X

Beliebte Themen

Begegnung

Lebenswille: Alles, nur kein Hass

Shlomo Graber hat drei Konzentrationslager überlebt. Heute ist er Kunstmaler, spricht vor Schulklassen und sagt: Hass bringt nichts.

TEXT
FOTOS
Heiner H. Schmitt
23. Januar 2017

dann hat es mich gepackt: Shlomo Graber entdeckte die Freude am Malen eher zufällig in einem Workshop.


Denkwürdig

Rächen kann man sich auf viele Arten. Zum Beispiel mit Grosskindern. Das ist meine Rache an Hitler, sagt Shlomo Graber, der just am Tag dieses Gesprächs mit der Coopzeitung zum vierten Mal Urgrossvater geworden ist. Und damit nicht genug: Zwei weitere sind noch unterwegs. Nein, definitiv, die Nazis konnten Shlomo Graber nicht zerstören. Der heute 90-Jährige überlebte drei Konzentrationslager und verlor bis auf seinen Vater, der das Grauen mit ihm zusammen überstand, seine ganze Familie. Meine Mutter, meine Geschwister und alle anderen mussten bei der Selektion auf der Rampe von Auschwitz in die andere Richtung, erklärt er. In den sicheren Tod, obschon er das damals noch nicht wusste. Er wurde als 15-Jähriger das erste Mal deportiert. Und dann, kaum 17, wurde er 1944 aus Ungarn nach Auschwitz verschleppt. Er durchlebte die Hölle. Es war nicht Gott, der mich gerettet hat. Ich war es, der leben wollte, und das Glück kam mir oft zu Hilfe.

Als Graber am 8.Mai 1945, am Kriegsende, befreit wurde, wog er kaum 30 Kilo. Trotzdem, eines der ersten Stück Brote, dass er von seinen Befreiern erhalten hatte, teilte er mit einer hungernden jungen deutschen Mutter und ihrem Baby. Meine ehemaligen Mitgefangenen konnten das nicht verstehen, aber ich konnte nicht anders, erklärt er. Das Baby war ja auch nicht schuld an dem Elend, wie sollte ich da hassen?

Das Leben danach

Denn wo andere ehemalige KZ-Häftlinge ihrem Hass auf alles Deutsche freien Lauf liessen, beschloss Graber, nicht zu hassen. Das Leben lag vor mir, wie hätte ich mich damit vergiften sollen? Graber, der zwar orthodox erzogen worden ist, von sich aber sagt, dass er nicht gläubig ist, übersiedelte 1948 nach Israel und baute sich nach sieben Jahren Militärdienst eine Karriere als Elektronikspezialist auf. Er war verheiratet, hat drei Kinder. Doch Israel erlebte er als Holocaustopfer als Enttäuschung. Die Leute fragten immer: Warum habt ihr euch nicht gewehrt?, erklärt er und echauffiert sich: Mit 30 Kilo?! Der Umgang mit dieser Geschichte änderte sich erst in den Sechzigerjahren mit dem Eichmann-Prozess. (Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, Anm. d. Red.) Immerhin, mit der israelischen Staatsbürgerschaft hatte er zum ersten Mal in seinem Leben eine Identität.

Sein Beruf führte ihn viel auf Reisen. Auch nach Basel. Dort trat dann auch eine neue Frau in sein Leben. Und wo andere sich in diesem Alter auf ihr Altenteil zurückziehen, zog Shlomo Graber nach Basel und baute sich ein neues Leben auf. Und zwar gänzlich. Er begann zu malen. Grosse Bilder, bunte Bilder. Manchmal mehrere an einem Tag. Geschuldet war diese Kunst dem Zufall, wie er selber sagt: Ich war einmal an einem Workshop und sollte etwas malen. Dann hat es mich gepackt. Ich glaube, jeder trägt versteckte Talente mit sich herum, die irgendwann aus einem herausbrechen. Als Therapie sieht er seine Kunst aber mitnichten. Freude habe er daran, mehr nicht, erklärt er. Mit seiner Frau eröffnete er kurzerhand eine Galerie in der Basler Altstadt, wo er tagtäglich anzutreffen ist.

Das ist aber nur eine Seite im Leben von Shlomo Graber. Denn er, der viel liest, und das in sechs Sprachen, brachte auch seine Geschichte zu Papier. Jahrzehnte nach dem Holocaust schrieb er seine Biografie. Meine Kinder fragten mich früher immer nach meiner Geschichte. Aber ich konnte ihnen die ganze Wahrheit nicht zumuten, zu schlimm war das, was ich erleben musste, sagt er. Also schrieb er 50 Jahre danach alles nieder. Eine halbe Stunde am Tag, mehr habe ich nicht ausgehalten. Daraus wurde ein Buch, dann ein zweites und aktuell nun noch ein drittes. Ein Buch, das bewusst auf allzu drastische Szenen verzichtet und in erster Linie gemacht ist für junge Menschen, die dem Werk vor allem eines entnehmen sollen: Hass ist nie eine Lösung. Mit dieser Botschaft tourt der 90-Jährige auch durch Schulhäuser und erzählt vor Schülern von seinen Erlebnissen. Es ist speziell für die Jungen, heute noch einen Überlebenden zu treffen, erklärt er. Aber alle sind sehr interessiert. Und es befriedigt mich, vor so vielen jungen Menschen zu sprechen. Vielleicht bin ich so alt geworden, damit ich das alles erzählen kann.

Seine Botschaft wird verstanden

In seinen Vorträgen sagt er den Schülern, dass er neidisch sei auf ihre Jugend, denn so etwas habe er nie gehabt. Er erzählt von 70 Jahren Friede und Freiheit nach dem Krieg und dass es dies zu bewahren gelte. Ich sage ihnen immer: Hass bringt gar nichts. Eine Botschaft, die ankommt. Noch nie habe er eine negative Reaktion von den jungen Menschen erlebt. Sie sind die Zukunft, und das gibt mir Hoffnung.

Drei Daten...

im Leben von Shlomo Graber

8.Mai 1945
Befreiung aus dem Konzentrationslager Görlitz.

25.Februar 1988
Seine Partnerin Myrtha Hunziker tritt in sein Leben.

13.Januar 2017
Am Tag dieses Gesprächs Geburt des vierten Urenkels.

Jetzt bestellen: Shlomo Graber Der Junge, der nicht hassen wollte