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Begegnung

Der Späher: Ich hab nicht nur einen Vogel

Keiner hat in diesem Jahr in der Schweiz mehr Vögel beobachtet als Marco Hammel: 270 verschiedene Arten.

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Philipp Zinniker
18. September 2017

Marco Hammel unterwegs mit Fernrohr und Feldstecher hoch über dem Thunersee.


Jugendlicher Routinier

Freitag, 25.Januar 2013. Der Gärtner-Lehrling Marco Hammel kommt von der Schule nach Hause. In Merligen BE steigt er aus dem Bus und lässt seinen Blick kurz über den Thunersee schweifen. Da stockt sein Atem. Vor dem blonden Krauskopf mit den wasserblauen Augen schwimmt eine Möwe mit auffällig weissem Gefieder. Er läuft nach Hause, schaut in seinem Bestimmungsbuch nach: eine Polarmöwe. Ein Sturzbach aus Adrenalin schiesst in seine Blutbahnen, denn Marco weiss: Noch nie wurde diese Art in der Schweiz gesichtet. Marco fotografiert die Möwe und veröffentlicht die Bilder auf ornitho.ch, der Beobachtungsplattform der Vogelwarte. Andere Ornithologen bestätigen die Entdeckung umgehend, und wenige Stunden später fluten Vogelbeobachter aus der ganzen Schweiz gleich dutzendweise das Dörfchen am Thunersee.

Die Erstbeobachtung der Polarmöwe bezeichnet Marco Hammel (22) als bisherigen Höhepunkt seines ornithologischen Wirkens, obwohl es Eindrücklicheres gebe balzende Auerhähne zum Beispiel. Dabei hat er, trotz seines jugendlichen Alters, schon Erstaunliches vorzuweisen, wie ein Blick auf die Internetseite www.chclub300.ch zeigt; hier melden Hardcore-Birder ihre Beobachtungen: Allein in diesem Jahr hat Hammel in der Schweiz bereits 270 Vogelarten gesehen mehr als jeder andere.

Die Lust des Selberentdeckens

Doch auf Rekorde habe er es gar nicht angelegt, versichert Hammel, der eine Lehre als Gärtner mit Fachrichtung Baumschule absolviert, die Berufsmatur gemacht und nun ein Studium als Umweltingenieur begonnen hat. 2017 wurden in der Schweiz bis jetzt 296 Vogelarten beobachtet, sagt er. Die Szene ist vernetzt, und viele melden besondere Beobachtungen über eine spezielle App. Wer Lust hat, kann sich dann auf die Socken machen. Zusätzlich Zistensänger, Blauracke, Schlagschwirl, Sichler oder Halsbandschnäpper zu sehen, wäre kein Problem gewesen, sagt Hammel. Doch für eine einzige Vogelart durch die ganze Schweiz zu reisen, komme für ihn nicht infrage. Ich versuche die Arten lieber selber in der Umgebung zu entdecken.

Entgegen kommt Marco, dass er für einen Vogelbeobachter optimal günstig wohnt. Von seinem Elternhaus aus hat er einerseits freie Sicht hinauf in die Berge, andererseits überblickt er den Thunersee bis hinüber nach Spiez: Berg- und Wasservögel bekommt er fast frei Haus geliefert die meisten Ornithologen müssen dafür stattliche Reisen auf sich nehmen. Allein von seinem Heim aus hat er in seiner ornithologischen Karriere 183 Arten entdeckt, darunter Raritäten wie Haselhuhn, Austernfischer, Sterntaucher, Bartgeier, Steinadler, Steinwälzer oder Säbelschnäbler.

Der Feldstecher ist immer dabei

Apropos Karriere: Diese begann für Marco im zarten Alter von sechs Jahren, als er zu Weihnachten ein Büchlein mit den häufigsten Vögeln in Gärten und Parks geschenkt bekam. Er ging raus, beobachtete und verglich und stellte fest, dass viele entdeckte Arten im Büchlein gar nicht aufgeführt waren. Doch das Interesse war geweckt. Fortan bekam er zu Weihnachten und Geburtstagen umfangreichere Bücher, einen Feldstecher und schliesslich ein Fernrohr geschenkt, er schloss sich Jugendgruppen an und erfreute sich der Förderung durch erfahrene Ornithologen. Wohin ich auch gehe, sagt er, der Feldstecher ist immer dabei. Morgens schaut er nach dem Aufstehen gewohnheitsmässig zum See hinunter: Oft legt dann der Fischer mit seinem Boot an, in seinem Schlepptau jede Menge Möwen die scanne ich dann rasch durch.

Wissen, Geduld und Glück seien die drei Tugenden erfolgreicher Vogelbeobachter, sagt er. Das Wissen, wann welche Vögel bei welcher Wetterlage wo zu rasten pflegen. Die Geduld, auszuharren, drei, vier Stunden durch das Fernrohr zu schauen, bis sich über der Krete, 500 Meter hinter dem Haus, endlich der dort vermutete Birkhahn präsentiert. Und das Glück siehe Polarmöwe oben.

Ich bin kein Einsiedler

Ja, sagt er, er investiere sehr viel Zeit in sein Hobby bei der Ausbildung von Ornithologen helfe er ja auch noch mit. Andere trieben Sport, er beobachte Vögel. Wahrscheinlich habe ich mit 22 schon mehr Zeit mit Vogelbeobachtungen verbracht als manch Sechzigjähriger. Ein Einsiedler sei er deshalb nicht. Aber manchmal bin ich gerne allein unterwegs, geniesse oft auch die frühen Morgenstunden, das Erwachen des neuen Tages. Unterwegs ist er zu Fuss, mit dem Auto, auf Skis oder Schneeschuhen. Manche finden, ich hätte einen Vogel, sagt er. Einen Vogel haben doch alle, antwortet er darauf augenzwinkernd, ich habe sogar mehrere.

Drei Daten

im Leben von Marco Hammel

  • 2001 Mit sechs Jahren bekommt er sein erstes Vogelbuch geschenkt.
  • 2013 Als erster Ornithologe beschreibt er in der Schweiz eine Polarmöwe.
  • 2017 Beginn des Studiums der Umweltwissenschaften in Wädenswil ZH.