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Porträt

Die Pferdetherapeutin

Monika Sommer versetzt Pferde mit ihren blossen Fingern ins Reich der Träume. Dass ihr Sohn Yann der berühmteste Torhüter des Landes ist, kümmert die vierbeinige Kundschaft keinen Deut.

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Heiner H. Schmitt
08. Oktober 2018

Die Massage gibt dem Ross ein besseres Körpergefühl. Monika Sommer mit Chelleina, der sie ein neues Leben schenkte.

Sattgrüne Wiesen, wolkenloser Himmel – die sanften Hügel der Jura-Ausläufer wirken wie mit Pastellfarben in die Landschaft gemalt. Der Pferdebauernhof auf dem Rigiberg in Buus BL könnte die Kulisse für einen Astrid-Lindgren-Film hergeben. «Das ist mein Kraftort. Wenn ich hier bin, ist der Alltag weit weg», sagt Monika Sommer (60) und streichelt der Stute Chelleina sanft über die Mähne. Das Pferd atmet ruhig, richtet die Ohren nach vorne, neigt den Kopf leicht gegen unten. Monika Sommer wird als Mutter von Fussballnationalgoalie Yann Sommer (29) gelegentlich in den Medien erwähnt. Den vierbeinigen Stallbewohnern ist aber eine andere Eigenschaft der sportlichen Blondine viel wichtiger. Sommer bietet seit rund acht Jahren Shiatsu-Behandlungen für Pferde an.

Shiatsu? Für Pferde? Sommer sorgt mit ihrem Angebot oft für ratlose Blicke. «Ich werde immer wieder gefragt, ob es sich dabei um einen Kampfsport handelt», sagt sie lachend. Dabei ist Shiatsu quasi das Gegenteil eines Kampfsports. Mit fliessenden Bewegungen und sanftem Druck von Fingern und Händen erzeugt Sommer bei den Tieren ein Gefühl der Entspannung: «Shiatsu hat auf Pferde dieselbe Wirkung wie auf Menschen: Es kann Verspannungen lösen, lindert Rückenprobleme, baut Stress und psychische Probleme ab, und es stärkt das Immunsystem», erklärt sie – und entlockt Chelleina ein sanftes Schnauben.

Durch Zufall zur Berufung 

Dass Monika Sommer heute diese Pferdetherapien professionell anbietet, entsprang dem Zufall. Es war im Jahr 2009, als sie noch als Verlagsleiterin der Basler Lokalzeitungen arbeitete und sich in der Freizeit für einen Persönlichkeitskurs mit Pferden anmeldete. Dort zeigte ein Osteopath die Pferdemassage. «Beim Recherchieren stiess ich auf die Schulseite Shiatsu für Tiere. So kam ich auf die Idee, es mit Pferden zu versuchen.» 

Es blieb nicht beim Versuch. Monika Sommer absolvierte eine zweieinhalbjährige Ausbildung, erlangte den Titel der «Diplomierten Tier-Shiatsu-Therapeutin» und machte dies zu ihrem Geschäftsfeld. Daneben kümmert sie sich im «fussballerischen Familienbetrieb» um die Finanzen ihres Sohnes. «Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Deshalb ist der Ausgleich perfekt». Es komme vor, dass auf ihrer Homepage Anfragen für Yann eingehen. Doch da winkt Monika Sommer resolut ab: «Auf diese Anliegen kann ich nicht eingehen.» Ihre Zielkundschaft wisse aber meistens nicht, dass ihr Sohn ein Profifussballer sei. So oder so: Handarbeit scheint den Sommers zu liegen. Berührt Monika Sommer ihre vierbeinigen Kunden, scheinen diese in einen Zustand der Tiefenentspannung zu fallen. Ein leichtes Kräuseln mit den Unterlippen oder ein Gähnen seien Zeichen, dass es dem Tier gefällt: «Es kam schon vor, dass ein Pferd fast eingeschlafen und auf mich gestürzt ist», erzählt die Therapeutin. 

Abgemagert und verstört

Sommer legt Wert darauf, dass sie die Tiere nicht vermenschliche. «Ein Pferd bleibt ein Pferd». Doch sei das Positive ihrer Behandlung oft sofort zu sehen. «Pferde, die aus der Shiatsu-Therapie kommen, laufen oft leichter.» Auch wirke die Behandlung sozusagen horizonterweiternd. «Ein Pferd weiss oft nicht, dass es ein Hinterteil hat. Durch die Massage erhält es ein besseres Körpergefühl.»

«Shiatsu hat auf Pferde die gleiche Wirkung wie auf Menschen.»

 

Als Beispiel, welche Entwicklung ein Pferd machen kann, dient ihr Chelleina. Die heute 16-jährige Stute stammt aus einem belgischen Gestüt, einer auf Springpferde spezialisierte Zucht. Doch Chelleina war für den Wettkampfsport zu klein und gedrungen. Als Monika Sommer sie traf, war das einst stolze Pferd in einem erbärmlichen Zustand. «Es war abgemagert und verstört. Es hat geschrien, gebissen und ausgeschlagen. Ihre Halter waren kurz davor, sie einzuschläfern», erzählt Sommer. Die Shiatsu-Therapie schenkte dem Tier ein neues Leben. «Nach der ersten Behandlung hörte es auf zu schreien. Nach der zweiten schlief es wieder im Liegen.»

Während des Gespräches achtet Monika Sommer immer darauf, dass Chelleina nicht unruhig wird. Die Zeit für den Fototermin will sie so kurz wie möglich halten, Störfaktoren ausschliessen. Die Frage, ob ihre therapeutischen Fähigkeiten auch ihrem Sohn bei einer Formkrise helfen könnten, verneint Monika Sommer lachend. «Ich glaube nicht. Aber Yann ist auch ohne Shiatsu ein ruhiger Charakter – es ist eine Eigenschaft, die er wohl von mir geerbt hat.» Ruhig sind auch die Pferde im Bauernhof Rigiberg – zumindest, bis sie von Besitzer Andreas Kalt auf die grosse Weide geführt werden. Jetzt durchbricht ein Hufgetrampel die Stille. Die Mähnen fliegen, der Sand stiebt – und es wirkt noch viel beeindruckender, dass Monika Sommer diese wilden und stolzen Tiere mit blossen Händen fast zum Einschlafen bringt. Vielleicht ist die Frau eben doch eine Pferdeflüsterin.