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Die Lebensretterin

Sie war eine erfolgreiche Unternehmerin. Heute stellt sie sich in den Dienst von Ärmsten, Kindern und Frauen und hat ein neues Verfahren zur Brustkrebsprävention entwickelt. Die erstaunliche Geschichte von Sonja Dinner.

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Christoph Kaminski
12. November 2018

Sonja Dinner will im Kleinen und Grossen nachhaltig wirken: «Wenn wir ein Kind vor der Beschneidung bewahren, retten wir eine ganze Welt.»

«Schnaps», antwortet Sonja Dinner kurz und knapp auf die Frage ihrer Assistentin, was sie zum Espresso trinken möchte. Sofort beginnt sie herzhaft zu lachen und greift nach dem Mineralwasser. Die 56-jährige Baslerin setzt sich an den improvisierten Sitzungstisch in ihrem Büro und deutet auf die Bilder an den Wänden: Die Fotos zeigen junge Gesichter mit einem zaghaften Lachen auf den Lippen. Es sind Dinners «Kunden» – russische Kinder, die ohne Glück ins Leben gestartet sind. «Das Mädchen ist blind, der Bub leidet an einer spastischen Form einer zerebralen Lähmung», erklärt Dinner, «sie sind in staatlichen Anstalten versorgt. Würde man ihnen nicht helfen, hätten sie keine Chance, ein würdiges und buntes Leben zu führen.»

Wir befinden uns am Schweizer Sitz der «Dear Foundation» in Affoltern am Albis ZH. «Andere Hilfswerke haben ihre Geschäftsadresse in der Zürcher Innenstadt, aber dort sind die Mieten so hoch, dass viel Geld für den eigentlichen Zweck einer Stiftung verloren geht», sagt Dinner. Die Stiftungspräsidentin kennt die Gesetze der freien Marktwirtschaft. Bis 2001 führte sie ihre eigene Firma im IT-Bereich mit 30 Mitarbeiter(innen). Dann entschloss sie sich zum Frontenwechsel: «Weil wir in der Schweiz so viel Glück haben, dass wir es weitergeben sollten.»

Gleichzeitig stellt sie aber klar: «Nennen Sie mich nicht Gutmensch. Es gibt wohl niemanden auf der Welt, der nichts ohne Eigengewinn macht.» Dinner beschäftigt in ihrem Betrieb mit Aussenstellen in Jerusalem und Monrovia (Liberia) zehn Angestellte: «Wir haben alle ein klares professionelles Anforderungsprofil und beziehen einen marktgerechten Lohn.» Ihr Antrieb zur Philanthropie sei das Ziel, etwas bewegen zu können und im Kleinen und Grossen eine nachhaltige Wirkung zu erzielen: «Wenn wir ein Kind vor der Beschneidung bewahren, retten wir eine ganze Welt.»

145 Projekte weltweit

Sonja Dinner entspricht kaum dem Klischee der barmherzigen Mutter Teresa. Mit rot geschminkten Lippen, weisser Bluse und dem modischen Trench­coat verströmt sie den Elan einer Geschäftsfrau, die mit ihrer Firma soeben einen Unternehmerpreis gewonnen hat. Ihr Lachen ist ansteckend, ihr Tatendrang förmlich spürbar. Ihre weltweit 145 Projekte sollen vor allem jenen ein besseres Leben ermöglichen, die sonst unbeschützt, ja ausgeliefert, wären: Frauen, Kinder, Behinderte. Dass sie dabei mit viel Leid und Elend konfrontiert wird, perlt nicht an ihr ab. «Was wir in den Projekten und in den Slums der Welt sehen und erleben, bewegt und berührt. Deshalb arbeiten wir mit Psychologinnen zusammen, die uns helfen, die Eindrücke zu verarbeiten.»

«Wir haben so viel Glück, dass wir es weitergeben sollten.»

Sonja Dinner (56)

Dinner erzählt von der «kleinen Johanna aus Ghana». Das Mädchen sei aus Armut von den Eltern an einen Mann verkauft worden und habe schwerste Verbrennungen erlitten. «Was genau mit ihr passiert ist, wissen wir nicht. Aber durch unsere Hilfe hat sie wieder Boden unter den Füssen gefunden und besucht dank der Stiftung erfolgreich die High-school in Accra.» Johanna schicke ihr regelmässig Bilder und Filme mit dem Smartphone, erzählt Dinner berührt: «Ich will verhindern, dass Johanna je aus wirtschaftlichen Gründen heiraten muss.» Als Feministin sieht sich Dinner nicht, aber es gehe ihr darum, den Frauen in allen Ländern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen: «Der Schlüssel zur effizienten Entwicklungshilfe ist immer die Bildung.»

Ziel sind eine Milliarde Frauen

In ihrem aktuellen Projekt «Dear Mamma» steht das Android-Smartphone im Zentrum – oder genauer: die erste App zur Früherkennung von Brustkrebs. Jährlich sterben weltweit 500'000 bis 700'000 Frauen an dieser heimtückischen Krankheit – Tendenz zunehmend: «Momentan beträgt die Zahl der neuen Fälle 1,5 Millionen pro Jahr, bis 2030 werden es wohl 2,5 Millionen sein.» Diesen Prozess will Dinner verlangsamen. Ihre App zeigt mit Bildern und Filmen, wie man seinen Körper selber untersuchen kann. Die gesprochenen Passagen sind auf Englisch, Französisch, Arabisch, Spanisch und Hebräisch verfügbar. Deutsch und weitere Sprachen für iPhones sind anfangs 2019 geplant. Die Ergebnisse werden mit einfachen Symbolen und Fotos protokolliert. Über soziale Netzwerke können sich die Userinnen austauschen. Dinner will damit vor allem auch Frauen erreichen, die weder lesen noch schreiben können: «Unser Ziel ist es, eine Milliarde Frauen anzusprechen.»

Die Brustkrebsprävention ist ihr ein persönliches Anliegen. Sie verlor 2006 ihre Cousine an diese Krankheit. «Die Sterbebegleitung zwei Jahre davor war eine prägende Zeit», erzählt sie – und verliert für einen Moment ihr Lachen. Nun will sie mit «Dear Mamma» den Menschen ein Instrument geben, um den Krebs in einem Stadium zu erkennen, in dem die Heilungschancen gross sind. Dass sie nicht alles Leid verhindern kann, ist ihr klar: «Wir sind nicht der liebe Gott.» Trotzdem: Wer Sonja Dinner zuhört, gewinnt den Glauben, dass jeder Mensch die Welt ein bisschen besser machen kann – sofern er die Augen aufmacht und die Hand ausstreckt. 


Die Dearmamma-App

Die App Dearmamma ist im Google Play Store erhältlich und installiert sich standardmässig in Englisch, sofern das Smartphone nicht Spanisch, Französisch, Arabisch oder Hebräisch eingestellt ist: