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Interview

«Hier finde ich Frieden»

Maya Gabeira (32) hat den Höhenrekord im Wellenreiten aufgestellt – ihr Karriere-Highlight. Den Tiefpunkt erlebte sie, als sie in einer Riesenwelle stürzte und sich schwer verletzte.

FOTOS
IMAGO, Hugo Silva
26. Juli 2019

Im Januar 2018 ging für Maya Gabeira ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Die Brasilianerin hatte als Kind zuerst wie so viele Mädchen Ballett­unterricht genommen, als sie die Welt des Wellenreitens entdeckte. Sie begnügte sich allerdings nicht mit normalen Wellen, nein, es mussten «Big Waves» sein, die sie bezwingen wollte – riesige Wellen, so hoch wie ein mehrstöckiges Wohnhaus.

Eine solche Wasserwand zähmte sie im vergangenen Jahr: Der Ritt auf der 20,72 Meter hohen Riesenwelle vor dem Strand von Nazaré in Portugal war eine famose Leistung, die es in dieser Form bei den Wellenreiterinnen noch nie gegeben hatte. Zur Belohnung wurde Maya Gabeira ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen. Damit wurde ihr Jugendtraum wahr.

Königin der Wellen

Zahlreiche Preise eingeheimst

Maya Gabeira, 1987 in Rio de Janeiro geboren, ging mit 15 nach Australien, um ihre Surfkenntnisse zu vertiefen, aber auch, um das Trauma wegen der Scheidung ihrer Eltern zu überwinden. Ihre Mutter Yame Reis ist eine Mode- designerin, ihr Vater Fernando (78) Mitbegründer der Grünen Partei Brasiliens und ehemaliger Angehöriger einer Guerilla-Gruppe. 2004 siedelte Maya Gabeira nach Hawaii über, wo sie bald zu einer der besten Big-Wave-Surferinnen wurde. Gabeira gewann zahlreiche Preise. Anfang Jahr war sie für den prestigeträchtigen «Action Sportsperson of the Year»-Award der Laureus-Stiftung nominiert. Die Brasilianerin lebt heute im Surfer-Hot-Spot Nazaré in Portugal.

Maya Gabeira, wie fühlte es sich an, auf einer über 20 Meter hohen Rekordwelle zu surfen?

Es ist schwierig zu beschreiben. Ich war sehr fokussiert und voller Adrenalin, als ich auf der Welle ritt. Ich merkte aber, dass es sich um einen magischen, einen einzigartigen Moment in meinem Leben als Wellenreiterin handelte. Weil ich das Glück hatte, dieser grossartigen Welle zu begegnen. Kleine Wellen interessieren mich nicht. Hier war ich im richtigen Moment am richtigen Ort.

Das klingt fast nach einem spirituellen Erlebnis.

Ja, das war es auch. An Land meditiere ich wirklich nie, aber auf dem Meer umso mehr. (Lacht.) Hier finde ich meinen Frieden.

Warum fühlen Sie sich auf dem Meer so zu Hause?

Da kommt einiges zusammen, dass ich mich so wohl fühle: die Natur, das Wasser, die Sonne, der Wind, der gegen mein Gesicht peitscht. Diese besondere Umgebung erfüllt mich mit Energie, ich fühle mich komplett frei und auch sehr gut unterhalten.

Wie meinen Sie das?

Zu Hause pflanzen Sie sich vor den Fernseher, der für Ihr Entertainment sorgt. Da draussen auf dem Ozean brauchen Sie keinen Fernseher, Sie werden auch so bestens unterhalten. Es ist ein ständiger Kampf: Sie müssen paddeln, da bricht eine Welle über Ihnen zusammen, dort wechselt der Wind, ständig kann etwas passieren, mit dem Sie nicht gerechnet haben. Es ist ein grosses Chaos und genau das macht das Wellenreiten so spannend.

Spüren Sie Angst, wenn Sie sich in eine Welle hineinbegeben?

Ein bisschen Angst ist immer dabei, was ich aber wichtig finde. So wirst du nicht übermütig, du bleibst mit deinen Erwartungen auf dem Boden, was dir den Hintern retten kann. Aber wenn es dann auf einer Welle hart auf hart kommt, ist es wichtig, dass du einigermassen ruhig bleibst. Die Angst darf nie so gross werden, dass sie dich lähmt. Man muss auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen, die man sich in vielen Trainings aneignet.

2013 kamen Sie ebenfalls in Nazaré in einer Riesenwelle fast ums Leben: Am Strand mussten Sie wiederbelebt werden. Können Sie sich noch an irgendetwas erinnern?

Ich erinnere mich noch genau. Ich raste der Welle entlang, die kein Ende nehmen wollte und unruhig war.

Ein Schlag von unten brach Ihnen den Knöchel, sodass Sie stürzten.

Nach dem Unfall öffnete ich die Augen und sah als Erstes den Himmel über mir. Der Strand war leer. Ich konnte es nicht glauben, dass ich dieser Welle entkommen war. Ich freute mich aufs Wiedersehen mit meiner Familie und auf die einfachen Dinge des Lebens: Ich werde wieder Kaffee trinken und Sushi essen können, yeah!

Sie sind dem Tod entronnen und denken als Erstes an Sushi?

Ja. (Lacht.) Auch in der Welle, als ich dachte, ich müsse sterben, kamen mir meine Familie, Kaffee und Sushi in den Sinn. Irgendwann wurde es schwarz um mich herum. Als ich wieder aufwachte, dachte ich: Hey, liebe Welt, ich bin zurück. Dass man dann zuerst an die ganz einfachen Dinge des Lebens denkt, zeigt einem: Wir brauchen nicht viel im Leben, um glücklich zu sein. Später im Spital sah ich das Video mit jenem Unfall und war von den Bildern schockiert.

Sie verletzten sich damals schwer, vor allem am Rücken. Zweifelten Sie danach jemals, dass Sie wieder auf einer Riesenwelle surfen würden?

Ja, diese Zweifel gab es. Ich musste mich acht Operationen unterziehen und bekam von mehreren Spezialisten zu hören, dass eine Rückkehr in den Spitzensport nicht mehr möglich sei. Es sei für meine Gesundheit besser, wenn ich mich nicht mehr einer solchen Belastung aussetze. Für mich selber ging es damals vor allem darum, überhaupt wieder ein Stück Lebensqualität zurückzuerhalten und einigermassen schmerzfrei laufen und sitzen zu können. Ans Wellenreiten und dann auch noch auf Riesenwellen dachte ich in jenem Moment nicht. Diese Gedanken kamen erst zurück, als es dem Rücken wieder besser ging. Ich dachte: Ich habe dort einen Job zu beenden. Ich wollte unbedingt den Weltrekord.

Nach Ihrem Unfall gab es kritische Stimmen von männlichen Surferkollegen, die Ihnen nahelegten, nicht mehr auf Riesenwellen zu reiten. Diese würden Sie überfordern. Wie ist heute Ihr Verhältnis zu diesen Surfern?

Ich würde es so formulieren: Ich stehe ihnen nicht sehr nahe. Ich habe diese Kritik gehört, aber nur aus der Ferne. Diese Surfer haben ihre Basis in den USA. Ich aber lebe in Nazaré in Portugal und bin somit sehr weit weg. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir Frauen kritisiert werden. Für mich ist es Motivation, noch härter zu trainieren.

Was Ihnen dann auch gelang. Surfer sind bekannt für ihre Partys. Wie feierten Sie, als Ihre Bestmarke ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde?

Ich bin kein Partybiest, freute mich aber darüber. Ich rief meine Mutter auf Skype an und schrie: «Ich habe es geschafft.» Dann war mein Hund an der Reihe. «Naza», rief ich, «ich habe den Weltrekord, ich habe den Weltrekord, lass uns spazieren gehen!» Ich glaube nicht, dass er verstand, was da gerade mit mir los war. (Lacht.) Am nächsten Tag trainierte ich bereits wieder ganz normal.

Sie gingen schon früh Ihren eigenen Weg: Mit 15 zogen Sie von zu Hause aus.

Ja, ich ging nach Australien, weil ich meine Surfkenntnisse verbessern wollte. Kein Land schien mir dafür besser geeignet als Australien. Mein Vater war verrückt genug, um mir das zu erlauben. Ich beruhigte ihn, indem ich sagte, dass ich ganz nebenbei auch noch Englisch lerne. Als ich nach Brasilien zurückkehrte, hielt ich es gerade mal ein Jahr aus. Dann war mir klar: Ich muss wieder in die weite Welt hinaus – und zwar dorthin, wo die besten Riesenwellen sind, wie ich damals fand. In Hawaii.

Ziemlich verrückt für eine 17-Jährige.

Ja, aber mein Vater unterstützte mich abermals. Schnell wurde klar, dass ich hier angekommen war. Jedenfalls kehrte ich nicht mehr nach Brasilien zurück. Von nun an wollte ich alles für meinen Sport tun, so begeistert war ich vom Wellenreiten. Ich arbeitete als Kellnerin, surfte auf Riesenwellen, arbeitete, surfte, arbeitete, begann für Wettkämpfe um die Welt zu reisen. Indonesien, Australien, Südafrika. Irgendwann begannen sich die Sponsoren für mich zu interessieren.

Maya Gabeira, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Laureus Stiftung

Die Stiftung Laureus unterstützt weltweit sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche mit einer Reihe von Sportangeboten. Inzwischen wurden bereits über 150 Projekte in mehr als 40 Ländern lanciert; bekannte Namen aus der grossen Sportwelt wie Boris Becker, Cafù, Katarina Witt, Lindsey Vonn, Fabian Cancellara oder Mike Horn arbeiten als Botschafter. Der Schweizer Ableger von Laureus setzt grossen Wert darauf, mit Hilfe des Sports Kindern und Jugendlichen ein selbstbestimmtes und kontinuierlich positives Leben zu ermöglichen.

Ein solches Projekt ist DanceQweenz, das 2018 lanciert wurde. Dabei handelt es sich um einen nationalen Tanzwettbewerb mit verschiedenen regionalen Ausscheidungen während der nächsten Monate (so am 1.9. in Bern und am 22.9. in Zürich) sowie dem grossen Finale am 10. November in Basel. Initiiert wurde das Projekt aufgrund von Studien, die nachdenklich stimmen: Sie belegen, dass die sportliche Aktivität von Mädchen ab dem 12. Lebensjahr signifikant abnimmt. Die fehlende Bewegung hat einen negativen Einfluss auf die persönliche Entwicklung und das Selbstbewusstsein junger Frauen. Hier will Laureus Schweiz mit dem Tanzwettbewerb DanceQweenz ansetzen.