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Interview

«Die Schweizer werden lockerer»

Rob Spence (53) ist Weltreisender, Strassenkünstler, Ehemann, Familienvater – und bringt die Schweiz zum Lachen. Im Interview erzählt der Australier von seinen Anfängen als Komiker und erklärt, was ihn hierzulande nervt.

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Christoph Kaminski
08. Juli 2019

 Rob Spence fühlt sich mittlerweile wohl in Schweizer Gefilden: «Die Schweizer haben mehr Spass am Leben.»

Rob Spence, sind Sie ein lustiger Mensch?

Ich bringe meine Frau zum Lachen. Das ist alles, was wichtig ist. Aber lustig ist Geschmackssache.

Sie proben die Gags vor Ihrer Frau?

Immer. Silvie ist mein wichtigster Sparringpartner – und viel mehr. Wir schreiben die Nummern zusammen. Ich bringe zunächst die Ideen grob zu Papier und dann überarbeiten wir alles gemeinsam. Als wir uns entschieden, zusammen zu reisen und meine Karriere aufzubauen, übernahm sie das Management. Sukzessive ist daraus mehr entstanden: Technik, Lichttechnik, das Schreiben und Umsetzen. Silvie führt in jeder Show die Regie. Sie coacht mich in sprachlichen Dingen und beim Timing. Sie ist ein integraler Teil meines Geschäfts als Komiker.

Klingt nach der perfekten Ehe.

Wir haben es saugut zusammen. Obwohl ich in meinen Sketches oft bös über meine Frau schreibe – und sie in ihren Sequenzen bös über mich schreibt. Aber am Schluss lachen wir über uns selber.

Wer ist Ihr Idol als Komiker?

Der US-Komiker Robin Williams. Er war und ist für mich das grösste Genie der Komik.

Aber er war auch ein Mann für ernste Rollen …

… und vermutlich lag darin seine grosse Stärke. Er hat eine klassische Schauspielausbildung durchlaufen – eine Pa- rallele zu meinem Werdegang. Auch ich besuchte eine Schauspielschule, lernte Pantomime und sammelte Erfahrungen als Strassenkünstler – genau wie Williams, der so entdeckt wurde. Dort suchten sie für eine Show einen Ausserirdischen. Ein Mitarbeiter sagte dem Produzenten: «Ich hab in Manhattan auf der Strasse einen Künstler gesehen, der einen Ausserirdischen spielt und dessen Hut ziemlich voll war.» Der Produzent sagte zunächst: «Ich soll einen Strassenkünstler engagieren?» Dann schauten sie sich Williams an – und gaben ihm die Rolle des Ausserirdischen in «Mork & Mindy». Das war eine total verrückte Show – und sein grosser Durchbruch.

Davon liessen Sie sich inspirieren?

Ja, obwohl mir meine Mutter verboten hatte, die Show anzusehen. Denn ich habe einen geistig behinderten Bruder – und meine Mutter reagierte sehr sensibel, wenn sie das Gefühl hatte, dass in der Komik Behinderte nachgeäfft werden. Deshalb wollte sie auch nicht, dass ich Jerry Lewis anschaue. Sie sagte: Der spielt doch nur Behinderte.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Komik Ihre Sache ist?

Es war bei einem Engagement in einem Vergnügungspark in Australien. Ich war dort als Tänzer und Schauspieler angestellt – und zeigte auch Breakdance-Einlagen und Pantomime. Dabei wurde mein komödiantisches Talent entdeckt. Die Zuschauer fanden mich spontan lustig. So wurde ich quasi über Nacht zum Komiker und konnte mit meiner Passion auf Anhieb Geld verdienen.

Wie kamen Sie in die Schweiz?

Ich war 20 Jahre alt und traf auf einer Weltreise in Luzern Silvie. In den Strassen von Luzern wurde das Feuer entfacht. Später zog Silvie mit mir für ein paar Jahre nach Australien. Wir kehrten aber in die Schweiz zurück, weil hier von den Distanzen her alles einfacher ist. Ich hätte eine Karriere in Australien, in den USA oder in England anstreben können – aber dort ist man stets unterwegs. In der Schweiz dagegen kann man auch als Komiker zu Hause leben und jeden Tag normal zur Arbeit gehen. Das Ermüdendste an meinem Beruf sind die Reisen.

Besitzen Sie den Schweizer Pass?

Ich rief gestern kurz vor Büroschluss auf die Gemeinde in Zug, um die Einbürgerungsunterlagen anzufordern. Ich habe Silvie gesagt: «Ich habs gemacht. Ich kriege die Dokumente morgen.» Es wurde allmählich auch Zeit. Silvie ist Solothurnerin. Wir sind 35 Jahre zusammen, 25 Jahre verheiratet und haben zwei erwachsene Kinder.

Was nervt Sie an den Schweizern?

Es gibt an allen Kulturen etwas, das einen nervt. Bei den Schweizern war es am Anfang die fehlende Spontaneität in der Kontaktaufnahme. Man muss sich das Vertrauen der Menschen erarbeiten, bis man zu jemandem eingeladen wird. Das war schwierig für mich. Jetzt nicht mehr. Heute habe ich viele gute Freunde hier.

Können sich die Schweizer da etwas von den Australiern abschauen?

Ja, Spontaneität und eine gewisse Flexibilität. Aber es wird immer besser.

Es wird besser?

Ja. Die Schweizer werden lockerer. Die Schweizer haben mehr Spass am Leben als noch in meinen Anfangsjahren hier. Als ich vor 30 Jahren hierhin kam, dachte ich: Oh Gott, die sind ja alle tod­ernst. Heute spüre ich dies nicht mehr. Die Veränderung lässt sich auch in der Komik beobachten: Das Themenspektrum wird immer breiter. Die jungen Komiker sprechen ganz neue Sachen an. Tabus kennen sie fast keine mehr. Das finde ich geil.