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Djafar Behbahanian: Denk nur an die guten Dinge!

Besuch beim ältesten Einwohner der Schweiz: Djafar Behbahanian ist 115 Jahre alt. Noch immer geht er gerne auf Reisen.

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FOTOS
Pino Covino
05. März 2018

Der 115-jährige Perser nascht gerne Datteln.


Djafar Behbahanian weiss nicht, wann dieses Foto entstand: Ich war auf alle Fälle jung.

Djafar Behbahanian liebt dieses Plätzchen am Fenster seines Hauses. Beautiful sun, sagt er, wenn die Sonnenstrahlen sein Gesicht erwärmen, beautiful weather. Doch irgendwann, darauf kann man wetten, wird er trotzdem unruhig. Dann pflegt er seine Frau Doris auf Englisch zu fragen: Wann gehen wir raus? Und damit meint er nicht bloss eine Runde ums Quartier. Behbahanian will weiter weg. Auf eine Schiffsreise nach Frankfurt. Oder zum Kuren nach Bad Ragaz. Manchmal träumt er sogar von einer Fernreise zurück in den Iran, in seine alte Heimat. Sicher nicht!, bremst ihn seine Frau und fügt lachend hinzu: Du bist nicht mehr der Jüngste. Was ja auch stimmt: Der reiselustige Mann am Fenster ist vor knapp drei Monaten 115 Jahre alt geworden.

Er ist damit der älteste Einwohner der Schweiz und einer der ältesten Menschen der Welt. Wobei er alt nicht gerne hört: Bitte nicht so sagen. Das Leben sei soooo lang und er habe schon soooo viel erlebt, aber 115 Jahre alt fühle er sich trotzdem nicht. Auch wenn er seit einem Jahr für grössere Unternehmungen einen Rollstuhl braucht. Die Knie wollen nicht mehr, sagt er.

Einige Erlebnisse liegen schon über neun Jahrzehnte zurück, sind ihm aber noch in bester Erinnerung. Vor allem von der Studienzeit schwärmt er, die schönste Zeit meines Lebens. Behbahanian wird 1902 in Khorramshahr am Persischen Golf geboren. Seine Mutter stirbt, als er vier Jahre alt ist. Ein paar Jahre später schickt ihn sein Vater, ein Handelsmann, in den Libanon nach Beirut, wo er an der amerikanischen Universität ein Wirtschaftsstudium beginnt. Daneben bleibt viel Zeit für Sport. Er liebt Fussball und Basketball. Und ich war ein guter Tennisspieler, sagt er mit wachen Augen.

Seelenverwandtschaft

Doch dann verdüstert sich seine Miene für einen kurzen Moment, der Blick geht nach unten. Er durfte sein Studium nicht beenden. Stattdessen musste er vorzeitig in den Iran zurück; sein Vater hatte kein Geld mehr, nachdem sein Handelsschiff unter und damit die Haupteinnahmequelle verloren gegangen war.

Behbahanian blieb positiv einer der Hauptgründe, wie er glaubt, für ein langes Leben: Denk nur an die guten Dinge! So macht er trotzdem Karriere, wird Finanzverwalter und Vizehofmeister für Reza Pahlavi, den Schah von Persien. Für ihn ist er in der ganzen Welt unterwegs und kommt auch nach Basel. Hier lernt er in den Sechzigerjahren seine zweite Frau kennen: Die 36 Jahre jüngere Doris arbeitet als Korrespondentin. Es ist Seelenverwandtschaft auf den ersten Blick, wird aber noch einen Moment dauern, bis das Schicksal die beiden endgültig zusammenführt und Behbahanians erstes Leben beendet: Wegen der islamischen Revolution muss er den Iran 1978 Hals über Kopf verlassen. Der Swissair-Flug ist eigentlich ausgebucht, doch für Behbahanian räumt einer der mitfliegenden Sicherheitsleute seinen Sitz und nimmt stattdessen auf dem Boden Platz. Die Schweiz gewährt ihm Bleiberecht, wofür er auf ewig dankbar ist: So nice people here in Switzerland. Wonderful people.

Seit vier Jahrzehnten verbringt er sein zweites Leben hier, den Schweizer Pass hat er nicht. Dafür hätte er Deutsch lernen müssen. Mit 75 ging das nicht mehr, sagt seine Frau, die ihn ganz schön auf Trab hält. Dafür gelang es dem Perser, sich in der Fremde im Rentenalter eine neue Existenz aufzubauen: Er handelte in den USA mit Immobilien, das Geld liehen ihm befreundete Banquiers in Basel. Behbahanian arbeitete viel, many, many years, wie er sagt. Womit sich die Formel für ein langes Leben allmählich entschlüsselt: positives Denken plus eine aktive Seelenverwandte auf Augenhöhe plus viel Arbeit. Und sonst? Die Frage ist ihm oft gestellt worden, also muss er nicht lange überlegen: Keine Zigaretten, kein Alkohol, wenig Salz und Zucker. Wobei ein Stück Erdbeer-Torte und zwei, drei Datteln dürfen schon noch sein der Abschluss des Mittagessens.

Die Kinder sind auch schon über 80

Abends gegen halb sieben legt er sich schlafen. Manchmal wacht er für eine, zwei Stunden auf. Dann möchte er sich gerne unterhalten, sagt seine Frau Doris. Danach wird weitergeschlafen, bis meist so gegen neun Uhr. Um elf dann das Frühstück: Früchte, ein Croissant mit einer dünnen Schicht Honig. Ein bisschen Hartkäse, Porridge und schliesslich ein gekochtes Ei von glücklichen Hühnern.

Glücklich ist auch Djafar Behbahanian. Er freut sich über den Gast, küsst ihm spontan die Hand, obwohl man sich erst seit zwei Stunden kennt. Überhaupt erhält er viel Besuch; hin und wieder schaut eines der sechs Kinder aus erster Ehe vorbei, die über die ganze Welt verstreut und auch schon gegen oder über 80 sind. Er selber nimmt Tag für Tag. Ich bin wie eine Kerze, sagt er zum Abschied, deren Flamme immer kleiner wird.