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Begegnung

Pionier: Ich hätte einem Fifa-Coach niemals Geld bezahlt

Thomas Temperli ist Coach des virtuellen Sportteams beim FC St.Gallen. Als Teenager versteckte er das Preisgeld der Schweizer Meisterschaften vor seiner Mutter.

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Christof Sonderegger
03. April 2017

Thomas Temperli in seinem Element: beim virtuellen Fifa-Spielen mit Grün-Weiss im realen Stadion des FC St.Gallen.


eSport

In der 14. Minute fällt das 1:0. Doch statt mit dem Torschützen jubelnd über den Platz zu rennen, blickt mich Thomas Temperli reumütig von der Seite an. Entschuldige, ich muss so wie immer spielen. Sonst steht im Artikel, ich sei nur ein mässiger Fifa-Spieler, sagt er. Fifa, so wie der Weltfussballverband, heisst das beliebteste Sportgame für PC und Konsole seit 1993. Ich nehme das Gegentor sportlich, schliesslich spiele ich in den Räumen des FC St.Gallen gegen einen der besten Fifa-Spieler der Schweiz. Seit er fünf Jahre alt ist, kickt er auf dem Platz, erst bei den Grasshoppers, dann beim FC Zürich. Mit 12 Jahren hat er mit Kollegen das digitale Tschutten entdeckt. Mit 16 begann er auf professioneller Stufe zu gamen. Und seit Dezember ist er Coach des eSport-Teams beim FC St.Gallen. Es ist das erste der Schweiz.
Das Spiel geht weiter, Temperli spielt mit seinem Lieblingsteam FC Chelsea, ich habe mich am Tag nach dem Champions-League-Out für Manchester City entschieden. Die Teams sind auf gleichem Niveau, nicht so die Gamer. Ich bin Hobbyspielerin, jage Cristiano, Lionel und Zlatan über den Platz, um möglichst kühne Tore zu schiessen und dann die ulkigsten Torjubel-Tänze zu vollführen. Diese werden heute kaum zum Einsatz kommen, zu Beginn glaubte ich noch an das Wunder von St.Gallen. Der Rückschlag schmerzt, nun fordere ich Temperli anders. Du magst nicht so gerne Penaltys schiessen, habe ich gelesen, sage ich nonchalant. Der 28-Jährige neben mir lacht: Willst du mich testen? Genau das habe ich vor. Ich grätsche im eigenen Strafraum wild umher, prompt pfeift der Schiedsrichter einen Elfmeter. Temperli seufzt und setzt sich aufrecht hin. Mein Goalie springt nach rechts, Temperli versenkt den Ball gekonnt links. Das ist der perfekte Schuss, egal, wohin der Goalie springt, er ist im ersten Moment in der Luft. In der Zwischenzeit rollt der Ball ins Tor, analysiert der Zürcher mit thailändischen Wurzeln.

Analysiert Game-Clips

Der 28-Jährige spielte real während drei Monaten in der höchsten Liga Thailands, heute in der Promotion League bei United Zürich. Er arbeitet beim FC St.Gallen auf Mandatsbasis und coacht zwei Fifa-Profi-Spieler im Alter von 17 und 24 Jahren. Diese stehen beim Ostschweizer Verein unter Vertrag. Diejenigen, die Fifa spielen, sind ein kaufkräftiges Publikum. Das ist ein riesiger Markt und gerade für Sportvereine interessant, erläutert Temperli. Internationale Vereine wie Vfl Wolfsburg, West Ham United, Manchester City oder Ajax Amsterdam haben dies längst realisiert und investieren Millionenbeträge in eSport-Teams. Neben den zwei FC-St.-Gallen-Profis coacht er rund 40 Leute aus dem deutschsprachigen Raum online. Früher hätte ich einem Fifa-Coach nie Geld bezahlt, sagt er schmunzelnd. Doch genau dies ist sein Geschäftsmodell: Er bietet alles rund um das Gamen wie Mentaltraining und Social-Media-Präsenz. Viele senden ihm Spielclips, Temperli analysiert aus der Ferne: Ein solches Vorgehen wäre in meinen Teenagerjahren nicht möglich gewesen. 2006 gewann er bei den Schweizer Meisterschaften Preisgeld und Sachpreise im Wert von 7500 Franken. Das Geld habe ich vor meiner Mutter versteckt und in einen neuen PC mit besserem Prozessor und Grafikkarte investiert, erinnert er sich. Die Preissummen an Turnieren seien heute um ein Vielfaches höher. Es kann locker eine Viertelmillion gewonnen werden. Trotzdem treibt er den 17-jährigen Fifa-Gamer in Grün-Weiss dazu an, die Lehre zu beenden. Der eSport ist profitabel und die Zukunft, dennoch rate ich zu einer seriösen Ausbildung.
Nun hat das Spiel an Fahrt verloren, die Chelsea-Spieler spielen den Ball locker umher. Meine Passgenauigkeit liegt bei rund 93 Prozent, prahlt Temperli, während ich vergebens versuche, ihm den Ball abzuluchsen. Es ist bereits die zweite Halbzeit angebrochen, ausser einem überraschenden Weitschuss konnte ich bisher nicht brillieren.

Vor allem Männer spielen Fifa

Es sei bisher eine Männerdomäne, attestiert Temperli, ohne die Augen vom Bildschirm zu nehmen. Zwar habe er Frauen trainiert, doch wollten sie vor allem Tricks gegen den Freund erlernen. Fifa-Coach und Fussball spielen wann kann er abschalten vom runden Leder? Ich bin American-Football-Fan, gibt er zu. Kaum ein Spiel verpasse er.
Nun sind die letzten Minuten angebrochen. Ich konnte nicht mal meine Königsdiziplin zeigen: den Chip!, entfährt es mir. Ein perfider Schuss, bei dem der Ball durch abruptes Abbremsen des Fusses einen Drall nach hinten bekommt und oft über den Goalie ins Tor plumpst. Temperli guckt mich skeptisch an. Okay, ich lasse dich durchziehen. Und tatsächlich: Temperli nimmt die Hände vom Controller, ich stürme auf den Torwart zu. Dieser kommt aber nicht aus dem Tor, was für den Chip unabdingbar ist. Mein Schuss fällt somit direkt in die Hände des Goalies. Temperli lacht erleichtert auf und reicht mir die Hand. 0:2, damit kann ich leben und Spass gemacht hats allemal.

Meine Spieltipps fürs Fifa-Gamen

Voreinstellung
Vor Beginn kann das Spielverhalten modifiziert werden.

Pass
Möglichst wenige Dribblings und dafür viele Pässe spielen.

Schuss
Nur im Strafraum, sonst droht ein unnötiger Ballverlust.