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Begegnung

Der König vom Titlis

Er gehört zum Titlis wie das Kloster zu Engelberg: Heini Giesker, Freerider ganz in Weiss.

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ZVG
16. Januar 2017

The Shadow Campaign // Snowflake from DPS SKIS on Vimeo.

Schneeflöckli

Haut gegerbt, Haar vom Fahrtwind zerzaust: Heini Giesker saust am steilen Hang zu Tal.

Es ist Hochsaison für Freerider mit Tiefschnee in Fülle. Minus 15 Grad, früher Morgen, die Sonne steht noch weit unter den Gipfeln. Bereit?, fragt Heini Giesker. Wir sind bei den Ersten, die an der Bergstation des Titlis auf 3020 Metern stehen. Und das zählt. Die Nacht hat einen weichen Teppich mit frischem Pulverschnee gelegt, noch frei von Spuren. Heinis zufriedenes Lächeln zieht sich breit durch das furchige braune Älplergesicht. Bissig und breit sind die Skis des 69-Jährigen, sie heissen Fisch, Hotrod (frisiertes Auto) oder Dobermann. Heute will er seinen Fisch surfen.
Wir sind bereit, und wie! Der Luzerner Heini Giesker, eine Legende am Titlis, nimmt uns mit. Er sticht als Erster über den Gletscher und später ins noch spektakulärere Laub, Europas längste Freeride-Strecke im 45-Grad-Winkel mit mehr als 1000 Metern Höhendifferenz. Der rüstige Rentner zieht eine Spur von seltener Eleganz. Juchzend und fuchtelnd. Unten wird er atemlos sagen: Ein Traum! Freeriden ist eine Sucht man will immer mehr. Die Natur ist einfach berauschend hier oben.
Solche Tage gab es diesen Winter bislang noch nicht viele am Berg. Doch jetzt ist der Neuschnee endlich da, und Heini Giesker muss sich nicht mehr über eisige und enge Pisten mit Mitfahrenden quälen und mit Karambolagen rechnen. Willkommen in den guten Zeiten für Freerider wie diesen weissen Wirbelwind auf Ski, der weit über hundert Tage in der achtmonatigen Skisaison am Titlis verbringt. Freerider Giesker sucht das Abseits, die Einsamkeit und die erste Spur im frisch verschneiten Hang.
Adrenalin pumpt heiss durch unsere Adern. Mit viel Speed gehts an Kalkpfeilern vorbei, dann wagemutig über zahlreiche Wächten es ist brutal steil. Man fühlt sich wie beim Fliegen, mit Schnee in der Nase und dem mächtigen Kloster von Engelberg weit unten vor Augen. Schon der Gründer des Klosters, Freiherr Konrad von Sellenbüren, glaubte in den Bergen Engel zu sehen, deshalb nannte er den alpinen Flecken Engelberg. Das Gefühl, dem Himmel nah zu sein, ist 900 Jahre später immer noch kaum zu toppen.

Zwischen Tannen tanzen

Heini Giesker ist glücklich, wenn er im Kanada-Eck zwischen Tannen tanzen, auf dem Sommerweg abheben oder im Steinberg über Felsen und Bäche springen kann. Trotz seiner exaltierten Leidenschaft zeigt sich Giesker auch gerne anders: aufgestellt, jovial, extrovertiert; stets für einen Schwatz oder Scherz zu haben, ob mit aufgeschlossenen chinesischen Touristinnen, dem knorrigen Pistenpersonal oder gwundrigen Skifahrern. Es sei denn, es gibt frischen Pulverschnee das höchste der Gefühle, dann ist der Schneesport-Aficionado kaum zu halten. Das kalte Weiss mache ihn glücklich und demütig: Es ist so rein reiner gehts nicht mehr!
Über das totale Freiheitsgefühl im Schnee philosophiert Heini Giesker im siebenminütigen Imagevideo des US-Skiherstellers dps. Unter dem Titel Snowflake Schneeflöckli nennt man ihn auch am Titlis schwingt er um die Welt, das Filmchen ist berührend. Da zeigt sich einer vergleichsweise bescheiden und höchst unprätentiös in der sonst so oft selbstherrlichen Freerider-Szene. Schnell wird klar, wieso für Giesker ein guter Tag ein Tag im Pulverschnee ist.

Teil der Natur

Wobei, nicht jeder Tag kann ein solcher sein. Denn manchmal hilft der ehemalige Boutiquenbesitzer trotz Rentenalter im Zürcher Hudson-Kleiderladen aus. Berät routiniert und freundlich, verkauft Freizeitmode und träumt von seinen anderen Leidenschaften in der Natur. Die da sind: Fischen, Wandern, Kristallsuchen oder Pilzsammeln. Über allem thront das Skifahren. Oft ist es wie das erste Mal. Kein Wunder, sieht man ihn nie in den Restaurants am Berg, nein, er verpflegt sich auf den Liften! Denn Heini Giesker will immer fahren, gleiten, über die Hänge und Wächten fliegen. Sein Tag endet lange nachdem der Pistendienst die Beizen-Überhöckler ins Tal geschickt hat. Dann liegt er irgendwo auf einer Krete in der Abendsonne und geniesst die letzte Wärme nach einem coolen Tag. Oder steigt noch auf einen Gipfel.
Ehrensache, dass die schillerndste Figur am Berg Weiss trägt: Wer die Natur ehrt, passt sich ihr an. So fühle ich mich den Elementen nah. Er ist ein Naturbursche: Haut gegerbt, Haar vom Fahrtwind zerzaust, sein Outfit vom exzessiven Gebrauch gezeichnet und mit Klebstreifen geflickt. Als Freerider geniesse er die grösstmögliche Freiheit: Ich entscheide im freien Gelände, wo ich fahren will. Da sehe ich schon mal Schneehasen, Adler, Gämsen oder im Frühling auch Murmeltiere. Ich bin dann Teil der Natur wunderbar! Der wilde Rentner ist der König vom Titlis. Und er wartet auf den nächsten tiefen Neuschnee, der grosse Gefühle bringt. Schneemensch Giesker ist bereit.

Drei Daten...

im Leben von Heini Giesker

1951
lernt er als Dreijähriger seine grösste Passion, das Skifahren.

2000
stirbt Vater Heinrich der Kunstmaler und Lehrer war sein grosses Vorbild.

2015
dreht ein Kamerateam von dps ein Video mit Heini, das um die Welt geht.