X

Beliebte Themen

Begegnung

Rekord-Blutspender: Dienst am Mitmenschen

Kaum ein anderer Schweizer hing öfter an der Nadel als Hanspeter Naef: Wir haben ihn beim Blutspenden begleitet.

TEXT
FOTOS
Salvatore Vinci
29. Mai 2017

Hanspeter Naef ist Stammgast in der Blutspende SRK Ostschweiz: Die Zeit verrinnt hier wie im Flug.


Spendabel

Am Ende, nach gut anderthalb Stunden auf dem Schragen im St.Galler Blutspende-Zentrum, erhält Hanspeter Naef die Belohnung für seinen Aufwand: Die Pflegefachfrau überreicht ihm ein Zwanzger-Nötli. Steuerfrei, sagt der 59-Jährige und lacht über seinen Spruch wie so oft an diesem Morgen. Naef fühlt sich hier gut betreut, sonst wäre er kaum zu einem der Rekordblutspender im Lande geworden: Derzeit steht er bei 325 Blutspenden. Eine Wahnsinnszahl, auch wenn der Grossteil davon also etwa 125 Mal Blutplättchen-Spenden waren, die doppelt gezählt werden; dies deshalb, weil sie um einiges aufwendiger sind und auch länger dauern als die ganz normale Vollblutspende. Er ist ein Routinier, sagen sie über ihn im Blutspende-Zentrum und sehr angenehm im Umgang. Er erwidert das Kompliment: Alle sind sehr nett mit mir.

Wenn er das Zentrum wieder verlässt, fühlt er sich frisch und munter. Ich spüre, dass es mir guttut. Das aber ist nicht der Hauptgrund, weshalb Hanspeter Naef für das ganze Prozedere im Durchschnitt alle sechs Wochen mit dem Töff von seinem Wohnort in Heiden nach St.Gallen fährt. Für mich ist das ein Dienst an meinen Mitmenschen, sagt er. Ich spende aber auch aus Dankbarkeit, weil ich hautnah miterlebt habe, wie wichtig es ist, dass sich Freiwillige fürs Blutspenden melden.

2003 war es, als seine Frau bei einem Routine-Eingriff innerlich fast verblutet wäre. Insgesamt drei Notoperationen waren nötig. Der Seelsorger sei einmal bereits ins Spital geeilt, erinnert er sich. Für Naef drohte die Welt einzustürzen; Das jüngste der gemeinsamen drei Kinder war damals erst acht Jahre alt. Zum Glück erhielt er Hilfe von seinen Verwandten und Nachbarn. Schliesslich ging es doch gut aus, seine Frau überlebte. Seitdem ist für ihn klar, dass er das Blutspende-Zentrum regelmässig aufsucht, solange er darf: Die Alterslimite steht bei 70 Jahren. Spendet er so fleissig wie bisher weiter, nähert er sich bis dann der magischen Grenze von 500 Blutspenden.

Spender seit 1978

Erstmals Blut abzapfen liess er sich 1978 in der Rekrutenschule. In seinem Berufsleben arbeitete er als Elektriker, im Grenzwachtkorps, im Versicherungs-
Aussendienst. Ich habe einige Berufe ausprobiert. Irgendwann war er im Druckzentrum einer Bank tätig, das jedoch schon bald ausgelagert wurde. Also musste er erneut wechseln. Insgesamt viermal wurde stets seine Abteilung outgesourct. Beim letzten Mal hatte er die Nase voll und entschied sich schliesslich bereits mit 58 für die Frühpensionierung. Erleichtert wurde ihm dieser grosse Schritt durch Schicksalsschläge im engsten Umfeld: Sein Bruder starb 52-jährig, drei seiner Arbeitskollegen ebenfalls, noch bevor sie das Rentenalter erreicht hatten. Hanspeter Naef kam ins Grübeln und sagte sich, dass es das doch nicht gewesen sein kann: Das ganze Leben immer nur arbeiten und fremdbestimmt sein.

Das ist nun anders. Der Appenzeller pflegt seine Hobbys wie Wandern oder Jassen. Er fährt mit dem Töff aus. Oder er begibt sich gerne mit seinem Wohnmobil auf Reisen; seit er sich vor fünf Jahren seinen lang gehegten Traum erfüllte und sich solch ein Gefährt zulegte, hat er bereits 20 Länder erkundet. Weitere Ausfahrten sind geplant. Ist er in der Schweiz, kümmert er sich um sein Haus, da gibt es immer genug zu tun. Die Naefs wohnen wie gesagt in Heiden. Im Appenzeller Kurort lebte einst Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, bis zum Tod im Jahre 1910. Deshalb ist es doch nur allzu logisch, dass ich Blutspender wurde.

Henry-Dunant-Medaille als Prämie

Das Schweizerische Rote Kreuz betreibt heute in über 50 Schweizer Ortschaften Blutspende-Zentren und ist froh um jeden Spender, erst recht, wenn dieser bei Engpässen so kurzfristig aufgeboten werden kann, wie dies bei Hanspeter Naef möglich ist. Bei einer normalen Blutspende gibt es als kleine Belohnung Kaffee und Gipfeli. Wer 100 Mal gespendet hat, erhält die Henry-Dunant-Medaille. Unterzieht sich Naef so wie an diesem Morgen der aufwendigeren Blutplättchen-Spende, verkürzt er sich die Zeit mit Zeitschriften oder mit dem iPad. Früher gabs im Blutspende-Zentrum noch VHS-Kassetten mit Filmen wie Ben Hur oder Titanic. Um sie zu Ende schauen zu können, mussten wir allerdings drei oder gar vier Mal herkommen.

Die Pflegefachfrau hat Hanspeter Naef nun von allen Schläuchen und Kanülen befreit. Die heutige Blutspende-Session ist für ihn damit zu Ende. Die Zwanzger-Nötli, die er bis jetzt erhalten hat, bewahrt er alle auf. Irgendwann will er sich mit ihnen etwas gönnen. Was genau, weiss ich noch nicht. Klar ist für ihn nur: Es muss irgendetwas Verrücktes sein.

Am 14.Juni ist Weltblutspendetag. Das Datum ist kein Zufall: An diesem Tag wurde Karl Landsteiner (18681943), der Entdecker der Blutgruppen, geboren.

Diese drei Spendearten sind für Menschen ab 18 Jahren möglich:

Die Vollblutspende
So heisst die gängige Blutspende, die nur rund zehn Minuten dauert.

Die Blutplättchen-Spende
Blutspende, bei der nur Plasma und Blutplättchen gesammelt werden. Dauer: 6090 Min.

Die Blutstammzellspende
Kommt unter anderem Patienten, die an Leukämie erkrankt sind, zugute.