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Interview

«Dunkle Gedanken verschwinden wieder»

Andres Andrekson (42) über den Erwartungsdruck als Rapper Stress, seine Depressionen und die konstruktive Bewältigung der Beziehungskrise mit Model Ronja Furrer.

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Christoph Kaminski
30. September 2019

«Ich habe nie abgehoben, denn selbst, wenn alles super ist, lehrt dich das Leben Demut.»

Wettbewerb

CDs von Stress zu gewinnen

Wir verlosen 5 signierte Exemplare des neuen Stress-Albums «Sincèrement» (Universal Music).

Wie geht es Ihnen?

Ich fühle mich besser als vor einem Jahr, weil ich viel an mir gearbeitet habe. Dank meiner Psychologin und verschiedenen Therapien habe ich gelernt, nicht panisch zu reagieren, wenn ich in einer Depression stecke. Weil ich mich nun besser kenne und klar ist, dass es immer Schwankungen gibt, habe ich das Vertrauen gewonnen, dass die dunklen Gedanken wieder verschwinden werden.

Gab es einen besonderen Grund, dass Sie sich so intensiv mit sich auseinandergesetzt haben?

Es sind ein paar Dinge in meinen Beziehungen passiert, die nicht so cool waren. Ich war davor schon in Therapie und wusste deshalb, dass ich jetzt noch mehr machen musste, um meine Wut und Frustration zu bekämpfen. Das Nachdenken über meine Gefühle und Verhaltensmuster war der Wegweiser, den ich brauchte, um meinen Weg durch diese mit Ängsten und anderen negativen Emotionen gepflasterte Welt zu finden.

War das der einzige Grund, weshalb es fünf Jahre dauerte, bis Ihr Album «Sincèrement» (ehrlich) fertig war?

Ich brauchte Zeit, um herauszufinden, wohin ich mich musikalisch weiterentwickeln wollte. Mit 35 Jahren fühlte ich mich wie ein Gefangener der Erwartungen, welche die Leute mir gegenüber hatten, weil ich Stress war. Am Anfang meiner Karriere im Hiphop war das noch viel einfacher. Ich war ein Emigrant, der nichts zu verlieren hatte und neben dem Studium und seinem guten Job mit Double Pact Musik machte. Darauf habe ich solo Karriere gemacht und viel Geld verdient, aber immer mehr realisiert, dass mich das allein nicht glücklich macht.

Was war bei der Platte für Sie die grösste Herausforderung?

Um nicht mehr von Produzenten abhängig zu sein, begann ich ausser den Texten auch die Musik selbst zu machen. Das Projekt Trust mit meinen Freunden, Avantgarde-Musikerin Evelinn Trouble und Pegasus-Bassist Gäbu Spahni, war für mich eine Art Weiterbildung. Wir sassen zu dritt am Steuer. Seither habe ich die Kontrolle und würde sie nur noch ungern abgeben.

Bei einem so erfolgreichen Künstler würde man erwarten, dass er sie schon lange hat …

Schauen Sie sich die ganzen Biopics an, ob sie nun von Pablo Escobar oder Ray Charles handeln. Bei allen geht es lange aufwärts und dann kommen sie an den Punkt, wo sie sich neu erfinden müssen, denn es reicht auf Dauer nicht, wenn man sich nur wiederholt. Viele Musiker meiner Generation, mit denen ich gesprochen habe, waren frustriert, weil es bei ihnen nicht mehr lief. «Hast du probiert, mal etwas Anderes zu machen?», habe ich sie gefragt. «Nein, denn die Leute wollen eh, was sie kennen.»

«Ich hatte einen Hangover und es war Schweisswetter.»

 

Und das stimmt nicht?

Nein, man kann die Leute nicht für dumm verkaufen. Ich kenne niemanden, der die vierte Version eines Albums will, das mal erfolgreich war. Wir Künstler in der Schweiz müssen mehr Mut haben. Viele glauben, dass die Kuh immer viel Milch geben wird. Mit ihrer Einstellung blockieren sie den Flow für die junge Generation, die hungrig ist. Deshalb habe ich versucht, mutig zu sein.

Hat das auf Anhieb funktioniert?

Bei den ersten Songs, die wir gemacht haben, hatten wir stets das Gefühl, uns selbst zu bescheissen. So haben wir nach sechs Monaten eine neue Regel entworfen: Sobald wir nur ein bisschen das Gefühl haben, dass daran etwas nicht gut ist, werfen wir den Song in den Müll. Das ist radikal, aber wir wollten etwas tun, an das wir glauben.

Es gab keine Kompromisse zugunsten der Kommerzialität?

Nein, ein Lied musste nur authentisch sein. Es gibt schon genug Musik, die nur zur Unterhaltung da ist. Im Auto höre ich die auch gerne. Meine Songs sind intimer.

Sind die alle autobiografisch? Hatten Sie tatsächlich Selbstmord-Gedanken?

Ja, die erste Hälfte von «Petites Pensées» habe ich in einer Nacht geschrieben, aber nachgedacht hatte ich über den Song bereits ein Jahr lang. Ich erinnere mich, wie es begonnen hat: Es war an einem Sonntag, ich hatte einen Hangover und es war Scheisswetter. Ich war allein und fühlte mich nicht gut. Das war der Samen, der langsam spross. Nach sechs Monaten merkte ich, dass ich in einer Depression steckte. Der Song erlaubte mir, auf Distanz zu gehen. Ich hoffe, er hilft auch anderen Menschen, denn er erklärt alle Phasen der Krankheit.

Andres Andrekson alias Stress fühlt sich in einem Alter, in dem er gerne eine Familie hätte.

Sie schienen die Bodenhaftung trotz Ihres grossen Erfolgs nie verloren zu haben. Stimmt das?

Ja, ich habe nie abgehoben, denn selbst, wenn alles super ist, lehrt dich das Leben Demut. Ich hatte Rückenprobleme – konnte nicht laufen, sitzen und schlafen. Das war für mich der Moment, um erwachsen zu werden und mich zu fragen: Was für ein Mann will ich sein?

Wie lautet die Antwort?

Ich bin in einem Alter, in dem ich gerne eine Familie hätte. Aber mein Vater eignet sich für mich nicht als Vorbild. Ich habe das Familienleben mit ihm gehasst. Also muss ich noch herausfinden, wie ich das besser hinkriegen kann.

Die Single «A chaud et à froid» zeugt auf jeden Fall schon vom Verständnis, dass an einer Beziehungskrise nie nur eine Seite Schuld ist.

Als ich Ronja auf Instagram entdeckte, wie sie einen anderen Mann küsste, habe ich in meinem Schmerz einen Song gemacht und ihn ihr geschickt. Sie sagte, das sei nicht die ganze Wahrheit. Und sie hatte Recht. Deshalb heisst es nun im zweiten Teil des Textes, ich wisse, dass ich mit dafür verantwortlich bin, wo wir jetzt sind. Ich hatte die Person, die ich am meisten liebe, nicht in mein Leben gelassen.

Und es gab keine Trennung.

Ich dachte: Wenn du dir darum eine neue Freundin suchst, bist du in sechs Jahren vielleicht wieder am gleichen Punkt. Wenn wir aber verstehen, wie es mit uns so weit gekommen ist, und nicht wegwerfen, was uns verbindet, können wir unsere Beziehung weiter entwickeln.

Sie waren schon zu vielen Neuanfängen gezwungen, durch den Umzug in die Schweiz, die Trennungen vom Vater, Ihrer Band Double Pact und Melanie Winiger …

Und von meiner ersten Frau, die Borderlinerin war, sich selbst verletzte. Ich habe mich stets gefragt, weshalb sie ein Teil meines Lebens geworden war. Die Probleme, die ich bei ihr gesehen habe, erkannte ich zehn Jahre später an mir selbst wieder. So habe ich mich besser verstanden.

Weshalb haben Sie den fast visionären Künstlernamen Stress gewählt?

Den haben mir meine Freunde von Double Pact gegeben. Vor einem Konzert kam es zu einem verbalen Schlagabtausch mit Nega. Er fuhr mich an: «Hör auf, so einen Stress zu machen!» Danach haben sie mich zuerst Stressant genannt und dann einfach Stress.

Sie rappen auf Französisch, wohnen aber seit Jahren in Zürich. Wie oft sind Sie noch in der Romandie?

Meine ganze Band lebt in Lausanne, und meine Mutter. Das Pendeln ist für mich sehr wichtig. Aber mein Haus und mein Studio stehen in Zürich.

Sind Sie jemand, für den es keinen Röstigraben gibt?

Ich denke, wenn man versteht und akzeptiert, dass die Menschen je nach Region anders ticken, ist er überhaupt kein Problem. Es macht keinen Sinn, den Romands beibringen zu wollen, dass sie so pünktlich wie die Deutschschweizer zu einer Verabredung kommen. Ich nehme die Mentalitätsunterschiede gelassen und bin dankbar, dass ich die Schweiz als Ganzes meine Heimat nennen darf.

Sie haben 2007 für die Coop-Kampagne gegen Klimaerwärmung das Lied «On n’a qu’une terre» geschrieben – einer Ihrer grössten Hits.

Ich stehe immer noch voll dahinter, aber als Künstler musst du aufpassen, dass du nicht wie Bob Geldof darauf reduziert wirst. Ich bringe in «Tu le sais» meine Meinung zum zunehmenden Rassismus zum Ausdruck und bin froh, dass in der Generation Greta viele für die Umwelt kämpfen. Vor zwölf Jahren hatte ich noch das Gefühl, damit allein zu sein.

Andres Andrekson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

unverblümt

Rekord-Gewinner

Der Rapper Stress, der in seiner Solo-Karriere die Rekordzahl von neun Swiss Music Awards gewann, kam mit 12 Jahren als Andres Andrekson aus dem damals noch sowjetischen Tallinn (Estland) nach Lausanne. Er studierte Wirtschaft und arbeitete bei einem Weltkonzern in Genf. Elf Jahre bildete er mit Double Pact eine der bekanntesten Schweizer Hiphop-Formationen. Als Solokünstler erreichte er in den Schweizer Charts fünfmal Platz 1. Das neue Album «Sincèrement» beeindruckt durch autobiografische Texte, erfrischenden Sound-Mix und eine Single mit Welthit-­Format: «God Knows».

Weitere Informationen hier: https://www.stressmusic.com