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Jugend Extra

«Sei du selbst!»

Heute steht Andrea (19) ganz offen dazu, dass er schwul ist. Bevor er sich outete, hatte er allerdings lange mit sich und seinen Ängsten vor den Reaktionen der anderen zu ringen.

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Lucian Hunziker
05. November 2018

Jessica Cenic (17)

KV-Lernende Personal/Ausbildung Verteilzentrale Dietikon ZH, greift gerne nach Krimi-Romanen und hört nach der Arbeit Schallplatten (!) von David Bowie.

Gross, schlaksig, gut aussehend und aufrecht wirkend, durch und durch ein gewöhnlicher Jugendlicher, mit nur einem kleinen Unterschied: Andrea (19) spielt für das andere Team. «Zuerst dachte ich, es sei nur Einbildung», sagt der KV-Lehrling aus Aarau beim Treffen. 15 Jahre war er, als er sich erstmals mit dem Gedanken auseinandersetzte, dass er schwul sein könnte. Zuerst stempelte er dies als «Phase», als innere Verirrung, ab. Doch die Gedanken schlummerten weiter in seinem Kopf, bis ihm klar war: Nein, es ist definitiv so, ich bin schwul.

Vorerst behielt er es für sich: Zu gross war die Angst vor der Reaktion und den vielen Fragen der anderen. Bis seine beste Freundin ihn auf die Seite nahm und fragte, ob er schwul sei. Zuerst zögerte er, dachte aber doch: «Jetzt oder nie.» Ihre Reaktion gefiel ihm: Sie ermutigte ihn, auch andere in sein «Geheimnis» einzuweihen: «Öffne dich deinem besten Freund gegenüber!» Wieder begann ein langes Ringen mit sich selbst. Als er es seinem besten Freund gestand, erlitt er einen Nervenzusammenbruch, so gross war die Anspannung. «Es war eine schöne und hässliche Erfahrung zugleich», erinnert er sich. Schön war, dass sein bester Freund es völlig in Ordnung fand, hässlich war die heftige Reaktion seines Körpers.

Kaum war diese Hürde überwunden, stand am Horizont bereits die nächste Bewährungsprobe an: das Outing vor den Eltern. Auf welche Art könnte er es ihnen beibringen? Dutzende von Gesprächsverläufen geisterten ihm durch den Kopf. Alles schien ihm möglich: vom totalen Verständnis bis zum Eklat.

Andrea mit Freund Tobias (l.): «Wie kann man die Liebe zwischen zwei Menschen abnormal finden?»

Wie aus heiterem Himmel trat Tobias in Andreas Leben. Sie wurden in null Komma nichts ein Paar. Tobias machte Andrea Mut – jenen Mut, der ihm bisher gefehlt hatte, um sich bei seinen Eltern outen zu können. Nervös suchte er das Gespräch mit ihnen und bekannte sich zu seinem Schwulsein. Andrea hatte Glück – die Eltern akzeptierten es, freuten sich darüber, dass er ihnen gegenüber so offen war. Seine Mutter meinte gar, sie hätte es seit Längerem geahnt. Andrea war erleichtert. Er hatte andere Geschichten gehört, in denen es Eltern nicht akzeptieren, dass ihr Kind anders ist. In den schlimmsten Fällen wird der Sohn oder die Tochter gar verstossen oder sieht sich gezwungen, die sexuelle Orientierung zu unterdrücken.

Ganz viele Vorurteile

Viele Menschen haben ein Problem mit gleichgeschlechtlicher Liebe und halten sie für abnormal und widernatürlich. Andrea hat kein Verständnis dafür: «Wie kann man so etwas wie die Liebe zwischen zwei Menschen abnormal finden? Es ist ja nicht so, dass wir damit Schaden zufügen, im Gegenteil. Wir wollen doch nur frei lieben, wen wir möchten.»

«Hat man es offen ausgesprochen, gibt es keinen Weg zurück.»

Andrea, 19

Heute steht Andrea offen zu seiner Homosexualität. Regelmässig muss er aber nervige Fragen über sich ergehen lassen. Zum Beispiel diese: «Wer ist der Mann und wer die Frau in eurer Beziehung?» Dabei gebe es eben genau keine Frau darin. Auch sonst bekommt er viele Klischees zu hören: Als Schwuler sei er für Frauen doch der perfekte Begleiter, wenn es ums Shoppen gehe! Für Andrea ist dies nur ein Augenrollen wert. Er hat schon genug Schwule gesehen, die in Sachen Mode komplett versagten. Ein Vorurteil sei auch, dass sich alle Homosexuellen wie Tunten verhielten. Oder dass Lesben immer kurze Haare haben. Alles Schwachsinn, findet Andrea. Es sei höchste Zeit, dass man diese Vorurteile beerdige. Jeder Schwule sei auf seine Art anders schwul.

Zum Schluss möchte Andrea allen Schwulen da draussen Mut machen, falls sie mit inneren Konflikten ringen: «Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht, bis ihr euch wirklich sicher seid, dass der richtige Moment dafür sei. Nachdem man es offen ausgesprochen hat, gibt es keinen Weg zurück.» Es sei wichtig, sich eine Vertrauensperson zu suchen, die stets unterstützend an der Seite stehe, damit man es nicht alleine durchstehen muss. «Am Ende des Tages zählt aber nur das: Just be yourself!» Sei du selbst!