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Begegnung

Electroboy: Auf der ewigen Suche nach mehr

Das wahre Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.

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Kostas Maros
29. Januar 2018

Florian Burkhardt hob zwischenzeitlich ab und landete hart.


Florian Burkhardt

Vater Burkhardt hatte zwei Söhne, die er vor der Welt schützen wollte. Der Ältere war klug und folgsam, der Jüngere rebellisch und ungeduldig.

Der Vater sprach zum Jüngeren: Florian, du musst etwas lernen, mit dem du dein Brot verdienen kannst. Du wirst Primarlehrer. Der Junge widersprach: Ei, Vater. Ich will gerne etwas lernen. Ich werde Schauspieler, denn Hollywood wartet auf mich.

Der Vater aber setzte sich durch, sein Sohn wurde Lehrer. Am Tag, nach dem Florian die Ausbildung abgeschlossen hatte, machte er sich auf die Suche nach seiner wahren Bestimmung.

Er brach nach Los Angeles auf und wollte das grosse Glück finden. In der Stadt der Wünsche angekommen, verflog der Traum jedoch schnell wieder, denn keiner kannte den furchtlosen Schweizer, der Bewerbung um Bewerbung schrieb ohne Erfolg. Also kehrte er wieder nach Hause zurück und arbeitete als Primarlehrer. Schnell wurde ihm indes klar, dass ihn das nicht glücklich machen würde. So begab er sich in sein zweites Abenteuer.

Gefälscht

Er erzählte seinem ehemaligen Lehrer vom grossen Hollywood-Traum, und dieser antwortete: Wenns weiter nichts ist, ich helfe dir! Bevor wir gehen, was brauchst du denn? Der junge Burkhardt überlegte und erkannte, dass ihm Referenzen als Schauspieler fehlten, also wünschte er sich diese. Gemeinsam machten sie sich ans Werk.

Sie verfälschten Fotos aus Filmen, erfanden Filmpreise, der liebe Lehrer gab sich als sein Agent aus. Mit diesen Vorbereitungen im Gepäck starteten sie in den zweiten Versuch in L.A., und tatsächlich: Ein Regisseur nahm sich seiner an. Er führte den Jungen in die Schrecken der Schauspielwelt ein, doch unser junger Held gruselte sich nicht. Ich suche nach mehr!, sprach er immerzu. Schon nach wenigen Monaten wurde er des Schauspielerns überdrüssig, und so wandte er sich seiner neuen Bestimmung zu: dem Modeln.

Plötzlich war sein Talent, immer mit voller Kraft weiter zu gehen und sei es nur auf dem Laufsteg sehr gefragt. Florian erhielt Angebote der bekanntesten Modehäuser. Für ein paar Jahre hielt ihn das auf Trab, doch zufrieden wollte er immer noch nicht sein. Als er seine grosse Liebe, einen Bauernsohn, traf, gab er das Modeln auf.

Gefeiert

Nur hielt auch dieses Glück nicht lange, Florian zog erneut weiter und surfte fortan auf einer Welle, die gerade die Welt eroberte. Wie viele junge Pioniere stürzte er sich hinein in dieses neue Universum aus Bits and Bytes, in dem alles möglich schien. Er entwarf den Webauftritt allbekannter Manufakturen wie Swisscom oder SRF.

An seinem 30. Geburtstag feierte der Abenteurer ein denkwürdiges Fest. So denkwürdig, dass er kurz darauf angesprochen wurde, ob er nicht noch eines machen könne. So wurde der diplomierte Primarlehrer zum Electroboy und Party-König von Zürich.

Doch auch da fand er nicht sein Glück. Auf dem Höhepunkt der Regentschaft wurde unversehens die Angst seiner Herr. Wie ein Eimer kaltes Wasser, das über einen Schlafenden geschüttet wird, erfasste ihn eine unerklärliche Angst vor allem und jedem. Diese Angstpsychose lähmte seine Kräfte zuweilen bis zur vollständigen Erstarrung. Er zog sich in seine Wohnung zurück, in ein selbst gewähltes Exil, aus dem er sich nach Monaten tiefster Einsamkeit von einer Ärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich erretten liess. Mehrere Monate blieb er dort, bis er genügend Kraft hatte, um wieder in Freiheit zu leben.

Gelandet

Nun stand Florian abermals auf, er begab sich zwischenzeitlich nach Deutschland, kehrte wieder zurück in die Schweiz, arbeitete als bildnerischer Gestalter, wurde Filmheld in einer Dokumentation über sein Leben, schrieb ein erstes Buch über seine Kindheit und nun ein zweites über seine moderne Odyssee in den Milleniumsjahren. Ein drittes Buch wird es nicht mehr geben: Es ist alles erzählt, was es zu erzählen gab. Meine Saga endet hier.