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Der Basler Tänzer Coskun alias «Tuff Kid» Erdogandan war einst «Best single B-Boy» der Welt. Beim Red Bull BC One World Final bewertet er nun seine Kollegen.

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Lucian Hunziker
17. September 2018

In den Räumen der ehemaligen Coop-Verteilzentrale kann sich «Tuff Kid» kreativ optimal entfalten.

Coskun Erdogandan (38) sitzt in seinem kleinen Büro im sechsten Stock der ehemaligen Coop-Verteilzentrale in Pratteln BL. Grauer Schlabberpulli, dunkelblaue Jeans, braune, halbhohe Sneakers, Lesebrille auf der Nase. Eine dünne Glasscheibe trennt die administrative Ecke von den Kreativsektoren – zwei Räumen mit Schwingboden für Tanz- und Kampfkunst sowie einem professionell ausgestatteten Bereich für funktionelles Training. Es ist dies das kleine Reich von «the movement spot» – einem «europaweit einzigartigen Kompetenzzentrum für Bewegung, Bildung und Hiphop-Kultur», wie es auf der Webseite heisst. Gegründet von der Tanzlegende Coskun alias «Tuff Kid» Erdogandan.

Er war einer der besten Breakdancer auf unserem Planeten. Gewann zahlreiche internationale Competitions, triumphierte vier Mal beim Schweizer Battle of the Year und wurde im Jahr 2000 zum «Best single B-Boy» der Welt erkoren.

Von den Medien kreierter Begriff

Die Erfolge in Ehren – sie bedeuten ihm nicht viel. Und sowieso: «Breakdance ist ein von den Medien kreierter Begriff, wir nennen uns B-Boys oder B-Girls» klärt er auf. Und das, was er macht, heisst «B-Boying» oder «Breaking» und ist neben «Writing» (Graffiti), DJing (Scratchen) und MCing (Rap) eines der vier Elemente der Hip-Hop-Kultur.

Der gebürtige Basler mit türkischen Wurzeln ist aber keiner der «Yo-Mann-Hey-Alte»-Typen, wie sie diese Szene auch kennt. Im Gegenteil: Er spricht ruhig, überlegt, schlittert gern ins Philosophische. «Es ist mit dem B-Boying, wie wenn man in einem Museum ein Bild betrachtet», sagt er, «entweder es wirkt auf einen und man fühlt sich angesprochen – oder eben nicht.» Jedes einzelne Tanzset sei ein Gesamtkunstwerk in sich, findet der 1,65 Meter grosse B-Boy. Subjektiv schlägt also objektiv!

Darum findet Erdogandan seine Aufgabe am Red Bull BC One World Final nicht einfach. Beim weltweit grössten und renommiertesten Breaking-Anlass sitzt er in der Jury und bewertet die B-Boys und B-Girls, die sich in sogenannten 1:1-Battles gegenseitig wegtanzen wollen. «Zum Glück sind wir im Ganzen fünf Judges», meint er, «dann fällt die Beurteilung nicht auf einen einzelnen Juroren zurück.»

Der Start im Quartier-Jugendhaus

Coskun Erdogandan selbst hat sich aus dem kompetitiven Breaking zurückgezogen. Für ihn geht es heute mehr um den Tanz als Kunst und die persönliche Ausdrucksform. Das ist das, was ihn schon in frühester Jugend am Breaking fasziniert hat. Im Quartier-Jugendhaus in Basel kam er damit zum ersten Mal in Berührung. Es haute ihn aus den Socken und in die Tanzschuhe. Mit 16 Jahren (nach der obligatorischen Schulzeit) erklärte er seinen eher konservativen Eltern, dass er keine Lehre und auch keine weiterführende Schule absolvieren werde. «Ich will mit Tanzen meinen Lebensunterhalt verdienen», so seine Worte. Und er begann fanatisch zu trainieren – bis zu acht Stunden am Tag. Hielt sich mit Shows, Theaterproduktionen und Werbespots über Wasser, trotzte zahlreichen Verletzungen. «Es war nicht einfach», erinnert sich Erdogandan, aber er habe es geschafft und mittlerweile seien auch seine Eltern stolz auf ihn.

Im Mai 2018 hat er nun zusammen mit seinen Schülern das Zentrum «the movement spot» eröffnet. Dort will er seine Erfahrungen und seine Leidenschaft fürs Tanzen weitergeben. «Wir wollen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch Bewegung, Bildung und Hip-Hop-Künste fördern», erklärt Erdogandan. Im Zentrum stehen dabei die Selbstentfaltung, der Gemeinschaftssinn und der gesunde Lifestyle. Das Angebot findet Anklang. In Projektwochen lassen sich sogar ganze Schulklassen vom ehemals besten B-Boy der Welt inspirieren.