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Jugensausgabe 2019

Auf die Plätze, fertig, los!

Mujinga Kambundji ist supererfolgreich, superschnell – und supernett.

FOTOS
Kostas Maros
18. November 2019

Ein bisschen Nervosität darf sein. Man trifft ja nicht jeden Tag einen Star wie Mujinga Kambundji. Doch die Aufgeregtheit verfliegt schnell. Die 27-jährige Sprinterin stellt sich mit ihrem Vornamen vor, als ob das noch nötig wäre. Sowohl beim Gespräch als auch beim Fototermin in der Berner Fussgängerzone ist sie total easy.

Mujinga, wie oft hast du die Medaille zuletzt in den Fingern gehalten?

Sehr oft, mit all den Medienauftritten und Feiern. Sie ist ein schönes Symbol für das, was ich erreicht habe. Die Bedeutung einer Medaille versteht jeder, sie macht meinen Erfolg fassbar.

Wie gross ist der Rummel seit der WM?

Er ist sehr gross. Auch dort, wo ich es in diesem Ausmass nicht erwartet hatte, etwa im Tessin. Bisher war es eher so, dass ich vor allem dann erkannt wurde, wenn ich die Sportkleider trug. Aber jetzt war ich so viel in den Medien, da hilft auch die beste Verkleidung nichts mehr. (Lacht.)

Favoritin

Mujinga Kambundji wurde 1992 in Bern geboren; ihr Vater stammt aus dem Kongo, ihre Mutter aus Bern. Die Studentin der Betriebswirtschaft hat gute Chancen, 2019 mit dem Titel als Schweizer Sportlerin des Jahres ausgezeichnet zu werden.

Weisst du noch, wann du das erste Mal von wildfremden Menschen angesprochen wurdest?

Das war 2014 vor der Leichtathletik-EM auf dem Sechseläutenplatz in Zürich, bei einem Event mit anderen Athleten. Als die Veranstaltung zu Ende war, wurde ich von vielen Passanten auf ein Foto oder Autogramm angesprochen. Dieses erste Mal hat sich krass angefühlt … plötzlich so im Mittelpunkt zu stehen, war ich mir nicht gewohnt. Und meine Unterschrift brachte ich auch noch nicht so schnell aufs Blatt wie heute.

Hast du schon einen Bodyguard an deiner Seite?

Nein, nein. Ich glaube, das wird hier in der Schweiz nicht nötig sein, weil die Leute sehr zurückhaltend sind. Eine Frau beobachtete mich auf einer Zugfahrt lange, sprach mich aber erst kurz vor dem Aussteigen an, weil sie sah, dass ich für die Uni lernte. Das ist typisch für die Schweiz. Aufdringlich ist hier niemand.

Falls du trotzdem mal einen Bodyguard brauchst – wir bewerben uns.

Ich notiere es mir. (Lacht.)

Wie gehst du mit den sozialen Medien um?

Ich widme ihnen weniger Zeit als früher, obwohl sie immer wichtiger werden. Heute ist es entscheidend, dass du gute Bilder und Posts zum richtigen Zeitpunkt hochlädst. Dafür aber fehlt mir oft die Zeit. Deshalb habe ich meine Leute, die mich dabei unterstützen. Wenn ich auf den sozialen Medien bin, dann am ehesten zwischendurch, zum Beispiel beim Warten am Bahnhof. Aber im normalen Alltag komme ich kaum dazu, abgesehen davon, dass es mir sowieso stinkt, ständig am Handy zu hängen.

Dann checken wir das doch ab. Man kann ja heute genau sehen, wie viel Zeit man täglich am Handy verbracht hat. Könntest du uns Einblick in deine Statistik gewähren?

Das interessiert mich selber. (Nimmt das Handy hervor.) Heute waren es 42 Minuten, aber der Tag ist ja noch jung. (Lacht.) Durchschnittlich war ich diese Woche drei Stunden und 13 Minuten am Handy, die meiste Zeit davon auf Instagram.

Drei Stunden liegen noch im Rahmen. Wie reagierst du auf die Kommentare in den sozialen Medien?

Zum Glück sind sie meist positiv. Ich nehme mir die Kommentare schon zu Herzen. Eher lustig waren die Diskussionen um meine Haare an der WM in Doha. Viele fanden, es sei nicht aerodynamisch, dass ich nicht mit eng zusammengebundenen Haaren gelaufen sei. Bei einem Kaffee mit der Staffel beschloss ich, die Haare ganz zusammenzubinden, damit niemand mehr etwas sagen kann.

Und? Wirkte es sich auf die Zeit aus?

Ich denke nicht. Die Haare sind so leicht. Es gibt ja auch eine Hochspringerin, die mit Zöpfchen springt. Also wenn das geht, dann kann ich auch mit offenen Haaren sprinten.

Mujinga ist ein sehr schöner Name. Hat er auch eine Bedeutung?

Der Name wird im Kongo normalerweise an Neugeborene vergeben, die bei der Geburt mit der Nabelschnur um den Hals auf die Welt kommen. Aber bei mir verlief alles normal. Ich erhielt diesen Namen, weil auch meine Tante so heisst.

Warst du schon im Kongo?

Noch nie. Aber ich will mit meiner Familie mal dorthin. Bis jetzt hat es sich nicht ergeben, zudem ist die Reise umständlich und teuer. Aber in den nächsten Jahren werden wir das ganz sicher nachholen.

«Ich bin gerne unterwegs wie eine gemütliche Bernerin.»

Mujinga Kambundji

Kennen dich die Leute dort?

Ich denke ja, ich habe des Öfteren auf den Social-Media-Plattformen Kommentare von Leuten aus dem Kongo bekommen.

Was treibt dich an, jeden Tag das zu machen, was du machst?

Ich darf meinen Traum leben! Ich habe mich immer gerne bewegt und auch an Wettkämpfen teilgenommen. Zuerst an kleinen Meetings. Heute darf ich an tolle Orte reisen und an Grossanlässen um Medaillen kämpfen. Was will ich mehr?

Eines unserer Themen in diesem Heft lautet: «Was ist ein gutes Leben?» Was antwortest du?

Für mich ist ein Leben gut, wenn ich mich auf meinen Freundeskreis und meine Familie verlassen kann. Ich schätze es, an Wettkämpfen teilzunehmen, mit allem, was dazu gehört. Genauso ist aber wichtig, dass ruhigere Phasen folgen.

Bringt dir deine Schnelligkeit etwas im Alltag?

Ja, wenn ich knapp dran bin am Bahnhof, dann bin ich froh, dass ich einen Zahn zulegen kann. Aber gewöhnlich renne ich möglichst wenig. Es ist halt sehr anstrengend, wenn man noch zwei Taschen tragen muss und Jeans trägt. Lieber bin ich unterwegs wie eine gemütliche Bernerin.

Nun ein paar Entweder-oder- Fragen. Sportler des Jahres oder Olympia-Medaille?

Da wähle ich die Medaille.

Usain Bolt oder Roger Federer?

Federer, ganz klar. Obwohl Bolt schon auch ein cooler Typ ist.

Netflix auf der Couch oder abtanzen im Club?

Meistens Netflix, aber manchmal bin ich auch gern im Club.

Und nun bitte den Satz ergänzen. Wenn ich etwas in der Welt ändern könnte, würde ich …

… den Respekt vor der Natur erhöhen, ebenso gegenüber den Mitmenschen. Und sonst würde ich überall dort eingreifen, wo es derzeit schiefläuft.

Grausam geärgert habe ich mich …

… über mich selbst. Im 100-Meter-Halbfinal der WM konnte ich nicht zulegen.

Wir haben viel von dir erfahren. Nun darfst du den Spiess umdrehen: Was willst du von uns wissen?

David, treibst du auch Sport?

Ja, ich gehe ins Fitnessstudio, boxe, schwimme, jogge und bereite mich auf den 100-Kilometer-Lauf von Biel vor.

Hahaha, viel Spass!

Das wäre nichts für dich?

Nein, sicher nicht. Nicht einmal mit dem Velo. Und nun zu dir, Mark. Bist du schnell auf den Beinen?

Ja, sehr schnell. Wenn ich spät dran bin, stelle ich jedes Mal einen neuen Weltrekord auf … Mujinga, wir danken dir für das Gespräch. 

David Lula (18)

Lernender Detailhandel Interdiscount Biel BE. «Ich wäre gerne Mujingas Bodyguard geworden, so aber mache ich meine Lehre weiter. Auch gut.»

 

Mark Serov (19)

Lernender Detailhandel Interdiscount Oberwil BL. Hat nach der Fotosession mit Kambundji gemerkt, dass er nicht so schnell ist, wie er dachte.