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Normalo: Ich erlebe alles Bewusster

Ariella Kaeslin machte in ihrer Kunstturn-Karriere Höhen und Tiefen durch. Wie geht es ihr heute?

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Mischa Christen
11. Dezember 2017

Der Sport ist Ariella Kaeslin immer noch wichtig: Ich bin ein Bewegungsmensch.


Neues Leben

Seebistro Luz in Luzern. Ariella Kaeslin ist zu spät. Ein Grund zur Besorgnis? Es gab ja eine Zeit während ihrer Karriere als Kunstturnerin, da hatte die Luzernerin Mühe, Termine einzuhalten. Kaeslin sagte Treffen mit Sponsoren im letzten Moment ab. Weil sie keine Kraft dafür hatte ausgebrannt vom jahrelangen Drill, dem sie sich freiwillig unterworfen hatte, der ihr aber irgendwann zu viel wurde. Wie geht es der 30-Jährigen heute? Ist sie möglicherweise wieder im Hamsterrad drin? Entwarnung: Sie schickt eine SMS. Be verspötet, sorry... Auf den Kommentar Geht gar nicht mit angehängtem Smiley entschuldigt sie sich umgehend: Sorryyyy Arzttermin.

Es ist nicht gerade still geworden um Kaeslin, aber doch ruhiger. Während ihrer Aktivzeit stand sie als Schätzchen der Nation täglich in den Medien. Der Rummel um sie war so gross, dass ihre Freundinnen sie im Ausgang Fiona nannten, damit sie ihre Ruhe hatte. Rüüdig stark, begann 2009 ein Artikel in der Schweizer Illustrierten über sie, WM-Silber, eigene Wohnung, sexy Aussehen unsere Turnkönigin Ariella Kaeslin reitet auf der Welle des Glücks.

Was aber nicht stimmte. In ihrem Innern sah es schon lange anders aus. Sie spürte wenig von der Glückswelle, auf der sie angeblich ritt. Fühlte sich leer vom ewig gleichen Programm: Beinschwünge, Flickflack, Pirouetten und jeden Montag auf die Waage. Schliesslich zog sie einen Schlussstrich unter ihre Karriere, später arbeitete sie diese im Buch Ariella Kaeslin Leiden im Licht auf. Ihre Geschichte bewegte. So offen hatte zuvor keine andere Schweizer Athletin über die Schattenseiten ihres Sportler-Alltags und über Depressionen gesprochen.

Unerkannt kommt sie angerauscht. Entschuldigt sich nochmals. Aber jetzt habe ich schön Zeit. Früher war der Tagesablauf automatisch vorgegeben, heute nicht mehr. Mit dieser Freiheit muss man erst mal umgehen können: Deshalb tut mir ein Mindestmass an Routine gut.

Glückshormone spielten verrückt

Kaeslin studiert Sport und Psychologie an der Uni Bern. Keine Ahnung, was ich später damit machen will. Entscheidend sei, dass ihr das Studium riesig Spass mache. Der Rest ergibt sich von selber, ist sie überzeugt. In ihrer Bachelorarbeit wird sie abhandeln, wie schwer Profisportlern nach dem Ende der Karriere der Umstieg vom Helden zum Normalo, wie sie es nennt, fällt. Eigentlich könnte sie sich selber dazu befragen. Im Sport spielen deine Glückshormone bis zu 30 Stunden pro Woche verrückt, während des Trainings und erst recht an den Wettkämpfen. Diese intensiven Emotionen erlebt man nach der Karriere bei allem Spass, den man hat deutlich seltener. Viele Sportler sind darauf nicht vorbereitet und fallen psychisch in ein Loch.

Kaeslin glaubt, für sich den richtigen Weg gefunden zu haben. Früher hatte sie den Tunnelblick, der vier Jahre lang ganz auf die Olympischen Spiele ausgerichtet war. Heute erlebt sie alles viel bewusster. Schaute ich vorher nur geradeaus, nehme ich nun wahr, was links und rechts geschieht. Das erweitert den Horizont. Sie hat grosse Lust am Ausprobieren, im und ausserhalb des Sports.

Nach dem Rücktritt machte sie Stabhochsprung, nahm als Ruderin an den Schweizer Meisterschaften teil (und wurde Sechste), derzeit stehen bei ihr Langlaufen und Triathlon im Vordergrund. Nächstes Jahr will sie am Ironman Zürich teilnehmen, allerdings ohne Ambitionen auf einen der vorderen Plätze: Beim Rennen bin ich eine Schnecke, im Wasser schwimme ich wie ein Goldfischchen ohne Flossen. Dafür hätten die Ausdauersportarten den Vorteil, dass sie hier schnell Fortschritte mache.

Daneben steuert sie beim Crowdfunding-Projekt N1 das beste Sportmagazin der Welt Ideen aus Athletensicht bei. Und sie hält Vorträge, meist für Unternehmen und deren Kunden. Ihre Botschaft, die nicht nur Sportlern nützen soll: Halte verschiedene Lebensfäden in der Hand, versteife dich nie nur auf einen! Denn wenn dieser abreisst, hast du es schwerer, als wenn du aus mehreren Tätigkeiten und Quellen Kraft schöpfst. Und genauso wichtig: Unterdrücke deine Bedürfnisse nicht, schaue genauer hin, lebe mehr im Hier und Jetzt! Das allerdings ist oft leichter gesagt als getan, wie Kaeslin selber erfahren musste. Viel zu lange liess sie etwa die erniedrigenden Sprüche des damaligen Nationaltrainers Eric Demay zu, der sie als fette Kuh beschimpfte und ihr einmal gar zuraunte: Wenn du tot umfallen würdest, könnte ich dennoch gut zu Abend essen gehen.

Die Krise hatte auch ihr Gutes

Das waren dunkle Momente in ihrer Karriere. Trotzdem will sie das Erlebte nicht bewerten, das finde ich unnötig. Auch bereut sie heute anders als noch unmittelbar nach dem Rücktritt nicht mehr, dass sie sich so schindete. Es ist eine super Eigenschaft des Menschen, dass er das Schlechte vergisst und meist nur Positives in Erinnerung bleibt. Die Krise, die sie durchgemacht habe, war wichtig für ihre Entwicklung, wie sie findet.

Ich schätze die schönen Momente heute viel mehr, sagt Ariella Kaeslin und gönnt sich einen Cappuccino. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte sie deswegen ein schlechtes Gewissen gehabt.

N1 Das Beste Sportmagazin der Welt

Von Bescheidenheit keine Spur: N1 das beste Sportmagazin nennt sich das jüngste Medienprojekt, das seine Chancen im Markt per Crowdfunding ausloten will. Das 144 Seiten starke Printmagazin soll einmalig im Herbst 2018 erscheinen und seiner Leserschaft packende Hintergrundstorys aus der weiten Welt des Sports bieten. Wer sich ein Exemplar sichern will, kann dies bis am 21.Dezember dieses Jahres tun. Hinter dem Projekt stehen der preisgekrönte Sportjournalist Christof Gertsch und weitere Mitstreiter aus Journalismus und Sport so auch Ariella Kaeslin.

Hier geht's zur Webseite von N1.

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