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Porträt

Die letzte Gastgeberin

Sie kam als Tänzerin mit 200 Franken in die Schweiz. Heute führt sie ein Millionen-Imperium. Die bewegende Geschichte von Ljuba Manz, in der Coop eine wichtige Rolle spielt.

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Lea Hepp
19. November 2018

Extrovertiert und selbstbewusst: Ljuba Manz in der legendären Hummer-Bar im Zürcher Hotel St. Gotthard.

Ljuba Manz ist zierlich, füllt aber die Empfangshalle des Hotels St. Gotthard ganz alleine: strahlende Augen, perfektes Make-­up, rote Lippen, funkelnde Edelsteine. «Schmuck kann eine Frau nie genug haben. Er ist eine Rückversicherung», sagt die 78-jährige Unternehmerin.

Eine Rückversicherung hat sie nicht mehr nötig. Ljuba Manz gehört zu den vermögendsten Hotelbesitzer(inne)n der Schweiz. Zu ihrem Imperium zählen neben dem «St. Gotthard» an der Zürcher Bahnhofstrasse das «Euler», «City Inn» und «b_smart» in Basel, das «Continental» in Lausanne und das «De la Paix» in Genf. «Ich glaube an das Gute – und dass jeder Mensch eine Bestimmung hat. Meine ist es, die Dynastie Manz weiterzuführen.»

Manz, 1940 im sowjetischen Charkow geboren, geht ihrer Bestimmung mit der Extrovertiertheit nach, die ihr in die Wiege gelegt wurde. Ihr Vater stammte aus Österreich, ihr Temperament ist russisch. Die Kriegswirren trieben sie nach Usbekistan, nach Moskau und schliesslich nach Wien. «Lieber Herrgott, ich möchte so gerne ein eigenes Bettchen haben», betete die kleine Ljuba damals. Ihr Wunsch sollte in Erfüllung gehen: Heute ist sie die «Zarin von Zürich» («NZZ am Sonntag»). Freunde und Wegbegleiter nennen sie «Grande Dame» und «eine der letzten grossen Gastgeberinnen».

Dabei war ihr Erfolg anfänglich nicht absehbar. Manz trat ohne Vorschuss zum Kampf um Anerkennung an. In die Schweiz kam sie mit einem Artistinnen-Visum als Cabaret-Tänzerin. «Ich hatte 200 Franken in der Tasche. 100 Franken brachte ich auf die Bankgesellschaft und sagte dem Schalterbeamten: ‹Das ist der Grundstein zu meiner ersten Million.›» Es blieben keine leeren Worte. Dass ihr erster Job in der Schweiz etwas Anrüchiges hatte, relativiert sie: «Ich war eine Künstlerin wie im Zirkus», sagt sie und nennt ihre Beschäftigung lachend «Tingeltangel». Dann wird sie ernst: «Als Tänzerin ist man kein Teil der Gesellschaft.»

Der Schuldirektor lief rot an

Manz aber wurde ein Teil der Gesellschaft – weil sich die Gesellschaft ihr nicht entziehen konnte. Ein Gast im Basler «Cabaret Singer» animierte sie dazu, die «Neue Sprach- und Handelsschule» zu besuchen. Manz erkannte ihre grosse Chance. Doch der Schuldirektor lief rot an, als er die neue Schülerin erblickte. Er war ein fleissiger Cabaret-Besucher: «Der arme Professor hätte beinahe einen Herzinfarkt erlitten», erzählt Manz.

Es war aber nicht das frivole Abendvergnügen, das Manz den Weg zu ihrer Karriere ebnete – sondern der Handel mit Fischen und Krustentieren. An der Basler Gerbergasse wurde sie damals auf ein kleines Verkaufshäuschen aufmerksam, in dem drei italienische Schwestern Hühner und Eier verkauften, jedoch happige Verluste einfahren mussten. 100 000 Franken Verlust standen Jahr für Jahr in den Büchern.

«Ich hatte nie Zeit, um über mich selber nachzudenken.»

Ljuba Manz, 78

Coop übernahm den Laden und wollte das Sortiment um Fische erweitern – ein Fall für die junge Ljuba. Die frisch diplomierte Handelskauffrau hatte keine Ahnung vom Fischhandel, brachte aber andere Qualitäten mit: «Ich hatte Mut und Wille und ein klares Ziel. Ich sagte den Coop-Chefs: ‹In einem Jahr mache ich eine Million Franken Umsatz und Gewinn.›» Manz kannte schon damals ihren Wert – und stellte klare Bedingungen: «Ich wollte den Titel der Geschäftsführerin, eine Zehnprozent-Beteiligung in Aktien sowie die Einzelunterschrift.» Die Quereinsteigerin begriff schnell, dass sich gute Geschäfte nur mit Massenauslieferungen an Restaurants, Hotels, Spitäler und Grosskantinen machen liessen. Woher sie den Mut für diesen Schritt nahm, kann sie heute nicht mehr sagen: «Ich hatte nie Zeit, um über mich selber nachzudenken.»

Manz schlägt im Sessel die Beine übereinander. Sie tritt auch im reifen Alter noch mit der Koketterie einer jungen Frau auf – und ist sich ihrer Ausstrahlung bewusst. Dies war schon so, als sie 1973 den ersten Geschäftstermin mit Caspar Manz, dem Besitzer des Hotels St. Gotthard, vereinbarte. Sie wollte seine legendäre «Hummer-­Bar» beliefern. Sie erinnert sich, als sei es gestern gewesen: «Wir trafen uns am Freitag, den 13. Juli, um 13 Uhr in Zürich. Da konnte eigentlich nur alles schiefgehen.» Doch es ging gut – sehr gut sogar. Die junge Fischverkäuferin fädelte den Deal ihres Lebens ein und fand gleichzeitig ihren Traummann.

Ljuba Manz schaut auf die Uhr. Der nächste Termin wartet. Noch immer beherrscht sie das Spiel mit der Öffentlichkeit wie nur wenige. Als sie 2014 den 30 Jahre jüngeren Mathematiker Marco Conte heiratete, tuschelte die Zürcher Gesellschaft irritiert. Doch spätestens wenn Ljuba Manz im «St. Gotthard» am 13. Januar zu ihrer legendären russischen Silvesterparty lädt, kommen sie alle: die Schönen, Reichen und Mächtigen. Und sie werden sich einmal mehr vergewissern: Dort, wo Ljuba Manz ist, schlägt der Puls des Lebens besonders stark. 

René Lüchinger und Birgitta Willmann: «Ljuba Manz – Russische Seele, Wiener Herz», Stämpfli Verlag. Im Handel oder für Fr. 41.40 plus Fr. 5.– Versandkosten.