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Interview

«Das war eine grausame Zeit»

Der Liedermacher Stephan Eicher (58) erzählt vom Zwist mit der Plattenfirma, seiner Rückkehr zu den Berner Wurzeln und den höllischen Schmerzen, die ihn zuletzt stoppten.

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David Marchon
18. Februar 2019

 Wieder auf der Bühne: «Das Leben besteht nicht nur aus Enttäuschungen», sang Stephan Eicher im Chanson «Confettis».

Erfolgsgarant

«Hüh!» als neustes Album

Stephan Eicher, 1960 in Münchenbuchsee BE geboren, ist einer der erfolgreichsten Schweizer Musiker. Der Spross einer jenischen Familie kam mit vielen seiner Lieder – von Chanson bis Pop und Rock – in die Charts. Er ruhte sich aber nie auf den Lorbeeren aus und erfand sich immer wieder neu. Dazu gehört auch, dass er gern mit anderen Musikern und Kulturschaffenden zusammenarbeitet. 2017 gab er mit Schriftsteller Martin Suter (70), der die Texte beisteuerte, das «Song Book» heraus, ein Büchlein mit Geschichten und Liedern auf Mundart. In diesen Tagen veröffentlicht Eicher zusammen mit der Berner Band Traktorkestar das Album «Hüh!».

Stephan Eicher, warum dauerte es sechs Jahre, bis es nun wieder ein richtiges Album von Ihnen gibt?

Weil ich mit meiner Plattenfirma im juristischen Clinch war. Das war eine grausame Zeit, weil ich nicht das Recht hatte, irgendetwas zu veröffentlichen.

Wie kam es zum Zwist?

Um 2012 schlug die Krise der CD voll durch. Die personellen und finanziellen Ressourcen der verschiedenen Musik­labels für die Produktion eines Albums wurden in einem gefährlichen Ausmass verkleinert, bis sie irgendwann noch ein Drittel des Beitrages ausmachten, der früher aufgewendet worden war. Vorher konnte ich sagen: «Leute, ich habe in Engelberg einen stillgelegten Palast mit einer wunderbaren Akustik entdeckt. Lasst uns dort ein Album aufnehmen!» Und man folgte mir. Plötzlich waren solche innovativen Projekte nicht mehr möglich. Das machte mich wütend.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe bei der Plattenfirma protestiert: «Wie soll man die gleiche Qualität erreichen, wenn dreimal weniger Mittel zur Verfügung stehen?» Die Antworten befriedigten mich nicht. Ich war arrogant genug, um schliesslich die Plattenfirma vor Gericht zu ziehen. Der Prozess zog sich eine Ewigkeit hin und kostete mich ein Vermögen. Heute sehe ich diese lange Zeit als Chance.

Weshalb als Chance?

Weil ich so gezwungen war, mir die entscheidende Frage zu stellen: Was bleibt mir, wenn ich kein Album mehr aufnehmen kann?

Wie lautet Ihre Antwort?

Mir bleiben mein musikalisches Repertoire und mein Publikum! Damit ich das eine mit dem anderen verbinden konnte, trat ich überall auf, wo sich mir die Gelegenheit bot – ohne längere Pause, aber mit der grössten Gestaltungsfreiheit, wie ich sie vorher nicht gekannt hatte. So entstand auch die Show «Stephan Eicher und die Automaten», wo ich mich mit einer Band aus Automaten umgab.

Seit 2016 sind Sie mehrheitlich in Bern. Woher dieses Bedürfnis, zu Ihren Wurzeln zurückzukehren?

Ich kehrte zurück, weil ich mich um meine Eltern kümmern wollte. Sie verkauften ihr vertrautes Heim, um ins Altersheim zu gehen. Es dauerte monatelang, bis ich wieder gelernt hatte, der Sohn zu sein, der Bern einst mit 17 Jahren im Nachtzug nach Paris verlassen hatte. Diese Stadt ist schön, melancholisch, langweilig und gleichzeitig voller Kraft. Bern erinnert mich an Bologna oder an Arles – kalt und majestätisch, reich und geheimnisvoll, so wie keine andere Stadt der Schweiz. Bern ist aber auch der Ort, wo ich Traktorkestar begegnet bin …

«Was bleibt mir, wenn ich kein Album mehr aufnehmen kann?»

Stephan Eicher, 58

… die sich selber als «herz- und kopfzerreissende Blaskapelle» bezeichnet.

Ich hatte grosse Lust, meinen jenischen Wurzeln nachzuspüren. Und es war ganz wichtig für mich, dass ich wieder Teil eines Ensembles war. Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, alleine in einem Kampf zu bestehen, wie ich ihm plötzlich ausgesetzt war. Eine Gruppe bietet auch einen gewissen Schutz, und den benötigte ich.

Indem Sie mit Traktorkestar «Hüh!» veröffentlichen, scheint der Streit mit Ihrer Plattenfirma beendet. Wie war das möglich?

Mein Team sagte irgendwann: «Du kannst nicht nur herumtouren, es braucht auch ein Album.» Und ich wurde darauf hingewiesen, dass neue Kräfte am Ruder meiner Plattenfirma sind. Ich traf sie und begegnete Menschen mit grosser Leidenschaft. Eine Woche später sass ich bereits in meinem Pariser Studio und nahm «Hüh!» auf. Schliesslich, kurz vor dem Sommer, liess mich mein Körper im Stich.

Stephan Eicher: «Ich bin so weit, dass ich auf die Matte zurückkehren kann.»

Was meinen Sie damit?

Ich war körperlich total erschöpft von den Anstrengungen des jahrelangen Herumtourens. Auch psychisch, das gebe ich zu, war ich wohl angeschlagen. Als ich im Juni einen Autounfall hatte, bei dem ich mich am Rücken verletzte, wollte ich dem nicht zu viel Gewicht beimessen. Ich dachte nur an die nächste Tour. Doch irgendwann sagte mein Körper: «Stopp!» Die Bandscheibe! Ich musste alle Konzerte absagen und fühlte mich wie ein Boxer, der gerade k.o. gegangen war. Nun bin ich wieder so weit, dass ich auf die Matte zurückkehren kann.

Stephan Eicher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.