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Begegnung

Die Frohnatur

Jahn Graf hadert nicht mit seiner Behinderung als cerebral Gelähmter. Dafür hat er auch gar keine Zeit. Seine Energie steckt er lieber in den Youtube-Kanal Jahns rollende Welt.

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Mischa Christen
18. Juni 2018

Jahn Graf liebt es, mit seinem Gefährt durch die Strassen zu rollen daraus kreiert er später seine Youtube-Beiträge. Jahn Graf würde sich wünschen, dass Influencer als Beruf anerkannt wird. So ist er auf die Invalidenversicherung angewiesen.


Er ist zügig unterwegs. Geschickt manövriert Jahn Graf seinen motorisierten Rollstuhl an den Passanten in der Zuger Bahnhofstrasse vorbei. Bis ihn die Worte eines Cafébesitzers einholen: Jahn, magst du uns helfen? Graf hat aber keine Zeit, nach diesem Interview wird er direkt zum nächsten rollen. Ansonsten hätte er zugestimmt. Oder sich im Plaza, seinem Stammlokal, zu den anderen Gästen gesellt und mit ihnen über Politik und Gesellschaft philosophiert. Denn das ist es, was Graf am liebsten macht. Nachdenken. Fragen stellen. Und darüber reden. Mit Freunden oder auf seinem Youtube-Kanal Jahns rollende Welt.

Der 28-Jährige ist seit der Geburt cerebral gelähmt. Die ersten beiden Lebensjahre galt er als faules Kind. Erst dann wurde abgeklärt, wieso er nicht gehen lernte. Die Ärzte fanden heraus, dass er Spastiker ist. Das heisst: Er ist nicht gelähmt, spürt auch seine Extremitäten. Aber seine Muskeln ziehen sich zusammen, ohne sich wieder zu lösen. Ich bin immer unter Hochspannung, sagt Graf und grinst uns von der nächsten Ampel aus an er ist uns stets ein paar Meter voraus.

Bis zum 22. Geburtstag lernte und arbeitete das Neunziger Kind, als das er sich selber bezeichnet, in Institutionen für Beeinträchtigte. Denn Integration in Normalschulklassen war zu dieser Zeit noch kein Thema, wie Graf sagt. Nach dem Schulabschluss machte er eine kaufmännische Anlehre, später kam er bei einem Treuhänder unter. Ich wollte mich nicht länger in einer Institution verstecken und ein selbstbestimmtes Leben führen, sagt er.

Kurskorrektur

Heute ist Graf noch einen Schritt weiter. Mit 25 Jahren wurde er notoperiert, weil seine Sackniere geplatzt war. Einen Monat lang lag er im Spital. Und merkte, dass er unzufrieden war und seinen Lebensweg korrigieren musste. Ich sass ganze acht Stunden am Computer. Dieser redete mir zu wenig, erklärt er. Er brauche ein Gegenüber. Also sprach er mit dem Chef, sie lösten das Arbeitsverhältnis in gegenseitigem Einverständnis auf, und Graf gründete den Youtube-Kanal Jahns rollende Welt. Damit verfolgt der Influencer zwei Ziele: Einerseits möchte er andere Beeinträchtigte motivieren, für mehr Barrierefreiheit zu kämpfen. Wir sollten nicht nur die Armen und Herzigen sein, wir sollten selber für unsere Rechte einstehen. Andererseits sucht er den Dialog mit Verbänden und Politikern, um möglichst alle Barrieren zwischen der normalen und seiner Welt abzubauen.

Ich wollte mich nicht länger in einer Institution verstecken.»

Jahn Graf, 28

Ein ewiger Kämpfer

Wobei, er selber empfand sich stets als normal. Ich kenne ja nichts anderes. Als Kind habe er sein Mami einst gefragt, wieso ihn alle anguckten. Diese antwortete ehrlich, er sei anders. Ich hatte Glück mit meinen Eltern. Sie nahmen mich für voll, ich hatte kein ständiges Bodenpersonal und war nicht einfach der arme Behinderte. Wahrscheinlich liege es an ihrer Erziehung, dass er ein Kämpfer sei, der sich immer neue Ziele stecke.

Im Zugersee warten bunte Pedalos auf erste Besucher. Auf dem Steg singt eine Frau im Bikini. Klassik. Jazz. Ganz für sich, als hätte sie kein Publikum. Graf lächelt. Es ist seine Welt, sein Revier. Wann immer es das Wetter zulässt, flitzt er im Rollstuhl von seiner Wohnung in Cham am Seeufer entlang nach Zug. Trifft Freunde, führt Interviews, testet Restaurants und Kinos auf ihre Barrierefreiheit hin, um die Erlebnisse auf seinem Kanal zu verbreiten. Später fährt er mit der S-Bahn zurück in sein Reich, wo er oft bis nach Mitternacht wach bleibt und Videobeiträge schneidet. Manchmal guckt er sich noch einen Film an. 600 DVDs türmen sich im Regal, es gibt kaum einen Regisseur, den er nicht kennt. Die Filme waren auch sein Weg in die Youtube-Welt; bevor es Jahns rollende Welt gab, übte er sich als Filmkritiker.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof sagt er, dass er an neuen Formaten für seinen Kanal herumstudiere und täglich Beeinträchtigte oder Regierungsvertreter für Interviews treffe. Es ist schade, dass die Gesellschaft Influencer noch nicht als Beruf ansieht, ich meinen Lohn stattdessen von der Invalidenversicherung erhalte. Viele traditionelle Branchen verschwinden jene der Influencer aber hat Potenzial. Graf zweifelt nicht daran, dass sein Kanal irgendwann Geld abwerfen wird.

Wo er sich in zehn Jahren sieht? Das ist mir ein zu weiter Horizont. Aber ich kann sagen, wo ich in fünf Jahren stehe, sagt er. Dann werde ich meine eigene Firma haben, die Beratungsmandate in Barrierefragen übernimmt. Und mich um die Familienplanung kümmern. Denn dass er bald wieder eine Freundin haben wird, steht für ihn ausser Frage. Ich bin mit mir im Reinen und habe erste Erfahrungen gesammelt, sagt er, bevor er lächelnd anfügt: Es wäre schön, irgendwann ein rothaariges Büebli oder Meitli zu kriegen. Kurze Zeit hängt sein Blick verträumt in der Ferne, die in diesem Moment ganz nah scheint.

Jahns rollende Welt auf Youtube