X

Beliebte Themen

Begegnung

Sibirisch: Es löst ein enormes Glücksgefühl aus

Annushka Leykum hat es gerne eisig kalt: Im Winter badet sie viermal pro Woche in der Aare.

TEXT
FOTOS
Peter Mosimann
19. Dezember 2016

Die Aare ist gerade mal sieben Grad warm. Für Annushka Leykum kein Problem!


Kein Gfrörli

Eine Schulklasse spaziert an diesem kühlen Freitagmittag dem Berner Ufer der Aare entlang. Plötzlich zeigt einer der Schüler mit dem Finger in die Flussmitte: Schaut mal, da schwimmt eine Frau! Die Reaktionen der Jugendlichen sind heftig, denn das Wasser ist an diesem Dezembertag bloss sieben Grad warm. Sie reichen von Das muss grausam sein bis zu Die spinnt doch! Nur eine Schülerin sagt: Ich glaube, ich probiere das irgendwann auch aus.

Ein paar Hundert Meter weiter steigt die Schwimmerin aus dem Wasser. Ihr Badeanzug ist feuerrot, die Haut fast ebenso. Es ist wunderbar heute, sagt Annushka Leykum und blickt den Reporter, der mit Kappe, Handschuhen und mehreren Schichten Kleidern dick verpackt ist und trotzdem friert, fast ein wenig mitleidig an; eigentlich war abgemacht, dass er ebenfalls ins Wasser steigt. Auf wundersame Weise ging die Badehose jedoch vergessen. Was angesichts einer leichten Erkältung nicht weiter schlimm ist.

Auch Annushka Leykum war vor ziemlich genau einem Jahr erkältet und litt an Gliederschmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Nun machte sie etwas, von dem jeder Arzt in unseren Breitengraden dringend abrät: Leykum ging im eiskalten Wasser der Aare baden. Am nächsten Tag war alles wie weggeblasen. Trotzdem, warnt sie, ist das nicht jedem zu empfehlen. Aber für mich stimmte es.

Süchtig nach Kälte

Für die gebürtige Russin, die vor vierzehn Jahren der Liebe wegen in die Schweiz kam, ist der Schwumm im kalten Wasser Therapie, Fitnesstraining und Erholung in einem. Und eine Erinnerung an die Kindheit in Sibirien. Ihr Vater war Offizier, die Familie zog ständig um und wohnte in spartanisch eingerichteten Unterkünften. Warmes Leitungswasser gab es oft nicht, also war kaltes Duschen angesagt. Leykum wurde damit schon früh gegen tiefe Temperaturen abgehärtet und lernte die Hochgefühle kennen, die man im eiskalten Wasser und in den Minuten danach erlebt. Bei diesem Kälteschock werden Endorphine ausgeschüttet, die für ein enormes Glücksgefühl sorgen.

Wenn sie wieder aus dem Wasser ist, spürt sie einen grossen Energieschub. Mit der Zeit macht dich das abhängig. Leykum geht deshalb viermal pro Woche in der Aare schwimmen. Zweimal tut sie dies zusammen mit anderen Kaltwasser-Begeisterten des Gfrörli-Clubs. Dieser wurde einst von ein paar Studenten gegründet, heute gehören ihm ein gutes Dutzend Schwimmer an. Leykum ist seit drei Jahren dabei und hat schon einmal den Jackpot gewonnen. In diesen zahlt jeder 50 Rappen ein, wenn er am gemeinsamen Schwimmen teilnimmt; insgesamt kommen pro Winter gegen 250 Franken zusammen. Wer am häufigsten dabei ist, gewinnt den Jackpot.

Auch in dieser Saison sieht es gut aus für die 38-jährige Mutter zweier Kinder. Sie war bis jetzt Stammgast bei den Gfrörlis. Hin und wieder unternimmt das Grüppchen einen Ausflug, einmal gings zum 2,5 Grad kalten Oeschinensee, ein anderes Mal stiegen die Kälteerprobten an Silvester in die Aare. Ein Gruppendruck herrscht jedoch nicht. Jeder macht das, was für ihn stimmt. Gerade Neulinge sollten sich zuerst an die tiefen Wassertemperaturen gewöhnen und die Premiere kurz halten. Grundsätzlich gilt: Pro Kältegrad sollte man nicht mehr als eine Minute im Wasser bleiben, bei fünf Grad macht das dann fünf Minuten.

Viele Menschen, die die Kälte lieben, haben dafür mit der Hitze Mühe. Die diplomierte Bibliothekarin mit Masters in Sprache und Literatur hingegen nicht. Sie ist sich ebenfalls aus der Kindheit hohe Temperaturen gewohnt. Ihre Grossmutter pflegte die russische Kultur des Dampfbades, Banja genannt. Leykum liebt das Extreme und dazu passt, dass sie sich in der Sauna schon mal hinlegt und eine Stunde (!) schläft. Das macht mir gar nichts aus.

Heiratsantrag am Wasser

Die Russin hat bei ihrem Badeplausch in der Aare schon einiges erlebt. Einmal näherte sie sich ihrer gewohnten Ausstiegsstelle, als sie ein Pärchen erblickte, das innigst herumknutschte. Im Wasser entdeckte sie eine Tasse und wollte schon nach ihr greifen, als ihr der Mann gestenreich signalisierte, dass sie das auf keinen Fall tun sollte. Als sie genauer hinblickte, erkannte sie zwei Ringe. Der Mann wollte seiner Geliebten offenbar einen Heiratsantrag machen. Ich fand das eine schöne Idee. Weniger gefiel ihr, dass sie am nächsten Tag an der selben Stelle die Tasse fand. Der Mann hatte sie einfach liegen lassen. Immerhin: Die Ringe waren nicht mehr drin.

Annushka Leykum steht mittlerweile ebenfalls verpackt in wärmenden Kleidern am Ufer und trinkt einen Chai-Tee, der ideal ist, um sich wieder aufzuwärmen. Eigentlich gilt die Regel, dass wir vom Gfrörli-Club Journalisten nur Auskunft geben, wenn sie selber ins Wasser steigen. Aber ich habe dummerweise die Badehose vergessen. Die Hartgesottene lacht. Man kann auch nackt ins Wasser steigen. Für Aufsehen sorgt man ja ohnehin schon.

Drei Daten...

...im Leben von Annushka Leykum

1978 in der Nähe vom Baikalsee geboren.

1995 macht sie erste Eisschwimm-Erfahrungen.

Seit 2013 ist sie aktives Berner Gfrörli.

Tipps für Kaltwasser-Anfänger

Annushka Leykums sieben goldene Tipps fürs Kaltbaden:

  1. Nie hungrig ins kalte Wasser steigen, aber auch nicht direkt nach dem Essen ideal ist es, eine bis anderthalb Stunden vorher noch etwas zu essen
  2. Hände und Füsse sollten vor dem Schwimmen warm und nicht schon unterkühlt sein
  3. Jemanden mitnehmen für den Kleidertransport, aber auch für die Erste Hilfe, falls etwas passiert
  4. Möglichst entspannt ins Wasser gleiten lassen, langsam und tief atmen.
  5. Nach dem Schwimmen gut abtrocknen und sofort warme Kleider und noch zusätzliche Socken anziehen und auch die Kopfbedeckung nicht vergessen
  6. Warme Getränke (Chai-Tee, Kakao mit etwas Chili) ohne Alkohol helfen, den Körper schneller aufzuwärmen
  7. Normalerweise tritt an Land trotz warmer Kleidung und heisser Getränke so etwas wie die Zitterphase ein: Dabei spürt man jede Zelle und jeden Muskel eine ganz normale Reaktion des Körpers