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Begegnung

Libero: Das Erste Spiel war grausam

Wolfgang Bortlik lebt Fussball in seinen Büchern und Gedichten, aber auch als Ehren-Captain der Schweizer Schriftsteller-Nationalmannschaft.

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FOTOS
Pino Covino
12. Juni 2017

Wolfgang Bortlik krallt sich das runde Leder: Ein Leben ohne Fussball wäre für ihn nur sehr schwer vorstellbar.


Passion

Wolfgang Bortlik plagen Beinschmerzen. Doch wie für alle Fussballer gilt auch für ihn: Sobald ein Ball im Spiel ist, sind diese wie weggeblasen. Schwungvoll hechtet der 65-Jährige beim Fotoshooting in seinem Bücherzimmer nach dem Spielgerät, das lästige Stechen im Bein ist auf einmal weit, weit weg. Jemand hat mal gesagt: Fussball spielen ist für mich ein Grundbedürfnis wie essen oder trinken. Ein wahrer Satz, oder nicht, Wolfgang Bortlik? Na gut, antwortet er, während er erneut nach dem Ball greift, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber wichtig ist der Fussball auf jeden Fall.

Der Schriftsteller aus Riehen im Kanton Basel-Stadt hat eine Vielzahl von Büchern und Artikeln veröffentlicht, in denen es um Fussball geht. Er schrieb während über einem Jahrzehnt für die NZZ am Sonntag Gedichte über die schönste Nebensache der Welt (vgl. Elfmeterschiessen von nebenan). Vor allem aber spielt er in der Freizeit selber Fussball. In einer besonderen Mannschaft, die wiederum mit seiner schreibenden Tätigkeit zu tun hat: Bortlik ist Gründungsmitglied und Ehren-Captain der Schweizer Schriftsteller-Nati, die dies vorneweg allerdings an der Tastatur derzeit eindeutig mehr Talent versprüht als am Ball.

Das möchte er so nicht stehen lassen, auch deshalb, weil er seinen kickenden Mitstreitern ja demnächst wieder unter die Augen kommt. Also wirft er sich für sie und natürlich auch für sich selber in die Bresche aber erst nach ein paar Zugeständnissen an den Lästerer. Okay, unser allererstes Spiel war wahrhaftig grausam: Wir verloren 1:7. 2004 waren er und ein paar Schriftstellerkollegen vom österreichischen Autoren-Nationalteam für ein Spiel angefragt worden. Ein wild zusammengewürfelter Haufen flog schliesslich nach Wien und liess sich dort auf dem Rasen vorführen. Immerhin wurde so aber die Schweizer Schriftsteller-Nati geboren. Deren Bilanz ist mittelprächtig: Siege und Niederlagen halten sich ungefähr die Waage.

Pleite gegen den FC Nationalrat

Das nächste Spiel, von dem Bortlik erzählt, war eine weitere Pleite epischen Ausmasses: Im Herbst 2016 verlor das Nationalteam im Stade de Suisse gegen den FC Nationalrat mit 1:4. Die Literaten waren mit dem allerersten Angriff auf fast wundersame Weise mit 1:0 in Führung gegangen, doch dann kippte das Spiel. Vor allem dank FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, der Bortlik und Co. um die Ohren lief und den Ball gleich zweimal im gegnerischen Gehäuse einlochte. Er ist ein sehr guter Stürmer, findet der schreibende Fussball-Aficionado, er sollte An dieser Stelle ist vielleicht der Hinweis hilfreich, dass Bortlik in den Achtzigerjahren in der Punk-Band Bermuda Idiots und in der linken Subkultur mitwirkte. Politisch ist er auch heute noch eher jener Seite zuzuordnen, wo das Herz schlägt. Deshalb rät er der Tormaschine Christian Wasserfallen mit einem Augenzwinkern: er sollte lieber ganz auf Fussball setzen und die Politik bleiben lassen.

Unser Schriftsteller ist nun so richtig in Fahrt gekommen. Den Ball krallt sich der 1,97-Meter-Hüne, als würde er Buffon und nicht Bortlik heissen. Tatsächlich stand er für sein Nationalteam auch schon im Tor, weil ein Goalie fehlte. Doch normalerweise war seine Position hinten in der Mitte als Libero; heute spielt er dort, wo er vom Trainer gerade hingestellt wird im Normalfall als Einwechselspieler. Das Alter, erklärt er seine immer kürzeren Einsatzzeiten.

Beim bisher grössten Erfolg des immer noch wilden Haufens an Männern und leider wenigen Frauen (Selbstdeklaration auf der Homepage) war er noch voll im Saft: An der Literaten-Euro in Wien, die 2008 im Vorfeld der richtigen Fussball-EM in der Schweiz und Österreich stattfand, kam die Schweiz hinter Ungarn auf Platz 2, bei immerhin vier Teams, die mitwirkten. Die Schlüsselpartie gegen Slowenien wurde im Penaltyschiessen gewonnen, auch dank Patrick Mäder im Tor. Mäder hatte einst als Profi-Keeper in der Nationalliga A gespielt. Er erwies sich für die Slowenen als unüberwindbares Hindernis.

Wer bei der Schweizer Schriftsteller- Nati dabei sein will, sollte eine ISBN- Nummer aufweisen können, also mindestens ein Buch veröffentlicht haben, sagt der Vater dreier erwachsener Kinder. Weil sich Anspruch und Realität aber nicht immer vereinbaren lassen, kickten infolge Personalnot auch schon sein Sohn Marin oder seine Tochter Johanna mit, obwohl sie keine Schriftsteller sind. Beide haben ihr Interesse für den Fussball zweifelsfrei dem Vater zu verdanken.

Wolfgang Bortlik war selber von klein auf ein Anhänger des runden Leders. Auf dem Lande südlich von München rannten er und seine Freunde auf den frisch gemähten Feldern dem Ball hinterher, bis sie von den Bauern fortgejagt wurden. In all den Jahrzehnten hat sich der Fussball rasant verändert, Bortliks Leidenschaft aber ist geblieben, aller Auswüchse (zu viel Brimborium vor, während und nach den Spielen) zum Trotz. Wie es sein wird, wenn er ganz aufhören muss, gegen den Ball zu treten, kann er sich nicht vorstellen er will es auch gar nicht: Und wenn du kaum mehr laufen kannst, ein Pass geht immer noch.

Von Wolfgang Bortlik ist eben erst Blutrhein erschienen, sein dritter Krimi mit Hobbydetektiv Melchior Fischer (Gmeiner-Verlag).

Gedicht

Elfmeterschiessen Von Wolfang Bortlik

Die Hände erst mal kneten
Dann einmal kräftig beten
Den Ball mit Schmackes treten
Ein Schuss wie zehn Raketen
Mit Pauken und Trompeten
Beim Barte des Propheten
Du brichst des Torwarts Gräten
Der Ball ist drin
Der Goalie ist hin
Im Doppelsinn
Der Spielgewinn
Nun zähle die Moneten

www.schriftsteller-nati.ch