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Big Brother is watching you

In der Schweiz gibt es Tausende Überwachungskameras. Kurt Caviezel hält damit das Leben fest.

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FOTOS
Christoph Kaminski
08. Januar 2018

Mit dem geübten Auge des Beobachters: Kurt Caviezel betrachtet die Welt durch die Webcams.


Anonym

Über 200 Fotografen zeigen ihre liebsten Bilder von 2017. Die Swiss Photo Academy wählt anlässlich der photo Zürich 18 zum vierten Mal den Schweizer Fotografen des Jahres. Ergänzt wird die Werkschau durch das photoFORUM mit Vorträgen der weltbesten Fotografen. Freitag, 12.Januar, bis Dienstag, 16.Januar, (11 bis 20 Uhr) in Zürich Oerlikon: Halle 622 und StageOne. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das schier endlose Gleisfeld vor dem HB, die wehende Spanien-Flagge über der Schrebergarten-Kolonie, die Fussballplätze des Juchhofs: Von der Dachterrasse des Industriegebäudes an der Zürcher Stadtgrenze blickt Kurt Caviezel (53) auf viele Schattierungen der urbanen Zivilisation: Das ist eine inspirierende und dynamische Umgebung, sagt er und schafft mit seinem Bündner Dialekt ein fast schon meditatives Klangbild. Kaum 50 Meter entfernt nimmt eine doppelstöckige S-Bahn-Komposition Fahrt auf in Richtung Aargau.

In einer ehemaligen Spielzeugfabrik hat sich der Fotokünstler im zweiten Stock eingemietet. Das leicht chaotische Interieur mit Kartonschachteln, Aktenordnern, Büchern und einer aus der Wand blickenden Jagdtrophäe entspricht dem Klischee des Künstlers. Die Ausrüstung eines Fotografen sucht man aber vergeblich keine Lampen, keine Schirme, keine Stative, keine Kameras. Das brauche ich nicht, sagt Caviezel, setzt sich auf einen Metallstuhl und deutet auf den Computer an seinem Schreibtisch: Der Bildschirm ist mein Sucher, die Maus der Auslöser und die Webcams sind meine Objektive.

Caviezel arbeitet mit den Bildern, die ihm Überwachungskameras und Webcams liefern auch solche aus privaten Haushalten. Über spezielle Suchmaschinen sei praktisch jede Kamera anzusteuern. In der heutigen Zeit bewegen wir uns fast immer und überall in Reichweite einer Kamera oder eines Mikrofons. Seine Aussage weckt Assoziationen zu George Orwells Klassiker 1984, in dem Ende der 1940er-Jahre die künftige Überwachungsgesellschaft beschrieben wird. Diesen Zustand haben wir heute weit überschritten, sagt Caviezel. Er sieht darin aber nicht zwingend etwas Schlechtes: Die Menschen interpretieren zu viele Ängste in diese Entwicklung. Die Kameras werden meist zur Sicherheit oder als Dienstleistung montiert.

Das Alltägliche festhalten

Was Caviezel an den Aufnahmen interessiert, ist quasi das Nebenprodukt das Alltägliche, das die Objektive festhalten. An der Wand seines Arbeitsplatzes hängt ein Bild von der Skyline Vancouvers: auf den ersten Blick ein gewöhnliches Foto; wäre da nicht ein dunkler Schatten am oberen Rand. Was aussieht wie der Finger eines ungeübten Fotografen, ist der Federschwanz eines Vogels, der sich auf dem Kameragehäuse eine Pause gönnt. Das macht das Sujet speziell, sagt Caviezel und rückt sich seine schwarze Brille zurecht.

Der kanadische Vogel stört sich kaum daran, dass er zum Ausstellungsobjekt eines Schweizer Künstlers befördert wird. Wie sieht es aber mit jenen Menschen aus, die Caviezel aus der Privatsphäre auf die Festplatte seines Computers holt? Ich schaue niemandem zu, der das nicht will, sagt er. Trotzdem können gewisse Zweifel bleiben. Schliesslich weiss längst nicht jeder Passant, wann und wo er überall gefilmt wird. Nicht jedes Trottoir ist ein Laufsteg, nicht jeder Stadtpark eine Showbühne.

Geistesblitz beim Rotlicht

Bei seinen Recherchen erlebe er berührende, aber auch traurige Momente, erzählt Caviezel. Bei der Auswahl kenne er eine klare Grenze: Babys und demente Menschen würde ich nie abbilden weil sie sich nicht wehren können. Beschwert habe sich bis jetzt noch nie jemand bei ihm. Aber Caviezel wartet auf den Moment, in dem sich ein Besucher seiner Ausstellung auf einem Werk wiedererkennt: Das könnte zu einer speziellen Dynamik führen, sagt er.

Die Idee dazu hatte er, als er am Zürcher Schaffhauserplatz wohnte. Durchs Fenster beobachte er die Menschen in den Autos vor dem Rotlicht: wie sie die Haare richten, in der Nase bohren oder sich im Rückspiegel bewundern. Daraus entstand das Fotobuch Red Light. Die Arbeit mit den Webcams sei die Steigerung davon. Sie erlaubt es ihm, die Schweiz zu verlassen. Caviezel blickt in Wohnungen in Melbourne, auf WC-Anlagen in Wien oder schaut einer Familie in einem New Yorker Park beim Picknick zu. Es sei unvorstellbar, wo Menschen ihre Kameras überall platzieren: im Kühlschrank, im Papierkorb oder in der Hundehütte. In der Schweiz sorgte unlängst die Cow Cam, eine auf einer Kuh befestigte Kamera, für Furore. Selbst die Unendlichkeit des World Wide Web hat aber ihre Grenzen: An der Great Firewall of China führt kein Weg vorbei, sagt Caviezel.

Klickt er sich durchs Internet, spielt auch Glück eine Rolle: Wie ein normaler Fotograf muss ich im richtigen Moment am richtigen Ort sein. Gelegentlich hilft aber auch das nicht wenn beispielsweise die Technik versagt und die Kameras nicht senden. Aber auch daraus hat Caviezel ein Kunstobjekt gemacht. An der photo Zürich 18 stellt er Kamerabilder mit Fehlermeldungen aus: Image out of service oder Nicht aktuell, ist auf den Standbildern zu lesen. Caviezel nennt diese Serie: No video Ich sehe nichts. Doch auch dies ist nur die halbe Wahrheit. Denn selbst wenn auf einem Bild auf den ersten Blick nichts zu sehen ist, kann Kurt Caviezel die Welt darauf erkennen. Der Alltag ist so (un)spektakulär wie ein Vogelschwanz in Vancouver.