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Porträt

Auf ein Gespräch mit den Toten

Seit früher Kindheit erscheinen Dolly Röschli (43) Verstorbene und kommunizieren mit ihr. Früher litt sie darunter. Die Bernerin wollte nichts anderes, als normal sein. Heute schätzt sie ihre Gabe.

FOTOS
Christoph Kaminski
17. Dezember 2018

«Ich sehe die Geistwesen ähnlich, wie man sich ein Hologramm vorstellt», erklärt Dolly Röschli.

Hallo, Jenseits

Wörterseh
ISBN 978-3-03763-102-7
Fr. 29.90

Weitere Informationen hier: https://www.woerterseh.ch/produkt/hallo-jenseits/

Still und irgendwie verloren steht es da, das alte Bahnhofsgebäude von Aathal im Zürcher Oberland. Umhüllt von einem Hauch vergangener Dampflok-Nostalgie. Seinen ehemaligen Zweck erfüllt der Bau längst nicht mehr. Heute befindet sich darin eine Praxisgemeinschaft, deren Angebot sich über diverse Massagearten und Therapietechniken bis hin zu medialer Beratung erstreckt.

Auch Dolly Röschli hat sich hier eingemietet. Lässig sitzt die Bernerin auf ihrem senfgelben Hocker. Die 43-Jährige mags gern schlicht. Eine einzelne weisse Orchidee auf einem gleichfarbigen Tischchen in der Ecke – mehr nicht. Keine Engelsbilder an der Wand, keine Pendel oder Kerzen und auch keine Räucherstäbchen. Nichts deutet darauf hin, was Dolly Röschli in ihrer Praxis macht – zumindest nichts, was dem Klischee entspricht. Denn Dolly Röschli bezeichnet sich als Medium und sagt: «Ich kann mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen.» Von Esoterik aber hält sie nichts.

Besuch von Urgrossvater Jakob

Aufgewachsen ist sie im tiefsten Emmental. «Kein Ort, um mit meinen Fähigkeiten zu prahlen.» Schon im Alter von drei Jahren hatte Röschli erstmals Kontakt mit dem Jenseits. «Ich war krank, ein Pseudokrupp», erzählt sie. Geschwächt von einem der Hustenanfälle, habe sie sich mit letzter Kraft vom Sofa aufgerichtet und zu ihrer Mutter gesagt: «Mama, ich gehe jetzt heim.» Auf die verdutzte Antwort ihrer Mutter, sie sei doch zu Hause, antwortete die kleine Dolly: «Nein, Mama, ich gehe jetzt richtig heim. Dorthin, wo ich herkomme.» Dann habe sie die Augen geschlossen, sei auf dem Sofa zurückgekippt. Kurze Zeit später befand sich Dolly auf der Intensivstation im Inselspital Bern. Zu den Kruppanfällen sei eine Lungentuberkulose hinzugekommen. «Eine Stunde später, und ich hätte nicht überlebt.»

Es war dies ihre erste bewusste Bekanntschaft mit dem Reich der Toten. «Zwei Jahre danach begann ich meinen Eltern von einem alten Mann zu erzählen, der mich in meinem Kinderzimmer besuchte.» Bald habe sich herausgestellt, dass es Urgrossvater Jakob sein musste. «Denn obwohl ich nicht wusste, wer die Person war, erzählte ich meinen Eltern Einzelheiten aus deren Leben, die ich gar nicht kennen konnte.»

Jahrelang habe sie sich in der Folge gewehrt, ihre Bestimmung als das anzusehen, was sie ist – eine Gabe. «Als Teenager führte ich Tagebuch. Thema war stets: Ich will normal sein.» Es sei nicht immer lustig gewesen, beispielsweise im Zug sein Gegenüber zu begrüssen, und an der Reaktion der anderen Fahrgäste zu bemerken, «dass nur ich die Person sah». Oder aus einem Rockkonzert zu flüchten, weil sie plötzlich nur noch von Geistwesen umzingelt gewesen war. Damals habe sie noch nicht über die Technik verfügt, um klar mit diesen zu kommunizieren.

Training im Mutterland der Geister

Diese erlernte Dolly Röschli erst nach und nach. Bei Esther. Einer Frau (damals Anfang 30), die astrologische Lebensberatung anbot und über die gleiche Gabe verfügte. Ein Zufall führte die beiden zusammen. Eines Tages sagte Esther: «Du hast einen Punkt erreicht, an dem ich dir nichts mehr beibringen kann. Du solltest nach England gehen.» Sie habe damit das Arthur Findlay College gemeint, klärt Röschli auf. Eines der weltweit führenden Ausbildungszentren für Medialität.

Röschli hörte auf den Rat, ging und kehrte nach Monaten voll «Schweiss, Tränen und hartem Training» in die Schweiz zurück. Aber es habe sich gelohnt. «Mein grösster Wunsch hatte sich erfüllt. Ich konnte meine Wahrnehmungen ausschalten.» Es sei nämlich nicht toll, zu jeder Tages- und Nachtzeit Besuche von Verstorbenen zu erhalten, ohne dass man dies kontrollieren könne.

Mittlerweile hat Dolly Röschli ihre Fähigkeit perfektioniert. Und bietet diese seit 14 Jahren in ihrer Praxis im alten Bahnhofsgebäude von Aathal an. Bucht jemand eine Sitzung (160 Franken pro Stunde) bei ihr, weiss sie nie, wer kommt, und schon gar nicht, mit wem der Kontakt ins Jenseits hergestellt werden soll. Es sei immer das Geistwesen, das das Gespräch suche. «Oft will der Kunde mit einer bestimmten Person reden – etwa mit dem verstorbenen Ehemann.» Meist melde sich dann aber jemand anderes, vielleicht die Schwester, die noch etwas klären will. «Eine Seele aus der Zwischenwelt, die noch etwas zu erledigen hat, bevor sie ins ewige Licht kann.» Daher mache es auch keinen Sinn, nur aus Gwunder zu einer Sitzung zu kommen. «Dann klappt es nicht.» Dazu schreibt Dolly Röschli in ihrem kürzlich erschienenen Buch «Hallo Jenseits»: «Der Tod und das Sterben sind die Mysterien des Lebens. Das gesamte Wissen darüber erhalten wir erst im Jenseits.» Sie ergänzt: «Ich habe dieses Buch geschrieben, um den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen.»

Auf Experimente mit Journalisten lässt sie sich übrigens nicht ein.