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Begegnung

Absolute Dunkelheit

Anja Reichenbach weiss: Irgendwann ist sie ganz blind. Trotzdem schaut die Zollikoferin nach vorne mit dem inneren Auge.

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Dominic Steinmann
26. Februar 2018

Schnell und sicher: Anja Reichenbach mit einem Guide, der sie an der Hand und damit auf Distanz hält.


Anja Reichenbach ist eine sichere und elegante Snowboarderin.

Eigentlich hätte das Treffen mit Anja Reichenbach beim Snowboarden in Saas-Fee stattfinden sollen. Obwohl selber fast blind, leitet die 29-Jährige im Walliser Skigebiet ein Schneesportlager für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung. Als Mitglied der Geschäftsleitung und Projektleiterin der Non-Profit-Organisation Blindspot ist Anja Reichenbach nicht nur dabei, sondern auch für dessen Durchführung verantwortlich. Doch die auf 2000 Meter über Meer gelegene Gemeinde ist zugeschneit abgeschnitten vom Rest der Welt. Die Zugangsstrasse wegen Lawinengefahr bis auf Weiteres gesperrt. Zwei Tage danach schafft es zumindest unser Fotograf zu Reichenbach auf die Piste und berichtet im Anschluss schriftlich: Anja fuhr mit ihrem Guide sehr schnell und sicher. Schneller als viele sehende Ski- und Snowboardfahrer. Beim Fahren geben sie sich jeweils die Hand. Dies diene aber nicht zum Führen, sondern damit sie während des Snowboardens auf Distanz bleiben.

Ein paar Wochen später sitzen wir mit Anja Reichenbach im heimeligen Café toi et moi im Herzen von Bern. Mit leuchtenden Augen berichtet die Zollikoferin nochmals vom erfolgreich verlaufenen Wintersportlager in Saas-Fee mit 21 Kindern und 33 Jugendlichen, schwärmt vom Snowboarden und sagt wortwörtlich: Seit ich nicht mehr sehen kann, geniesse ich das noch viel mehr. Die Symbiose mit dem Guide ist sehr schön, das Gefühl auf dem Brett intensiver. Man erfahre die Emotionen seines Gegenübers viel direkter. Während sie erzählt, schaut sie einem direkt in die Augen. Eine Sehbehinderung ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Das habe einerseits etwas Gutes, bringt aber auch Probleme mit sich. Weil man ihr nicht ansieht, dass sie fast nichts sieht, wurde sie schon als Simulantin beschimpft. Das ist verletzend. Darum hadert Anja Reichenbach mehr mit der Gesellschaft denn mit ihrer unheilbaren Augenkrankheit Retinitis pigmentosa, einer Netzhautdegeneration, bei der die Photorezeptoren zerstört werden.

Unschönes Erlebnis

Bis vor Kurzem befand sich die Soziologin in einem Rechtsstreit mit einer Restaurantbesitzerin. Ich wurde wegen meines Blindenhundes aus dem Lokal geworfen, berichtet Reichenbach und stellt klar: Das hätte sie nicht tun dürfen. Es ist gesetzlich festgehalten, dass Hunde, die eine behinderte Person führen oder begleiten, zugelassen werden müssen. Das unschöne Erlebnis postete die 29-Jährige auf Facebook, worauf die Gastronomin eine Klage wegen übler Nachrede einreichte. Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft in der Zwischenzeit jedoch wieder eingestellt.

Seit ihrem 15. Lebensjahr geht bei Anja Reichenbach nichts mehr ohne Hilfsmittel. Doch bevor sie das Augenlicht ganz verliert, will sie wenigstens jeden Kontinent einmal bereist haben es fehlt nur noch Südamerika.

Lange Zeit wusste sie nichts von ihrer Krankheit oder wollte nichts davon wissen. Ich dachte einfach, dass ich halt weniger gut sehe als die anderen. Eine echte Sehbehinderung war kein Thema. Sie muss schmunzeln, wenn sie an ihre Kindheit zurückdenkt. Ich war wild und häufig mit blauen Flecken übersät. Bei der medizinischen Kontrolle vor der Einschulung gab es deswegen Probleme. Der Kinderarzt verdächtigte meine Eltern der Misshandlung, bis diese ihm glaubhaft machen konnten, dass ich aufgrund meiner Sehbehinderung ständig überall hineinrannte.

Die blauen Flecken waren ihr egal, Hauptsache, ich konnte normal dabei sein. Sie sagte nie: Ich bin sehbehindert. Sondern: Ich sehe nicht so gut. Erst im Teenager-Alter realisierte sie, wie sehr ihr Sehvermögen beeinträchtigt ist. Es ist eine gemeine Krankheit, findet sie. Langsam, aber unaufhaltsam frisst sie das Augenlicht der Bernerin auf, bis absolute Dunkelheit herrscht. Schwierig sei vor allem, wenn die Krankheit einen Schub macht. Das ist immer wie ein Abschied. Ein Abschied von der Welt der Sehenden, von den Farben und Umrissen, die bald nur noch Erinnerungen sein werden. Manchmal wünsche ich mir, dass das mit dem Sehen nun endlich ganz vorbei ist. Es werde dann einfacher, haben ihr Bekannte erzählt. Ich bin gespannt, ob es wirklich so sein wird.

Anja Reichenbach ist eine Kämpferin. Aufgeben war für sie nie eine Option. Der Drang, weiterzugehen, ist so gross, dass sich das andere erübrigt. Eine bewundernswerte Einstellung! In den Schneesportwochen mit den behinderten Kindern versucht die junge Frau diese Denkweise weiterzugeben.

Blindspot

Die Non-Profit-Organisation Blindspot setzt sich für eine Gesellschaft ein, in der Inklusion als Selbstverständlichkeit gelebt wird; Inklusion bedeutet dabei, dass jeder Mensch akzeptiert wird und an der Gesellschaft teilhaben kann.

2005 nahm die Organisation mit ihrem Inklusions-Ansatz eine Pionierrolle ein. Es bestanden keine vergleichbaren, breit abgestützten Projekte in der Schweiz. Trotz der allgemeinen Skepsis gegenüber der Realisierbarkeit lancierte Blindspot unter dem Motto Unmögliches möglich machen ihr erstes Inklusions-Projekt: ein Wintercamp für Jugendliche mit und ohne Behinderung. Viele weitere Projekte folgten. Auch das Wintercamp wird noch immer durchgeführt mit grossem Erfolg.

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