X

Beliebte Themen

Interview

Bodenständig

Wendy Holdener ist der Liebling der Schweizer Skifans. Im Interview erklärt die Schwyzerin, welche Begegnungen sie auf dem Sessellift nicht so lustig findet und ob es ihr etwas ausmacht, dass sie im Slalom so oft «nur» Zweite wurde.

FOTOS
Gian Marco Castelberg
21. Oktober 2019

Wendy Holdener hat gelernt, wie man alles unter einen Hut bringt und die Balance behält.

Als Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin zählt Wendy Holdener zu den erfolgreichsten Schweizer Sportlerinnen. Entsprechend begehrt ist die 26-Jährige aus Unteriberg als Gesprächs- und Werbepartnerin. Doch wenn es zu viel wird, kann sie auch Nein sagen. Umso schöner, dass sie zu diesem Interview Ja sagt.

Wendy Holdener, bei welcher Frage fädeln Sie ein?

Das kommt auf die Fragen an … ich hoffe bei keiner. (Schmunzelt.)

Gibt es Situationen im Alltag, in welchen Sie ins Straucheln kommen?

Am ehesten dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich zu wenig Zeit habe oder dass ich zu müde bin. Das ganze Programm unter einen Hut zu bringen und in der Balance zu bleiben, ist nicht einfach. Zum Glück lerne ich dazu, wie ich am besten damit umgehen kann. Es kommt immer weniger vor, dass ich überfordert bin.

Fahren Sie eher Slalom oder sind Sie der fadengerade Typ, der auch Nein sagen kann?

Ich kann schon Nein sagen. Gerade habe ich eine Anfrage von einem Bekannten erhalten – und abgesagt. Weil es einfach nicht in mein Programm hineinpasst. Im Oktober, wenn es Richtung Saison- start geht, lautet unsere Devise, dass wir nur noch wenig in den Alltag reinpacken, was nicht mit Skifahren zu tun hat. Der Sport hat immer Priorität, ab Oktober ordne ich ihm alles unter.

Trotzdem sind Sie nochmals in die Ferien gegangen.

Ja, das ist wichtig. Wir waren ja drei Wochen im Trainingslager in Argentinien. Es ging deshalb darum, in Mallorca nochmals die Batterien aufzuladen. Mit viel Sonne und Meer, aber klar reduziertem Trainingsumfang. Ich machte dafür im Juli keine Ferien. Auch hier geht es darum, das Gleichgewicht zu wahren. Eine sinnvolle Ferienplanung kann auch förderlich für den Sport sein – ich ging ja nicht an den Ballermann. (Lacht.)

Bei was lassen Sie sich Zeit?

Bei dieser Frage … (Lange Pause.) Ich würde sagen: beim Essen. Da versuche ich möglichst ganz abzuschalten und mich durch nichts stressen zu lassen.

Wann mussten Sie letztmals am Skilift anstehen?

Das war in Argentinien …

… weil man Sie nicht kannte?

Ich muss normalerweise eher in der Schweiz anstehen. Sogar an der Heim- WM in St. Moritz war das der Fall. Es ist also nicht so, dass sich für mich automatisch die Schleusen öffnen. Aber weil wir oft in den Skigebieten unterwegs sind, wenn es nicht so viele Leute hat, ist das kein Problem.

Fänden Sie es denn peinlich, wenn Sie Vortritt hätten und Sie sich direkt vor die Wartenden in die Spur stellen dürften?

Wenn die anderen motzen würden, wäre es mir tatsächlich peinlich. Was in Europa schnell mal der Fall ist.

Ah ja?

Ja, in Argentinien haben die Menschen viel mehr Verständnis. Da gibt es sogar einen Lift, wo sie uns direkt vorne reinlassen. Niemand beklagt sich darüber. Wie sagt man doch so schön: andere Länder, andere Sitten.

Darf man Sie auf dem Sessellift ansprechen oder wollen Sie eher Ihre Ruhe?

Im Normalfall habe ich kein Problem damit, wenn die Menschen sich mit mir unterhalten wollen. Ich sage bewusst: unterhalten. Es gibt solche, die mich richtiggehend ausquetschen und Hunderte von Fragen stellen. Das finde ich weniger lustig, gerade vor einem Rennen. Da hoffe ich auf Verständnis.

Gefällt Ihnen die Après-Ski-Musik, zum Beispiel DJ Ötzi?

Mit Hardcore-Après-Ski-Musik kann ich wenig anfangen. Mir gefällt Musik, zu der man tanzen kann.

«Gold-Schätzeli», «Slalom- Schätzeli», «Schätzeli der Nation» – was halten Sie von diesen Bezeichnungen, die der Boulevard für Sie verwendet?

Ich sage mir: lieber so als umgekehrt. Es ist doch schön, dass ich bei den Menschen offenbar gut ankomme. Ich fühle mich geehrt und nicht peinlich berührt. Natürlich hoffe ich auch, dass es keine Negativschlagzeilen gibt, wenn der Erfolg mal ausbleibt.

Eine Zeitung hat Sie als «Gegenentwurf zu Lara Gut» bezeichnet.

Was ja stimmt. Wir sind sehr verschieden. Ich bin sicher ruhiger. Und im Moment auch offener für die Öffentlichkeit, etwa was Social Media anbelangt. Auch wenn wir miteinander reden, haben wir oft ganz andere Ansichten. Was aber absolut in Ordnung ist. Und mit einem Fussballer bin ich auch nicht zusammen. (Lacht.) Wir haben es meist gut miteinander. In Argentinien war sie dieses Mal ebenfalls dabei.

Ist es Pech, dass Sie gerade in der Ära von Mikaela Shiffrin Ski fahren?

Natürlich habe ich bis jetzt sicher weniger gewonnen, weil sie mitfährt. Aber ich sehe es positiv: Ich weiss nicht, ob ich ohne sie als Skifahrerin dasselbe Niveau erreicht hätte wie jetzt. Mikaela zwingt uns alle, noch eine Schippe draufzulegen und besser zu werden. Ich finde es spannend, so wie es jetzt ist, und würde deswegen nie hadern.

Ihre Slalom-Bilanz im Weltcup: elfmal Zweite, elfmal Dritte, aber nullmal Erste. Das ist doch brutal!

Stimmt. Ich breche trotzdem nicht in Tränen aus. (Lacht.) Es hat halt einfach noch nicht gepasst.

Wendy Holdener wurde elfmal Zweite und elfmal Dritte im Slalom. Aber: «Ich breche deswegen nicht in Tränen aus.»

Wollen Sie exklusiv an dieser Stelle etwas Grossartiges für die kommende Saison ankündigen? Zum Beispiel, dass Sie den Sieg im Gesamtweltcup anpeilen?

Haha.

Wer sind die Grössten ever im Skisport?

Bei den Männern nenne ich Marcel Hirscher. Achtmal Gesamtweltcupsieger und so viele Medaillen, das spricht doch für sich. Bei den Frauen wird Mikaela Shiffrin Lindsey Vonn ablösen, wenn es so weitergeht und sie gesund bleibt.

Wo ist es am schönsten?

Im Winter zu Hause, weil ich dann so selten da bin. Im Sommer am Meer. Am wichtigsten ist jedoch, mit wem man zusammen ist. In guter Gesellschaft spielt es keine Rolle, wo man sich befindet.

Sie sind gelernte Rezeptionistin mit KV-Abschluss. Haben Sie einen besonders kritischen Blick auf die Unterkünfte, in denen Sie während der Saison halt machen?

Nein, gar nicht. Wir begegnen allem – vom perfekten Traumhotel bis zur grössten Bruchbude habe ich schon alles erlebt. Einmal waren wir in einer wirklich sehr gewöhnungsbedürftigen Unterkunft untergebracht, die drei verschiedene Bodenbeläge hatte: Holz, Teppich, Nylon oder so was in dieser Richtung. Das half mir, auf dem Boden zu bleiben. (Lacht.) Immerhin durfte ich mich glücklich schätzen, dass ich das Bad im Zimmer hatte. Aber ich bin nicht kompliziert. Wichtig ist mir in einem Hotel eigentlich nur, dass das Bett in Ordnung ist und ich gut essen kann – es also Gerichte gibt, die sich für Spitzensportler eignen.

Was eignet sich definitiv nicht?

Wenn es beim Abendessen nur Bratwurst und Pommes frites gibt, wird es schwierig. Ist alles schon vorgekommen, zum Glück nur selten. Dann muss man halt spontan etwas anderes bestellen.

Der grösste Fehler, den ein Gast machen kann?

Wenn er gegenüber den Hotelangestellten jeglichen Respekt vermissen lässt. Das finde ich inakzeptabel.

Was gönnen Sie sich heute nach so einem langen Shooting-Tag?

Das ist schon passiert. Ich war vorhin mit einer Kollegin einen Eistee trinken.

Wendy Holdener, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Erfolgreich

Olympia- und WM-Gold

Wendy Holdener, 1993 geboren, wuchs in Unteriberg SZ auf und liess sich an der Sportmittelschule Engelberg OW zur Rezeptionistin und kaufmännischen Angestellten ausbilden. 2010 debütierte sie im Ski-Weltcup, sechs Jahre später gelang ihr am City Event in Stockholm der erste Sieg. 2017 (Kombination) und 2019 (Team und Kombi) holte sie WM- Gold, 2018 wurde sie an Olympia Erste im Team-Wettbewerb. Sie ist mit dem Ex-Skirennfahrer Nico Caprez (28) liiert.