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Interview

Was macht ein Zeitforscher?

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16. September 2019

Ivo Muri (60), Zeitforscher

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Was macht ein Zeitforscher?

Was ein Zeitforscher im Allgemeinen macht, kann ich nicht sagen. Ich selbst hatte einen ganz speziellen Ansatz: Ich habe als Hersteller von Uhren und Zeiterfassungssoftware festgestellt, dass immer mehr Menschen Zeitprobleme haben, die sich mit Uhren oder Software nicht lösen lassen. Die Menschen klagen zunehmend darüber, dass sie mit Zeit nicht wunschgemäss umgehen können. Ich wollte wissen, was der Unterschied zwischen der Zeit und der Uhr und warum Zeit Geld ist.

Was ist Zeit?

Zeit ist nichts anderes als Lebensenergie. In den verschiedenen Kulturen hat die Lebensenergie verschiedene Namen: Der Inder spricht vom Prana, der Chinese vom Chi, der Ägypter oder der Afrikaner vom Ka, der Psychologe von der Psyche und der Pfarrer von der Seele. Und alle meinen mit diesen Begriffen die Lebensenergie, die jedem Lebewesen innewohnt, solange es lebt.

Und diese Lebensenergie lässt sich mit Zeit gleichsetzen?

Ja. Zeit ist ein Synonym für Lebensenergie. Am deutlichsten kommt das im Französischen zum Ausdruck: Le temps heisst gleichzeitig Zeit und Wetter. Das Wetter ist nichts anderes als die Lebensenergie der Umwelt. Wir haben uns im Lauf der Zeit auf die Uhr konditioniert und dadurch das Gefühl für die Zeit verloren. Buddhisten jedoch kennen den Unterschied zwischen der Uhr und der Zeit, also der Lebensenergie, sehr gut.

Heute haben die Menschen oft Stress, also «keine Zeit». Ist das die grosse Volkskrankheit der westlichen Zivilisation?

Ja, das kann man so sagen. In einer Krankenkasse-Studie vor ein paar Jahren gaben zwei von drei Schweizern an, mit Zeit nicht richtig umgehen zu können. Das ist eine Zivilisationskrankheit. Daraus resultieren dann andere Symptome. Zwei von drei Schweizern sagen auch, sie könnten nicht richtig schlafen.

Aber das ist doch ein reines Luxusproblem?

Absolut. Das unterstreicht das Phänomen, dass es viele Länder mit finanzieller Armut gibt, in denen es den Menschen psychisch aber besser geht. Wir müssen wieder verantwortungsfähig werden, wenn es um unsere Zeit geht. Viele Leute, vom CEO bis zum einfachen Angestellten, haben das Gefühl, nicht selbst über ihre Zeit und damit ihr Leben zu verfügen, sondern Herrn Markt und Frau Wirtschaft ausgeliefert zu sein. Menschen in ärmeren Ländern haben vielleicht weniger, aber sie fühlen sich handlungsfähig.

Der zeitliche Druck in der Arbeitswelt steigt stetig. Denken Sie, da wird irgendwann ein Umdenken stattfinden, oder geht das weiter bis zum Kollaps?

An dieser Frage merken Sie, wie wichtig die Zeitforschung geworden ist. Denn wenn ich den Unterschied zwischen Uhr und Zeit nicht kenne, wie soll ich dann richtig mit der Zeit umgehen? Ohne ein neues Zeitbewusstsein wird nichts passieren. Der Kollaps ist unabwendbar. In der Wirtschaft haben wir in den letzten zwanzig Jahren drei Dinge gemacht: Deregulierung, Globalisierung, Privatisierung. Genau dadurch fühlen wir uns zunehmend handlungsunfähig. In einer Währungsunion wird Zeit zu unterschiedlich viel Geld gemacht. Daraus entsteht die Wahrnehmung, dass die Zeit in einem ungarischen Dorf viel langsamer läuft, als beispielsweise in London. Städte und Dörfer brauchen dringend wieder mehr Struktur, also Regulierung, Regionalisierung und Staatsregale, um zu entschleunigen.

Das Konzept des Zeitsparens funktioniert folglich auch nicht, denn Zeit kann man nicht speichern.

Genau. Zeit kann man nicht haben, nur leben. Zeit ist einfach. Sie sind ausgestattet mit Lebensenergie, und die können Sie einsetzen, um tätig zu sein oder nur zum Wahrnehmen. Wer lebt, hat immer Zeit. Aber sparen können wir sie nicht. Sie können höchstens versuchen, Ihre Lebensenergie effektiv und effizient einzusetzen, daraufhin zielen die Zeitmanagement-Techniken ab.

Also ist auch die Aussage «Zeit ist Geld» falsch. Geld lässt sich anhäufen und übertragen, Zeit nicht – also ist Zeit wertvoller.

Genau so ist das. Das Konzept «Zeit ist Geld» basiert auf der doppelten Buchhaltung, die wir führen. Wir verknüpfen die Zeit mit dem Geld und rechnen mit Stunden und Tagen, so als würden wir Geld zusammenzählen. Zeit ist Geld definiert immer eine Sozialpartnerschaft. Zeit ist Geld wegen allem, was wir als fixe Kosten bezeichnet: Stundenlohn, Monatslohn, Monatsprämie, Monatszins etc. So wird Zeit in Geld beziffert und gezählt. Diese Fixkosten haben die Tendenz, stetig zu wachsen und damit das Hamsterrad zu beschleunigen. Und in einem deregulierten, globalisierten, privatisierten System ist eben niemand mehr da, um die Fixkosten als Treibermechanik des Hamsterrades zu regulieren. Weil Zeit Geld ist, muss man immer wieder über die Politik in die Wirtschaft eingreifen, damit die Wirtschaft nicht zum selbstzerstörenden Selbstläufer wird. Das könnten wir definitiv aus der Wirtschaftsgeschichte lernen.

Wir haben aber eine begrenzte Lebenszeit, die wir sinnvoll einsetzen sollten. Wenn wir aber uns nur mit Dingen beschäftigen, die uns Spass machen, dann vergeht doch unser Leben viel zu schnell, oder nicht?

Die Wahrnehmung der Zeit, ob sie schnell oder langsam vergeht, hat viel mit der eigenen Präsenz zu tun. Wer sehr bewusst wahrnimmt, hat ein anderes Zeitempfinden. Wenn Sie im Auto nach Zürich fahren und Ihre Gedanken kreisen lassen, haben Sie das Gefühl, sehr schnell in Zürich anzukommen. Wer aber im Stau sitzt und sich über die Situation aufregt, für den vergeht die Zeit kaum, weil er die Situation intensiver erlebt. Je bewusster Sie wahrnehmen, umso vielfältiger sind Ihre Eindrücke.

Deshalb hört man auch immer, man soll den Moment geniessen.

Genau, das heisst, präsent zu sein. Dann tauscht man Lebensenergie mit Pflanzen, Tieren oder anderen Menschen. Am intensivsten erlebt man das, wenn man verliebt ist. Da geniesst man mit dem Partner jede Sekunde und tauscht dabei Lebensenergie aus. Im Stress geht das all das unter, da tauscht man sich nicht einmal mehr mit sich selbst aus.

Nun ist uns die Zeit davongelaufen. Passiert Ihnen das oft?

Natürlich. So musste ich auch die schwere Entscheidung treffen, ob ich es schaffe, Zeitforschung zu betreiben und gleichzeitig einem IT-Unternehmen vorzustehen. Ich habe es nicht geschafft und deshalb meine Firma verkauft. Ich konnte mich selbst aus dem Hamsterrad etwas herausnehmen, nicht aber die Firma selbst. Trotzdem bin ich immer noch in die Gesellschaft und ihr kollektives Hamsterrad eingebunden. Ich bin kein Bruder Klaus. Mir geht es als Zeitforscher etwa wie Momo im Roman von Michael Ende. Es gibt drei Arten von Zeit: Lebensenergie, die Planetenbewegung, also die Zeit der Uhren und Zeit ist Geld. Ich arbeite daran, den Menschen das Verständnis für diese drei Arten von Zeit zu vermitteln.