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Bestrickt: Grenzen erweitern ist mein Thema

Dominique Kähler Schweizer strickt Subversives. Ihr Humor ist vordergründig genauso charmant wie hintergründig abgründig.

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Christoph Kaminski
02. Januar 2017

Kuschelig und makaber: Die gestrickten Finger liegen neben der Torte oben links.

 

Madame Tricot

 

Diese gestrickten Esswaren sind so weich! Käse, Fleisch und Torten aus warmer, flauschiger Wolle. Sogar ein Schweinekopf liegt auf einem Tablett, dazu Tomaten und Erdbeeren. Alles in Hülle und Fülle, naturgetreu nachgebildet. Und dann sind da noch die Menschenfinger, hübsch arrangiert in einem Körbchen! Menschenfinger? Ja, flauschig in Rosa, mit gestrickten Fingernägeln. Dominique Kähler Schweizer nennt sie lächelnd Fingerfood. So heissen Speisen auf Englisch, die ohne Besteck mit den Fingern gegessen werden. Auf ihrem Buffet sind es die Finger selbst. Von den abgeschnittenen Menschenköpfen wollen wir gar nicht zu viel reden

Dominique Kähler Schweizer kann man also nicht unbedingt als die nette Strickerin von nebenan bezeichnen, obschon sie sehr freundlich ist. Die 68-Jährige spricht Deutsch mit französischem Akzent, was sehr charmant klingt. Es ist auch dieser Gegensatz, der die Künstlerin an ihrer Arbeit reizt: die Wolle einerseits, die wir auch mit Wärme, Geborgenheit und Entspannung verbinden. Und andererseits die zum Teil brutalen Motive. Die Schinken und Wurstwaren sind als Hommage an die Metzgereien in ihrer Kindheit in Paris zu verstehen. Sie isst sehr gerne und legt auch Wert auf die Qualität der Esswaren. Doch indem sie Menschenköpfe neben Schweineköpfe hängt, regt sie auch zur kritischen Auseinandersetzung mit unseren Essgewohnheiten an. Die Künstlerin hat ein Faible für das Abgründige. Und sie schreckt vor fast nichts zurück. In einer ihrer Installationen kam auch schon das Gehirn von Einstein vor, natürlich gestrickt. Und die Brüste von Sankt Agatha, einer sizilianischen Heiligen, die auch auf historischen Gemälden mit Brüsten auf einer Schüssel dargestellt wird. Die Frau starb als Märtyrerin.

Schimmel und Blutegel

Das nächste Projekt von Dominique Kähler Schweizer ist ebenfalls von einem Gegensatz geprägt, von der Ästhetik des Verdorbenen. Ich möchte Schimmelfotos in einem Buch nachstricken, sagt sie. Urheber von Buch und Fotos ist der österreichische Fotograf Klaus Pichler, und er ist begeistert von der Idee. Madame Tricot begnügt sich nicht mit dem Normalen, dem Alltäglichen: Es ist mein Lebensthema, Grenzen zu erweitern und bis an die Grenzen zu gehen. Ihr Faible für Körperteile hat wohl auch etwas mit ihrem Beruf zu tun. Die Künstlerin arbeitete als Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und Naturheilkunde, inzwischen ist sie pensioniert. Natürlich ist das noch nicht ganz alles. Ihr Spezialgebiet sind nämlich Blutegel. Sie gilt als Kapazität in der Blutegeltherapie. Ich habe meine Patienten nicht nur schulmedizinisch behandelt, erzählt Dominique Kähler Schweizer. Mir war es immer wichtig, für jeden eine massgeschneiderte Behandlung zu finden. Sie hat drei Bücher über Blutegel geschrieben, auch einen Patientenratgeber, zusammen mit der Heilpraktikerin und Doktorin der Biologie, Magdalene Westendorff: Die Blut egeltherapie. Ganz pensioniert ist sie deshalb noch nicht. Denn sie betreibt mit ihrem Ehemann die einzige Blut egelzucht der Schweiz für medizinische Zwecke.

Doch wie kommt eine Fachärztin auf die Idee, Esswaren und Buffets zu stricken? Gestrickt hat sie schon immer gerne. Ihre Kunst hat in der Weihnachtszeit im Jahr 2011 begonnen. Zu Weihnachten bleiben mein Mann und ich immer zu Hause, erzählt die Künstlerin. Wir geniessen es, daheim zu sein, essen gut, schauen fern und ich stricke. Im Fernsehen lief an Weihnachten vor fünf Jahren eine Kochsendung. Zubereitet wurde eine Dorade. Die stricke ich!, sagte Madame Tricot plötzlich zu ihrem Mann. Der war erstaunt und glaubte nicht, dass sie das kann. Doch Madame Tricot begnügt sich nicht mit halben Sachen und macht immer, was sie sich vorgenommen hat. Die Dorade war schnell fertig. Dann hat sie den Fisch auch gleich noch bereits verspeist gestrickt, nur die Gräten. Von da an ging es immer weiter mit feinen Speisen. Sie strickt alles an einem Stück, aus dem Gefühl heraus, manchmal mit zehn Nadeln gleichzeitig. Das ist technisch äusserst anspruchsvoll und läuft irgendwie automatisch: Ich kann Fotos anschauen und schon erscheint vor mir ein dreidimensionales Bild. Ich weiss dann sofort, wie ich etwas stricken muss.

Als sie in einem Strickladen in Winter thur die ersten Fleisch- und Wurstwaren zeigte, ging es Schlag auf Schlag. Museen haben sich bei ihr gemeldet, Messen, Galerien, Geschäfte, alle wollten ihre Strickkunst ausstellen. Es erschienen unzählige Artikel und im Fernsehen ist sie ebenfalls immer wieder ein gern gesehener Gast. Sie wird mit Anfragen überhäuft. Ihre Kunst ist dermassen beliebt, dass sie manchmal sogar gestohlen wird. So sind zum Beispiel ein paar Mini-Pizzas und chinesische Dimsums verschwunden. Doch an den Fingern und Köpfen hat sich noch kein Dieb vergriffen

Drei Daten...

...im Leben von Dominique Kähler Schweizer

Weihnachten 2011 hat sie mit ihrer Strickkunst angefangen.

Im Mai 2012 stellte sie zum ersten Mal aus, in einem Strickladen in Winterthur.

2015 erhielt sie den Förderpreis der Kulturstiftung des Kantons St.Gallen.