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Interview

«Es sei wegen dem Dinkel»

Slalomstar Ramon Zenhäusern (27) ist mit Abstand der Grösste in seiner Familie. Im Interview erklärt er, woran das liegen könnte und welche Vor- und Nachteile seine 2,02 Meter mit sich bringen.

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Christian Pfamatter
08. Juli 2019

Ramon Zenhäusern kommt direkt von einem Dreh mit dem Schweizer Fernsehen. Für unser Gespräch treffen wir den 27-Jährigen daher im Zug von Bern nach Visp – im Speisewagen. So könne man die Zeit am besten nutzen, sagt er vorgängig am Telefon. Denn seit dem Gewinn der Silbermedaille im Slalom bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang (Südkorea) 2018 und der guten Saison im letzten Winter (zwei Weltcupsiege) ist der Walliser ein gefragter Mann und gehört nicht mehr nur wegen seiner beeindruckenden Körpergrösse von 2,02 Metern zu den Grossen.

Grüezi Herr Zenhäusern oder lieber Zehhiescher? Man hört ja beides.

In unserer Familie sagen wir Zenhäusern. Aber es stimmt, im Wallis gibt es viele Dialekte. Der Ursprung des Namens hat aber nichts mit «10 Häusern» zu tun – wie viele meinen –, sondern bedeutet «zu den Häusern».

Fahren Sie oft Zug?

Extrem oft sogar. Die Kollegen lachen mich zwar aus, weil ich einen fetten Audi hätte, aber ich fahre lieber mit dem Zug.

1. Klasse?

Sicher nicht.

Aber mit Ihren langen Beinen ...

... das geht schon. Ich bin auch nach dem Olympia-Empfang am Flughafen Zürich mit einer ganzen Medienschar im Speisewagen zurück nach Visp gefahren. Die waren total überrascht, dass ein Olympia­held die Bahn nimmt.

Wie vertreiben Sie sich die Zeit während der Fahrt?

In den letzten Jahren nutzte ich die Zeit, um für mein Wirtschaftsstudium an der Fernuni Schweiz zu büffeln, das ich nun Anfang Jahr mit dem Bachelor abgeschlossen habe. Dafür eignete sich die Zeit im Zug gut. Wohingegen Flugreisen für mich eine regelrechte Tortur sind.

Ist das der Grund, warum Sie Ihr Sommertraining auf den heimischen Gletschern absolvieren, während der Rest des Schweizer Ski-Teams nach Übersee ausweicht?

Das ist der Hauptgrund. Sie müssen sich vorstellen, das sind dann gegen 20 Stunden auf einem Stuhl in der Economy- Klasse. Das ist schon für jemanden mit einer normalen Statur nicht angenehm. Ich habe früher öfters erleben müssen, dass mein Körper nach solch einer Reise so verspannt war, dass es ein paar Tage brauchte, bis ich wieder voll leistungsfähig war.

Sie sind mit Abstand der Grösste der Familie. Gibt es einen Grund dafür?

Meine Mutter behauptet immer stinkfrech, dass es wegen dem Dinkel ist.

Was hat Dinkel damit zu tun?

Ich hatte als Kind oft Blähungen, dann gab mir meine Mutter immer Dinkel zum Essen, weil er dagegen wirkt. Was das aber mit dem Wachstum zu tun haben soll, müssen Sie meine Mutter fragen.

Welche Vorteile bringt Ihre Grösse beim Slalomfahren?

Beim lateralen, also dem seitlichen Gleichgewicht habe ich Pluspunkte gegenüber kleineren Fahrern. Durch meine langen Beine kann ich Löcher in der Piste besser ausgleichen und im Oberkörper trotzdem stabil bleiben.

Und die Nachteile?

Bei den Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen komme ich schneller aus dem Gleichgewicht. Aber mein Anreiz war immer, den anderen zu beweisen, dass man auch mit dieser Grösse ein guter Slalomfahrer werden kann. Das wurde doch ziemlich stark angezweifelt.

Seit 2017 arbeiten Sie mit einem Mentalcoach zusammen. Wobei konnte er Ihnen helfen?

Grosse Menschen neigen dazu, sich kleiner zu machen. Sie bücken sich zu ihren Mitmenschen runter und gewöhnen sich an diese Haltung. Mein Mentalcoach impfte mir ein, mich gross zu machen. Also Schultern zurück und Brust raus. Das gibt einem ein ganz anderes Selbstvertrauen. Powerposing nennt man das. Es wäre ja nicht gut, wenn ich vor einem Slalomlauf wie ein scheues Müüsli im Starthaus stehen würde.

Ihr Jugendtrainer Didier Plaschy wandte bei Ihnen ziemlich ungewöhnliche Trainingsmethoden an.

Ja, weil ich als Zwei-Meter-Mann nicht gleich trainieren kann wie ein Marcel Hirscher, der kompakt ist. Ich muss keine Schnellkraft trainieren, sondern setze auf das Gesetz der Natur – meine Hebel. Dafür muss ich eine sehr gute Technik haben. Das heisst, ich mache weniger Krafttraining und dafür viele Übungen für ein besseres Gleichgewicht.

Auch im Tennis waren Sie ein Talent und viermal Walliser Vize-Juniorenmeister.

Das stimmt. Mit zwölf Jahren habe ich aber auf den Skisport gesetzt, weil ich da mehr in der Natur bin. Im Winter nur in Tennishallen rumzuspringen, war nicht so mein Ding. Im Tennis war aber vor allem meine Schwester Romaine ein grosses Talent. Sie gehörte zu den 24 besten Tennisspielerinnen der Schweiz. Im Juniorenalter schlug sie gar Belinda Bencic.

Ski-Talent, Tennis-Talent und: «Marschmusik-Jugend-Schweizermeister» mit der Klarinette!

Das ist schon lange her. Heute spiele ich nur noch an Weihnachten. Zusammen mit meinem Opa. Er auf der Mundharmonika und ich auf der Klarinette. 

Grosses Multitalent

Nur wenige trauten dem Zwei- Meter-Mann mit den 100 Kilos eine Slalomkarriere zu. Spätestens mit seiner Silbermedaille bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang (Südkorea) 2018 lieferte der Walliser aus Visp den Gegenbeweis. Talentiert ist er auch im Tennis und auf der Klarinette.