X

Beliebte Themen

Porträt

Böschs Bergbilder

Am Berg ist er in seinem Element: Robert Bösch. Nun hat der Fotograf und Bergsteiger sein Lebenswerk veröffentlicht. Der Titel: natürlich «MOUNTAINS».

FOTOS
Robert Bösch, Lukas Pitsch
10. Dezember 2018

Diese Eiswand nun im Schatten ging Robert Bösch nicht mehr aus dem Kopf: Ueli Kestenholz (43) beim Speedriding über dem Hochfirn an derJungfrau..

Sehenswert

Buch und Ausstellung

Robert Bösch tanzt auf mehreren Hochzeiten, um sein beeindruckendes Schaffen zu präsentieren. Soeben hat er den Bildband «MOUNTAINS» (Verlag National Geographic; erhältlich in Buchhandlungen oder bei Robert Bösch) veröffentlicht. Dazu sind zahlreiche Fotos von ihm in der Zürcher Bildhalle am Stauffacher 56 ausgestellt. Bergsteiger-Legende Reinhold Messner (74) würdigt Bösch dort so: «Mir ist beim Betrachten seiner Bildkunst, als habe der Weltgeist uns bei unserer Leidenschaft überrascht.»

Weitere Informationen hier: https://www.bildhalle.ch

Robert Böschs Hände fallen auf. Sie sind im Vergleich zum übrigen Körperbau auffallend gross. Das muss so sein, denn diese kräftigen Hände haben geholfen, dass Bösch sich auch an den steilsten Wänden halten konnte. Und er so an Orten fotografierte, wo sich nur die wenigsten hin trauen. Grossartige Bilder an atemberaubenden Schauplätzen sind in den vergangenen Jahrzehnten entstanden; viele von ihnen begegneten dem Betrachter in Zeitungen und Zeitschriften sowie in Büchern. Nun ist beim renommierten National-Geographic-Verlag der neuste Bildband von Bösch erschienen – «MOUNTAINS».

Sein «Lebenswerk» nennt der 64-Jährige diese allein schon von der Grösse her monumentale Bilderschau auf Papier, die Kunst-, Action- und Bergfotografie miteinander vereinigt. «Die Idee dazu schlummerte lange in mir», sagt er, während er die einzelnen Seiten durchblättert. Wir sitzen bei ihm in der Küche in seinem Haus in Oberägeri ZG. «Ich könnte zu jedem Bild die Geschichte dazu erzählen, aber das würde euren Rahmen sprengen.»

Der besondere Blick

Bei einer Darstellung von Snowboard-Legende Ueli Kestenholz beim Speedriding – einer Mischung aus Freeriden und Gleitschirmfliegen – kann er trotzdem nicht widerstehen: «Während einer Foto-Session für die ‹Schweizer Illustrierte› flog Ueli über eine Eiswand, die voll in der Sonne lag. Ich hatte das Gefühl, dass das Bild viel besser würde, wenn die Eiswand im Schatten läge.» Dafür war es in jenem Moment jedoch zu spät. Es entstand aber auch ohne dieses Bild eine grosse Bildreportage in der Zeitschrift. Die Idee, dass der Schauplatz im Schatten noch besser wirken könnte, liess Bösch trotzdem nicht mehr los. «Kommst du noch einmal mit?», fragte er Kestenholz, der sofort zusagte. Bösch gelang das Wunschbild, was keine Selbstverständlichkeit und deshalb umso wertvoller war: «Mir war nur wichtig, dass ich diese Idee, die ich im Kopf hatte, umsetzen konnte.» Der Fotograf sieht Bilder, die andere nicht sehen («das hat wohl mit Talent zu tun»), und er neigt zur Perfektion – mit allem, was dazugehört. Diese Kombination macht ihn zu einem herausragenden Fotografen am Berg.

Auch diese Aufnahme wurde vom Helikopter aus aufgenommen: Ueli Steck auf dem Mont Blanc.

«Ich kann nicht viel.» Das aber ausgesprochen gut: Robert Bösch, Fotograf und Bergsteiger der Extraklasse.

«Ich kann nicht viel», sagt er von sich, «ausser fotografieren und bergsteigen.» So erscheint es logisch, dass er zu dem wurde, was er heute ist. In Tat und Wahrheit gab es aber keinen Plan. Er studierte Geografie, denn «alles andere interessierte mich noch weniger», und zwar tat er dies eher nebenbei, weil er lieber die Berge bestieg – auf höchstem Niveau. Bei jeder Tour hatte er, der sich zum Bergführer ausbilden liess, eine Kamera dabei und schoss ungewöhnliche Bilder zuhauf. «Die anderen fanden meine Fotos so lange super, bis ich es selber glaubte. Rückblickend aber sehe ich das kritischer.» Nach und nach entwickelte sich ein Geschäftsmodell daraus; irgendwann konnte der Autodidakt («ich bin kursresistent») seinen Lebensunterhalt ganz mit der Fotografie bestreiten.

«Uelis Stimme fehlt»

Besonders gerne arbeitete Bösch mit Ueli Steck zusammen. Dieser benötigte als Profibergsteiger Medienpräsenz. Die Bilder dafür lieferte oft Bösch. «Am Anfang unserer Bekanntschaft waren es einige – zum Teil wilde – Fotoprojekte, die wir realisierten.» Mit der Zeit entwickelte sich eine besondere Freundschaft am Berg, auch weil die beiden sich gegenseitig nie vorrechneten, wer bei welcher Aktion mehr profitierte. Vor einem Jahr wollte er Stecks Projekt dokumentieren, bei dem der Extrembergsteiger nacheinander ohne Sauerstoffgerät den Mount Everest und Lhotse besteigen wollte. Dazu kam es nicht mehr. Als Bösch in Kathmandu eintraf, wurde er von einem befreundeten Sherpa mit den Worten begrüsst: «I have very bad news. Ueli is dead.» Steck war auf einer Trainingstour verunfallt. «Uelis Stimme fehlt», schreibt Bösch in seinem Buch.

Auf die besonders risikoreichen Besteigungen verzichtet er mittlerweile bewusst. «Die Risikobereitschaft dafür habe ich nicht mehr. Es ist wohl eine Frage des Alters, auch körperlich.» Extrembergsteigen, so Bösch, sei kein Zuckerschlecken: «Du gehst da an einen Ort, wo du nicht hingehörst.» Er leugnet nicht, dass er die Angst kennt – vor allem vor einer grossen Tour. «Du kannst nicht schlafen und hoffst insgeheim gar, dass das Wetter kippt, damit du einen Grund hast, um nicht in die Wand einsteigen zu müssen.» Meist war das Wetter aber zu gut dafür und so begab er sich in die Ungewissheit, die einen am Berg erwartet. Wie jeder Bergsteiger, der noch lebt, erlebte er Situationen, die katastrophal hätten enden können. «Auch wenn du am Berg umsichtig handelst, brauchst du manchmal dieses Quäntchen Glück.» Auf der anderen Seite, so Bösch, stehe dieses starke Gefühl, «wenn du dir bewusst bist, wie souverän du in diesen gefährlichen Situationen gerade handelst – dass du also alles im Griff hast». Nach der Tour stelle sich bei ihm dann beim verdienten Bier dieser unglaublich starke Gefühlsmix aus Stolz, Zufriedenheit und Müdigkeit ein.

Die Digitalfotografie hat die Arbeit eines Fotografen nicht nur vereinfacht, sondern nachhaltig verändert – auch weil die Bilder nachträglich bearbeitet werden können. Für Bösch kommt das allerdings nicht infrage: «Das Bild entsteht, wenn ich auf den Auslöser drücke.»