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INTERVIEW

Der grösste Abenteurer

Mike Horn hält die Klimastreiks der Schüler für den Anfang von etwas Grossem. Und er schildert den gefährlichsten Moment auf seinen actiongeladenen Expeditionen.

FOTOS
Allen D. Walker, Dmitry Sharomov
11. März 2019

Mike Horn kennt keine Angst - hier taucht er mit Haien um die Wette.

Seine Expeditionen haben Mike Horn dorthin geführt, wo extreme Temperaturen herrschen: in die schwüle Hitze des Amazonas oder in die Eiseskälte in der Antarktis. «Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen, und es mit der Zeit sogar genossen», sagt der 52-jährige Südafrikaner und Wahlschweizer. Beim Interview in Monte Carlo sitzt er nun allerdings bei angenehmen Temperaturen im T-Shirt da. Er beugt sich nach vorne und spricht engagiert über seine Abenteuer und was ihn bewegt.

Mike Horn

Seine Basis ist im Waadtland

Mike Horn, 1966 in Johannesburg (Südafrika) geboren, lernte überleben, als er mit 18 seinen Militärdienst in Angola absolvierte. 1990 kam er in die Schweiz, die fortan als Basis für seine ungewöhnlichen Unternehmungen diente. Bei seiner ersten grossen Expedition durchschwamm er den Amazonas von der Quelle bis zur Mündung; als einziges Hilfsmittel diente ihm ein Hydrospeed-Brett. Horn gibt seine Erfahrungen auch als Motivationscoach weiter, etwa 2011 an Indiens Cricket-Team oder 2014 an die deutsche Fussball-Nationalmannschaft; beide gewannen nach längerer Zeit wieder die Weltmeisterschaft. Der Botschafter der gemeinnützigen Sportstiftung Laureus lebt mit den Töchtern Annika (25) und Jessica (24) in Château-d’Oex VD.

Mike Horn, Sie haben einen seltenen Beruf: Sie sind Abenteurer.

Für mich ist das kein Beruf, sondern meine Leidenschaft. Ich war schon als Kind versessen auf Abenteuer und durfte dies auch ausleben.

Ihre Eltern hatten keine Angst, dass Ihnen etwas zustossen könnte?

Nein. Mein Vater verbot mir nie, irgendwohin zu gehen. Er stellte nur eine Regel auf: «Am Abend musst du um sechs Uhr wieder zu Hause sein – und zwar in dem Zustand, in dem du gegangen bist.»

Und was taten Sie den ganzen Tag?

In der Nähe unseres Hauses hatte es einen Fluss. Ich baute ein Floss und erkundete ihn Stück für Stück. Ich kletterte auf Bäume und errichtete Baumhäuser. In der Nähe hatte es auch Höhlen. Sie können sich vorstellen, dass ich unbedingt in diese hinein steigen musste. Ich lernte, mit ganz verschiedenen Herausforderungen umzugehen. Wenn ich dann total verdreckt nach Hause kam, erzählte ich von mir aus, was ich erlebt hatte. Mein Vater fragte mich nie aus, sondern vertraute mir. Mir gefiel diese Art von Erziehung.

Eltern sollten ihren Kindern also mehr vertrauen.

Unbedingt. Viele Eltern machen den Fehler, dass sie ihre Kinder zuerst auf tausend Gefahren hinweisen. Sie vergessen dabei, welche Chancen das Leben da draussen bietet. Und dass es in der Natur unglaublich viel Spass machen kann. Wer seine Kinder ständig vor irgendetwas warnt, installiert in deren Kopf die Angst und den Glauben, dass die Welt unglaublich gefährlich ist. Mein Vater hingegen sagte zu mir: «Mike, wenn du nahe genug an die Klippe herangehst, hast du den perfekten Ausblick. Du musst aber auch wissen, dass das Risiko, herunterzufallen, mit jedem weiteren Schritt steigt. Entscheide selber, wie nahe du an den Abgrund willst!» Das lehrte mich, für mich selber Verantwortung zu übernehmen. Es bereitete mich auf das Leben vor und öffnete meinen Horizont.

Und wenn das Kind doch zu nahe an die Klippe herangeht und herunterfällt?

Die Klippe ist ein Extrembeispiel. Im Normalfall passiert selten etwas Dramatisches. Trotzdem verbieten viele Eltern ihren Kindern, in der Natur zu spielen. Und so sitzen diese den ganzen Tag in ihrem gefahrlosen Zuhause vor dem Computer, um mit irgendeinem Game virtuell das Abenteuer zu erleben, das sie draussen mit Leichtigkeit haben könnten. Und die Eltern sind zufrieden damit.

Wie erzogen Sie Ihre beiden Töchter, die heute erwachsen sind?

Sie sollten ebenfalls früh Verantwortung für ihr Tun tragen. Das war gut für sie und machte sie offen. Beide hätten nach der Schule an der Universität in Lau- sanne oder Zürich studieren können. Stattdessen entschieden sie sich, ins Ausland zu gehen, nach Boston und Paris, um das Leben und die Welt kennenzulernen. Vor drei Jahren starb meine Frau Cathy an Krebs. Sie war der Anker in meinem Leben gewesen, hatte mir Rückhalt gegeben und sich um alles gekümmert, wenn ich auf meinen Abenteuern unterwegs war. Ohne sie fühlte ich mich verloren. Das war der Moment, als sich meine Töchter entschieden, nach Hause zurückzukehren. Heute helfen sie mir bei meinen Projekten.

«Es ist ärgerlich, wenn du nicht ernst genommen wirst.»

 

Bereuten Sie es, als Ihre Frau krank wurde, dass Sie vorher so viel von zu Hause weg gewesen waren?

Ich habe in meinem Leben all meine Wünsche verwirklicht. Kurz vor ihrem Tod sagte ich deshalb zu Cathy: «An dem Tag, an dem du von uns gehst, möchte ich auch sterben.» Das wäre zwar für unsere Töchter traurig gewesen, aber sie hätten genug Kraft gehabt, damit fertig zu werden. Meine Frau schaute mich an und sagte: «Mike, du sollst nicht für mich sterben, sondern für mich leben.» Seitdem ist für mich erst recht klar, dass ich jungen Menschen helfen will, ihre Visionen zu entwickeln und sich um die Umwelt zu kümmern. Die Schweiz sollte ein Vorbild werden für die anderen Nationen, was die Sorge um die Natur anbelangt. Dafür aber braucht es ein Ausbildungsprogramm, eine Plattform, ein Netzwerk, damit die Erfahrungen und Informationen weitergegeben werden – am besten von Jugendlichen an andere Jugendliche.

«Wer die Welt erkundet, der lernt fürs Leben.» So gesehen muss Mike Horn der weiseste Mensch auf dieser Erde sein.

Was halten Sie von den Freitag- Klimastreiks der Schülerinnen und Schüler?

Unsere Jugend hat ein riesiges Potenzial, das wir nützen sollten. Die Jugendlichen sind unsere Zukunft. Leider haben wir bis jetzt nicht auf sie gehört. Mit den Streiks geben sich die Schüler eine hörbare Stimme. Es steckt viel Frust hinter den Streiks – Frust, für den ich grosses Verständnis habe. Es ist ärgerlich, wenn du nicht ernst genommen wirst, obwohl du für das Richtige einstehst.

Werden die Streiks längerfristig etwas bewirken?

Ja, ich glaube, dass das der Anfang von etwas Grossem ist. Es steckt eine unglaubliche Dynamik hinter der ganzen Bewegung, auch deshalb, weil die Jugend sich heute dank moderner Kommunikationsmittel einfacher austauschen und miteinander vernetzen kann. Die jungen Menschen können sich die nötigen Informationen innert kurzer Zeit übers Internet besorgen. Wir

mussten früher die Zeitung lesen und uns mit dem begnügen, was drin stand.

Was können wir im täglichen Leben tun?

Nur ein Beispiel unter vielen: Es ist doch lächerlich, dass wir lieber das verschmutzte Wasser reinigen, statt dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst verunreinigt wird. Wir verfügen über das notwendige Wissen, um zu garantieren, dass das Wasser sauber bleibt. Trotzdem wenden wir es nicht an, aus Bequemlichkeit, wegen möglicher Kosten und aus zahlreichen weiteren Gründen.

Welches Erlebnis, das im Zusammenhang mit dem Klimawandel steht, hat Sie auf Ihren Expeditionen am meisten geschockt?

Ich habe gesehen, wie die Grizzlybären aus ihren Stammgebieten immer weiter nach Norden wandern – so weit, dass sie auf Eisbären stossen, die sie dann attackieren und töten. Oder sie paaren sich mit ihnen … was für die Eisbären nicht unbedingt ein Nachteil ist, weil sie sich ja ohnehin darauf einstellen müssen, dass sie in Zukunft wegen des schmelzenden Eises viel mehr auf dem Land leben werden. Vielleicht, wer weiss, wird es schon in ein paar Jahren keine Eisbären mehr geben. Geschockt hat mich auch ein Plastikmüllstrudel im Pazifik. Er ist riesig – grösser als die Fläche Mexikos. Es würde 150 Jahre brauchen, bis wir das alles gereinigt hätten.

Eines der verrückten Projekte von Mike Horn war die Pole2Pole-Expedition, bei der es vor drei Jahren vom Nordpol zum Südpol ging.

 

Die Laureus Stiftung

Die Stiftung Laureus unterstützt weltweit sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche mit einer Reihe von Sportangeboten. Inzwischen wurden bereits über 150 Projekte in mehr als 40 Ländern lanciert; bekannte Namen aus der grossen Sportwelt wie Boris Becker, Fabian Cancellara oder eben Mike Horn (siehe Interview) arbeiten als Botschafter. Der Schweizer Ableger von Laureus setzt grossen Wert darauf, mit Hilfe des Sports Kindern und Jugendlichen ein selbstbestimmtes und kontinuierlich positives Leben zu ermöglichen.

Ein solches Projekt ist DanceQweenz, das im vergangenen Herbst lanciert wurde. Dabei handelt es sich um einen nationalen Tanzwettbewerb mit verschiedenen regionalen Ausscheidungen während der nächsten Monate sowie dem grossen Finale am 10. November in Basel. Initiiert wurde das Projekt aufgrund von Studien, die nachdenklich stimmen: Sie belegen, dass die sportliche Aktivität von Mädchen ab dem 12. Lebensjahr signifikant abnimmt. Die fehlende Bewegung hat einen negativen Einfluss auf die persönliche Entwicklung und das Selbstbewusstsein junger Frauen. Hier will Laureus Schweiz mit dem Tanzwettbewerb DanceQweenz ansetzen.

Sie entschieden sich für die Schweiz, als Sie in jungen Jahren Südafrika verliessen. Weshalb?

Weil sie für Abenteurer das Paradies ist. Hier gibt es hohe Berge, wilde Flüsse, Wälder, man kann Gleitschirm fliegen, auf Skitouren gehen, mountainbiken und vieles mehr. Und ich merkte, dass die Schweiz eine gute Basis ist, um meine Spinnereien zu finanzieren. Mit der Zeit wurde aus dem Hobby etwas Ernsthafteres und auch etwas Nachhaltiges – ich möchte den Menschen als Inspiration für ihre Träume dienen, damit sie diese leben. Besonders wichtig ist mir die Jugend, die eigene Wege beschreiten soll. Wege, die mit den vorgespurten Pfaden der Schule wenig zu tun haben. Wer die Welt erkundet, der lernt fürs Leben.

Werden Sie auch mit 80 noch auf Abenteuertour gehen?

Als meine Töchter nach Hause zurückkehrten, versprach ich, nicht mehr so oft wegzugehen. Doch es fehlte mir etwas. Und das merkten sie. Ich war nicht mehr die Person, die sie kannten. Also sagten sie zu mir: «Geh wieder hinaus auf deine Expeditionen! Das ist es, was dich glücklich macht.» Ich gehorchte. (Lacht.) Also durchquerte ich als Erstes die Antarktis. 5100 Kilometer in 57 Tagen ohne jede Hilfe. Auch dieses Jahr stehen ein paar spannende Projekte an.

Was war das gefährlichste Erlebnis in Ihrem Abenteuerleben?

Im Kongo geriet ich in die Fänge eines Erschiessungskommandos. Den armen Kerl neben mir haben sie erschossen. Ich wäre als Nächster an der Reihe gewesen. Ich wusste, ich muss etwas unternehmen. Also lief ich auf sie zu, griff nach einem Gewehrlauf und hielt mir diesen an den Kopf. «Schau mir in die Augen, während du schiesst», sagte ich. Sie waren so erstaunt, dass ich noch hinzufügen konnte: «Ich bin kein Terrorist, ich bin kein Spion, ich bin nur hier, weil ich die Erde auf dem Äquator umrunden will.» Schliesslich stoppte ein Polizist, der die ganze Zeit zugeschaut hatte, die Exekution und rettete mein Leben. Er glaubte mir und nahm mich mit auf die Polizeistation. Das war sicher die gefährlichste Situation in meinem Leben. Nie war ich dem Tod näher als damals im Kongo.

Mike Horn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.