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INTERVIEW

«Ich würde Männerfussball rauskicken»

Ralph Stöckli erklärt, auf welche Herausforderungen sich die Sportler an Olympia in Tokio 2020 einstellen müssen.

FOTOS
Keystone/Jean-Christoph Bott
29. August 2019

Früher war Ralph Stöckli (43) als Curler unterwegs. 2010 gelang ihm der Karrierehöhepunkt, als er an den Olympischen Spielen in Vancouver mit dem Schweizer Team Bronze holte. Danach stieg der gebürtige Uzwiler bei Swiss Olympic ein, 2016 leitete er als Chef de Mission der Schweizer Delegation seine ersten Olympischen Spiele, zwei Jahre später doppelte er in Pyeongchang in Südkorea nach. Doch zum Ausruhen bleibt keine Zeit: Im kommenden Jahr steht die olympische Grossveranstaltung in Tokio an. Stöckli steckt bereits mitten in den Vorbereitungsarbeiten. Schon fünfmal reiste er in die japanische Hauptstadt. Im Interview spricht er über Höflichkeitsfloskeln, neue olympische Sportarten und das japanische Essen.

Ralph Stöckli, was heisst auf Japanisch: «Wo geht es zur Essensausgabe?»

(Lacht.) Keine Ahnung. Mein Japanisch ist mehr schlecht als recht. Ein paar Höflichkeitsfloskeln kenne ich aber, das ist sehr wichtig. Jene Menschen, mit denen wir wegen der Olympischen Spiele zu tun haben, beherrschen aber ohnehin alle Englisch: Das ist heute die internationale Sportsprache.

Was ist sonst noch wichtig ausser diesen Höflichkeitsfloskeln, die man kennen sollte?

Es ist wichtig, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen, mit denen wir viel zu tun haben. Sie sollen unser Vertrauen spüren und ein gutes Gefühl haben, was unsere Zusammenarbeit anbelangt. Ist das der Fall, wird während der Spiele alles reibungslos ablaufen. Davon bin ich überzeugt.

Beschäftigen Sie sich als Delegationsleiter auch mit der Kultur und Geschichte des Landes?

Ja, das ist für mich sehr wichtig. Wenn jemand seine Leistung erbringen will, muss er sich auch wohl fühlen an einem Ort. Wendy Holdener setzte sich vor den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang extrem mit der Stadt auseinander und liess sich auf sie ein. Entsprechend wohl fühlte sie sich dort. Das Resultat war eindrücklich mit den drei Medaillen, die sie gewann. 

Was hat Sie in Tokio bei Ihren Erkundungen am meisten beeindruckt?

Es ist kaum zu beschreiben, wie respektvoll der Umgang miteinander ist. Deshalb fühlt man sich auch nicht gestresst, wenn man sich dort bewegt, obwohl es sich mit 38 Millionen Einwohnern um die grösste Stadt der Welt handelt.

Was könnte schwierig werden?

Die Japaner sind sehr gut organisiert. Es wird jedoch Dinge geben, die nicht funktionieren werden. Da eine schnelle Lösung zu finden, könnte sehr schwierig werden. Weil die Japaner absolut hierarchisch denken und kaum jemand das Gefühl hat, er dürfe selber etwas entscheiden. In Rio 2016 herrschte hingegen während der Vorbereitungen ein grosses Chaos. Aber als es dann drauf ankam, fand man sehr schnell Lösungen.

Es kommen nächstes Jahr an den Spielen neue Sportarten wie Wellenreiten oder Skateboarden dazu. Fluch oder Segen?

Grundsätzlich freue ich mich für jede Sportart, die olympisch wird. Und es ist verständlich, dass man mit neuen Disziplinen, die trendig sind, ein jüngeres Publikum ansprechen will. Gleichzeitig bin ich aber auch skeptisch, wenn diese ohnehin schon gigantische Veranstaltung jedes Mal noch grössere Dimensionen annimmt. Da muss das IOC aufpassen, dass irgendwann die Balance nicht verloren geht.

Was könnte man rauskicken?

Eine sehr schwierige Frage. Aber wenn ich mich entscheiden muss, dann sage ich: den Männerfussball. Der hat auch so schon einen hohen Stellenwert, der braucht die Olympischen Spiele definitiv nicht. Hingegen ist der Frauenfussball eine Bereicherung, das Commitment der Frauen zu den fünf Ringen ist sehr gross.

Wann sorgen Sie mit Swiss Olympic endlich dafür, dass der Orientierungslauf olympisch wird?

Es wäre zu kurz gegriffen, wenn wir als Dachverband einfach nur die Sportarten herauspicken, in denen wir international erfolgreich sind. Da gilt es, neutral zu bleiben und sich nicht irgendeine Brille anzuziehen.

Für Sie als ehemaliger Wintersportler dürfte es nicht einfach sein bei diesen hohen Temperaturen, die in Tokio herrschen.

Ich habe mich allerdings immer gefragt, weshalb ich Wintersportler geworden bin. Ich bevorzuge nämlich ganz klar warmes Wetter, wenn auch nicht ganz so warm wie in Tokio, wo oft Temperaturen von über 35 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit herrschen. Trotzdem bin ich sicher, dass ich damit umzugehen weiss. 

Wie schmeckt Ihnen die japanische Küche?

Sie spricht mich extrem an. Das sind richtige Geschmacksexplosionen, die sich da beim Essen einstellen. Sushi könnte ich immer essen, auch morgens. Shabu shabu finde ich super, das ist eine Art japanisches Fondue – natürlich ohne Käse.

Gibt es etwas, das Sie in Japan zum Lachen gebracht hat?

Sehr witzig fand ich, dass ich 1997 in Japan den Testwettkampf für Curling bestritt, das ja ein Jahr später olympisch wurde. Und da wurden wir von einer Japanerin betreut, die auch Deutsch spricht. 20 Jahre später ist es wieder sie, die uns an den Spielen in Tokio betreuen wird ...

… was wieder einmal zeigt, wie klein die Welt ist. Ralph Stöckli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.