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Begegnung

Mrs. Hudson: Heute Rede ich nur noch drein

Mit Mantel und Hut Marianne Bötschi (86) ist Gründerin der Sherlock-Holmes-Theatergruppe.

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Christof Sonderegger
06. Februar 2017

Marianne Bötschi kann von Sherlock Holmes und dem Viktorianischen Zeitalter nicht genug bekommen.


Mit Mantel und Hut

Dicker Nebel hängt vor dem Häuschen im thurgauischen Niederneunforn. Er ist so dick, dass der Blick nicht mal bis zum Nachbarsgarten reicht. Von irgendwoher hört man das tiefe Bellen eines Hundes.


Marianne Bötschi giesst am Esstisch in ihrer Stube starken Schwarztee in die Tassen. Sie ist 86 Jahre alt und Mitglied der Sherlock Holmes Society of London. Sie kann alle 56 Kurzgeschichten nacherzählen und hat ihre eigene Sherlock-Holmes-Theatergruppe gegründet. Sie trägt gerne Mantel und Hut wie der Privatdetektiv Sherlock Holmes. Stundenlang stellt sie mit selbst gebastelten Papierfiguren Szenen in Pappschachteln nach, die sie Bekannten und Freunden schenkt.


30 Jahre ist es nun her, dass ein Bekannter aus England Marianne Bötschi in ihrem Haus am Dorfrand auf eine Tasse Tee besuchte. Als er ihre Sherlock-Holmes-Sammlung im Bücherregal entdeckte, erzählte er ihr von der erlauchten Londoner Society. Also nahm sie Kontakt mit dem Präsidenten der Gesellschaft auf. Diese reist regelmässig nach Meiringen (BE), um den letzten Kampf Sherlock Holmes mit Professor James Moriarty, seinem Erzfeind, nachzuspielen. Dort traf Bötschi die Gesellschaft zum ersten Mal. In den Röcken von Sherlock Holmes Haushälterin Mrs. Hudson stolzierte sie in die Hotellobby, wo sich die viktorianisch kostümierte Gesellschaft versammelt hatte. Da sei sie auf den Erstbesten zugegangen und habe ihn gefragt, wer er sei. Worauf dieser geantwortet habe: Meinen Sie im realen Leben oder als Figur? Marianne Bötschi lacht.

Zurückhaltend wie Holmes

An diesem Tag wurde sie Mitglied der Society. Von nun an reiste sie regelmässig nach London. Mal als Marianne Bötschi, mal als Mrs. Hudson, die Figur, die sie meistens spielte.
Wir durften nicht auswählen, wen wir spielen, erklärt sie nachdrücklich. Hätte sie denn lieber Sherlock Holmes gespielt? Sie verneint, ohne auszulassen, dass sie ihn sehr sympathisch finde. Sie mag seine zurückhaltende Art. Dass er nicht sofort verurteilt, sondern zuhört und danach erst seine Schlüsse zieht. Sie sagt, sie sei ihm ein bisschen ähnlich. Ebenfalls der rational-analytische Typ. Ich mag Sentimentalität gar nicht, sagt sie bestimmt.


Am meisten fasziniert sie an den Geschichten jedoch das Viktorianische Zeitalter. Wie die Menschen in jener Epoche leben. Wie sie miteinander umgehen. Wie sie sprechen. Deshalb mag sie die Sherlock Holmes-Serie, die immer wieder im Fernsehen zu sehen ist, gar nicht. Obwohl sie hin und wieder wieder reinzappt. Länger als sechs Minuten halte ich es jedoch nicht aus. Ein Sherlock Holmes in Blue Jeans das geht einfach nicht!, sagt sie und schüttelt sich ein bisschen, als würde sie erschaudern. Diese Geschichten kann man nicht modernisieren!


Darauf legt sie auch in der Sherlock-Holmes-Theatergruppe Wert, die sie vor 28 Jahren ins Leben rief. 20 Jahre lang führte sie Regie, die Drehbücher übersetzt sie bis heute ins Deutsche. Die existierenden Übersetzungen sind nicht annehmbar, erklärt sie. Da stehe zum Beispiel: Na, dann.... Dabei müsste es heissen: Well... Sie ereifert sich. Das geht nun wirklich nicht! Um die Authentizität aufrechtzuerhalten, müssten unbedingt ein paar Ausdrücke in Englisch stehen bleiben.
Marianne Bötschi ist gelernte Dolmetscherin. DeutschEnglisch. Ihr Leben jedoch verbrachte sie grösstenteils als Lehrerin. In der Theatergruppe sei sie allerdings bis heute für die Sprache zuständig, weshalb sie vor allem zu Beginn und zum Schluss der Proben dabei sei. Heute rede ich nur noch drein, sagt sie selbstironisch und kichert ein bisschen. Das wird sie auch in diesem Frühling wieder tun. Denn die nächste Sherlock-Holmes-Aufführung ist provisorisch für Mai vorgesehen.
Für den Fotografen steigt Marianne Bötschi nun doch noch in eines ihrer viktorianischen Kostüme. Hut mit Blume, Mantel. Sie setzt sich in den Schaukelstuhl aus ebendieser Zeit an eines der vielen Fenster, vor denen sich der Nebel türmt. Und beginnt sachte zu schaukeln. Dieser Stuhl ist es, in welchem sie dem Detektiv beim Pfeifenrauchen Gesellschaft leistete. In all seinen Geschichten. Über all die Jahre hinweg.


Eine letzte Anekdote möchte sie nun doch noch erzählen, obwohl sie in den vergangenen Minuten immer wieder sagt, sie sei froh, wenn das Interview geschafft sei. Einmal habe ich meine Sherlock-Holmes-Figuren mit nach London genommen. Kerzengrosse Figuren, die sie selbst gebastelt hatte und der Society zeigen wollte. Fast hätte sie deshalb den Flieger verpasst, weil Sicherheitsbeamte diese genauer untersuchen wollten. In London war das ganz anders. Als die dortigen Zöllner die Figuren entdeckten, freuten sie sich riesig.

Geschichten

Bötschis liebste Geschichten von Sherlock Holmes

Silver Blaze: Eine sehr schöne Geschichte, die sich um ein Rennpferd dreht.

The Dying Detective: Sherlock Holmes spielt Watson vor, er sei todkrank.

The Musgrave Ritual: Weil diese Erzählung Englands Geschichte zum Inhalt hat.