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Begegnung

Bye-bye!

Der Sport führte ihn oft in die Provinz. Nun tritt Tennisprofi Marco Chiudinelli zurück und zieht Bilanz.

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Peter Mosimann, Andreas W. Schmid
23. Oktober 2017

Chiudinelli sagt dem Tennis Adieu: Es tut schon ein wenig weh, dass es zu Ende geht.


Schluss

Bahnhofplatz Biel. Marco Chiudinelli sitzt am Steuer seines Autos, das Fenster offen, und winkt. Er war bereits auf dem Weg nach Hause, als wir anriefen und fragten, ob wir ihn treffen können. Am besten gleich, weil wir gerade in der Nähe waren. Und so kehrte Chiudinelli zurück. Nicht jeder gestandene Sportler würde das tun, der 36-jährige Tennisprofi hingegen schon. Er ist es sich gewohnt, kurzfristig die Pläne zu ändern. 17 Jahre tingelte er durch den Tenniszirkus und da gehörte es dazu, dass er manchmal bereits nach dem ersten Match seine Koffer packen und sofort zum nächsten Turnier reisen musste. Damit ist nun Schluss. Chiudinelli, den wir seit Beginn seiner Karriere kennen, hört in Basel an den Swiss Indoors von dieser Woche auf. Ciao zämme und bye-bye. Es tut mir schon ein wenig weh, dass es zu Ende geht.

Einige Wünsche bleiben unerfüllt. Gerne hätte er einmal so wie die arrivierten Stars während des Rasenturniers in Wimbledon mit Familie und Staff gleich neben der Anlage ein Haus gemietet. Stattdessen wohnte er alleine in einem Hotel mit längerem Anfahrtsweg, aus dem er jederzeit auschecken konnte. Auch ein Turniersieg auf der grossen Tour blieb ihm verwehrt. Und die Rente der Spielergewerkschaft ATP verpasste er ebenfalls, weil er es zu wenig oft ins Hauptfeld eines Turniers schaffte. Das wurmt mich, sagt er nicht zum einzigen Mal während der Autofahrt.

Spätzünder mit fehlendem Fokus

Marco, hättest du mehr aus deiner Karriere herausholen können? Er überlegt einen Moment wir hoffen, dass sein Blick auf die Strasse gerichtet ist und nicht gedankenverloren in die Ferne schweift. Wenn ich mich früher professioneller verhalten hätte, dann ja. Einen Vorwurf macht er sich aber nicht. Es hing auch damit zusammen, dass ich lange gar nicht richtig an mich glaubte. Denn während sein 32 Tage älterer Jugendfreund Roger Federer früh alles auf die Karte Tennis setzte, beschreibt sich Chiudinelli als Spätzünder, der nicht so richtig wusste, wohin sein Weg führen sollte. Zu Beginn fehlte der Fokus auf das Wesentliche, wie diese Anekdote zeigt: Am Vorabend eines wichtigen Spiels konnte er den Fernseher einfach nicht abschalten, einen Film nach dem anderen zog er sich rein, bis er sich schliesslich um vier Uhr früh schlafen legte. Am nächsten Tag kassierte er die Quittung: Vollkommen platt schied er aus.

Marco Chiudinelli beim Interview auf der Fahrt von Biel in die Nordwestschweiz.

Doch Chiudinelli lernte dazu, wurde professioneller und auch erfolgreicher. Er kletterte in der Weltrangliste bis auf Position 52 hoch und kassierte über 2 Millionen Dollar Preisgeld. Brutto, fügt er hinzu, was nicht unwesentlich ist. 2009 schaffte er es in Basel in den Halbfinal. Am Heimturnier. Und dann auch noch gegen Roger Federer. Ein Highlight meiner Karriere. Zugleich wurmt ihn schon wieder! dass er den Kürzeren zog, trotz Satzball, trotz 4:1 im Tiebreak. Federer zog ins Endspiel ein, das er gegen Novak Djokovic verlieren sollte, Chiudinelli hingegen musste wieder einmal seine Sachen packen. Und weiterreisen. Ein Nomadenleben, das ihm aber gefiel. Er kam in Länder, die er in einem gewöhnlichen Beruf wohl nie gesehen hätte und sammelte unvergessliche Erlebnisse. So wie in Usbekistan, wo er während eines kleinen Turniers für 50 Dollar pro Nacht in einer Bruchbude hätte wohnen sollen. Stattdessen ging er nur allzu gerne auf die Einladung eines Balljungen ein, dass er doch bei ihnen zu Hause übernachten könne. Für fünf Dollar die Nacht. Die Familie zog dafür kurzerhand aus.

Die Rache des Kleptomanen

Und was war deine grösste Enttäuschung? Dieses Mal muss er nicht lange überlegen. Die grösste Enttäuschung war nicht ein verlorenes Spiel, sondern menschlicher Natur. Am Australian Open hat mir ein Spielerkollege alles aus der Tasche geklaut, darunter 300 Franken teure Kopfhörer. Der Profi sei als Kleptomane bekannt und habe das auch schon bei anderen getan. Chiudinelli rächte sich auf seine Weise: Ich habe ihn gleich mehrmals besiegt.

Wir nähern uns dem Ziel. Ich muss zum Coiffeur, sagt er, deshalb lasse ich dich in Liestal raus. Zum Abschied will er ei- ne gute Falle machen. Marco, viele sind nach dem Rücktritt in ein Loch gefallen. Könnte dir das auch passieren? Nun schweift der Blick tatsächlich in die Ferne, aber glücklicherweise ist das Fahrzeug zum Stehen gekommen. Wir befinden uns am Bahnhof Liestal. Ich hoffe es nicht, sagt er, Respekt vor dem ganz normalen Alltag habe ich aber schon. Chiudinelli war ständig auf Achse, pro Jahr höchstens 15 Wochen zu Hause. Er hätte sich vorstellen können, noch weiterzuspielen. Doch der Körper war zu oft angeschlagen in diesem Jahr, gute Resultate so nicht mehr möglich. Er will sich nun in Sportmanagement weiterbilden und seine Fähigkeiten nutzen, die er sich auf der Tour angeeignet hat: Dazu gehört auch, dass er immer alles selber organisieren musste.

Marco Chiudinelli verabschiedet sich, er ist bis aufs Perron mitgekommen. Noch ein letzter Auftritt in Basel. Dann heisst es: Ciao zämme und bye-bye.