieles falsch machen würden.

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Christoph Kaminski
08. Juli 2019

 Martina Hingis: «Ich nehme mir die Zeit, die es für mein Töchterchen braucht - ein Privileg.»

Martina Hingis, wir hätten da ein paar Fragen an Sie.

Nur zu! Ich kann einfach nicht garantieren, dass ich auf alles eine Antwort habe – oder auf alles antworten will. Vor allem, wenn es allzu sehr ins Private geht.

Was bereitet Ihnen Freude?

Wenn Lia lächelt. (Sie schaut zu Harry, ihrem Ehemann, hinüber.) Oder wenn Harry lächelt.

Was ist das Wichtigste im Leben?

Bei mir haben sich die Prioritäten klar geändert. Meine Familie mit Harry und Lia steht heute über allem. Ich nehme mir die Zeit, die es für mein Töchterchen braucht – ein Privileg. Viele Mütter würden sicher auch gerne zu Hause bleiben, können sich das aber nicht leisten und müssen arbeiten gehen. Meine Mutter unterstützt mich sehr, das ist meganett. Ohne sie würde ich es nicht schaffen, hin und wieder im Stall bei meinen Pferden vorbeizuschauen.

Wie haben Sie sich auf die Mutterrolle vorbereitet?

Ich habe keinen dieser Kurse besucht. Mir ist es wichtig, auf mein Bauchgefühl zu achten. Auf das, was dann wirklich auf einen zukommt, kann einen niemand vorbereiten. Auch wenn bis jetzt alles problemlos verlaufen ist und Lia super mitmacht, bringt jeder Tag neue Herausforderungen, die ich aber gerne annehme. Aus dem Tennis bringe ich sicher eine Portion Gelassenheit mit. Da habe ich ja auch einiges erlebt. Nur ein Beispiel: Als ich mit 16 die Australian Open gewann und die jüngste Nummer eins der Welt wurde, dauerten die anschliessende Medienkonferenz und das ganze Drumherum viel länger als der Final, in dem ich gegen Mary Pierce glatt in zwei Sätzen gewonnen hatte. Es ging Schlag auf Schlag: Bereits am nächsten Tag flog ich nach Tokio. Für mich war das eine gute Lebensschule.

«Als ich die Nummer eins war, lag Roger Federer noch in den Tennis-Windeln.»

 

Viele Tennisspielerinnen – Serena Williams, Patty Schnyder, Viktoria Azarenka als prominenteste Beispiele – spielen und spielten als Mütter auf der Tour weiter …

… was ich mir nicht vorstellen könnte. Ein Comeback ist kein Thema mehr. Ich war ja jahrzehntelang viel unterwegs, nun geniesse ich die Zeit daheim. Irgendwann aber kommt der Tag, an dem ich das Reisen vermisse. Dann werde ich wieder in Paris oder Wimbledon aufkreuzen, um am Legendenturnier mitzuspielen. Aber nicht in diesem Jahr. Dafür helfe ich meiner Mutter in ihrer Tennisschule, was mir viel Spass bereitet.

Roger Federer hat am French Open seine Bewunderung für Sie ausgedrückt. Er ist ja nur ein Jahr jünger und fragte sich als Teenager: «Wie schafft Martina das nur – so jung schon so gut zu sein?»

Ich mass mich ja seit klein auf stets mit Gegnerinnen, die älter waren. Meine körperlichen Defizite musste ich mit Technik und vor allem Spielintelligenz wettmachen. Steffi Graf war athletisch viel weiter als ich und auch als alle anderen. Also musste man andere Waffen anwenden, um ihr Paroli bieten zu können.

Federer wird im August 38. Ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Es ist sein grosses Verdienst, dass er an jedem Turnier um den Sieg mitspielt. Gleichzeitig müssen sich die Jungen wie Alexander Zverev oder Nick Kyrgios auch hinterfragen: Wenn du gegen einen Spieler in diesem Alter immer das Nachsehen hast, machst du einiges falsch. Es zeigt aber, was man eben mit Spielintelligenz, Spielübersicht und Effizienz alles wettmachen kann. Roger ist mit allem reichlich gesegnet, die Jungen hingegen nicht.

Sie traten bereits mit 22 ein erstes Mal zurück. Waren Sie zu früh erfolgreich? Federer musste sechs Jahre länger warten, bis er sein erstes Grand-Slam-Turnier gewann.

Ja, als er regelmässig zu gewinnen begann, hatte ich bereits aufgehört. Ich erinnere mich, als wir 2001 den Hopman Cup holten. Ich war damals die Num- mer eins der Welt, Roger hingegen lag in den Tennis-Windeln. (Lacht.) Nein, ich war nicht zu früh erfolgreich. Solche Erfolge muss man ernten, wenn sie fallen. Ich war mit den frühen Siegen bei den Frauen keine Ausnahme. Ich habe die Freude am Tennis nie verloren. Ich kann nicht verstehen, wenn Spielerinnen nach dem Rücktritt verkünden, dass sie den Schläger nie mehr anfassen wollen. Mich musste man nicht auf den Platz zwingen, meine Leidenschaft für diesen Sport war meist gross. Und ist es heute noch.

Erinnern Sie sich an einen Zwischenruf während eines Spiels?

Dass jemand mich heiraten wollte, hörte ich öfters. Besonders turbulent war es, als ich mit Anna Kournikova Doppel spielte. Man nannte uns die Spice Girls of Tennis. Die männlichen Zuschauer hatten wir ganz klar auf unserer Seite.

Ihr Mann ist ausgebildeter Tennislehrer. Wer gewinnt, wenn Sie gegeneinander um Punkte spielen?

Hallo, was ist das denn für eine Frage?

Man hört immer wieder, dass ein durchschnittlicher Tennisspieler die beste Frau problemlos in zwei Sätzen bezwingt.

Vielleicht bei den Profis. Hier reden wir aber von einer Profispielerin und einem Amateur. Da liegen Welten dazwischen. Da hätte ich viel falsch gemacht, wenn ich gegen Harry verlieren würde. (Schaut zu ihm hinüber.) Er freut sich aber, wenn er ein paar schöne Punkte macht.

Die Tennislegende

Viele Titel und viel Preisgeld

Martina Hingis ist die erfolgreichste Schweizerin der Tennisgeschichte: Sie war 209 Wochen die Nummer eins der Welt, holte 25 Grand-Slam-Titel (5 Einzel, 13 Doppel und 7 Mixed), gewann 43 Turniere im Einzel und erspielte ein Preisgeld von 24,7 Millionen Dollar. Die 38-Jährige lebt mit Gatte Harry Leemann (38) und Töchterchen Lia in Zug.