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Begegnung

Grande Bolli und seine Stargäste

Wegen ihm schiessen sie nicht mehr Tore, aber vielleicht rennen sie länger: Emil Bolli bekocht die Spieler der Schweizer Nationalmannschaft an der WM in Russland.

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Sandro Mahler
11. Juni 2018

Seit 22 Jahren begleitet Emil Bolli als Koch die Schweizer. Die Favoriten auf den Turniersieg sind für ihn mit Brasilien, Deutschland, Frankreich und Spanien aber die üblichen Verdächtigen.


Bin in fünf Minuten bei Ihnen, ruft Emil Bolli und verschwindet nochmals kurz in der Vorratskammer der Villa Sassa in Lugano. Zum zweiten Mal in Folge bereitet sich das Schweizer Fussball-Nationalteam in dem Viersterne-Hotel auf ein Endrundenturnier vor. Was dort rund zwei Wochen lang für Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Yann Sommer und Co. auf den Tisch kommt, dafür ist aber nicht das hauseigene Verpflegungsteam allein verantwortlich, sondern vor allem Emil Bolli. Er ist der Koch der Schweizer Nationalelf.

Und dieser steht nun, pünktlich wie angekündigt, in weisser Kochmontur vor einem grossen Topf Spaghetti. Während Bolli die Teigwaren mit der einen Hand auf ihre Konsistenz prüft, legt er mit der anderen Zucchetti-Scheiben auf eine Platte. Ciao, grande Bolli, ruft ihm Nationalspieler Gelson Fernandes durchs Hotelfoyer zu. Unklar ist, ob er damit auf dessen Kochkünste oder auf die Statur anspielt. Denn der 63-Jährige ist eine imposante Erscheinung. Auf dem Rasen wäre er ein Hüne, selbst in der Innenverteidigung. Auffallend ist auch Bollis Ruhe. Mit der Zeit wird man halt gelassener, begegnet er dem Vorurteil vom gestressten Küchenchef. Woher diese Contenance? Wahrscheinlich Routine.

Seit 22 Jahren begleitet der ehemalige Küchenchef des Hotels Bern die Nati. 1996, bei der blamablen 0:1-Niederlage in Aserbaidschan, war Emil Bolli erstmals mit dabei. Seither hat sich nicht nur das eidgenössische Fussballspiel verbessert aktuell steht das Team von Nationaltrainer Vladimir Petković im FIFA-Ranking auf Position sechs, 1996 war sie noch Nr. 44. Auch kulinarisch hat sich einiges verändert.

Anspruchsvolle Gäste

Die Zeiten, als die Spieler vor einem Match möglichst viel Pasta in sich hineinstopften, um ihren Kohlenhydratspeicher zu füllen, sind vorbei. Dafür sind heute Reis, Kartoffeln oder das Hype-Korn Quinoa verantwortlich alle glutenfrei. Das ist wichtig, weiss Bolli, denn immer mehr Menschen leiden an einer Glutenunverträglichkeit. Und, ergänzt der Nati-Koch, die Spieler ernähren sich heute viel bewusster, interessieren sich dafür, was auf den Teller kommt. Eine logische Konsequenz. Denn Talent alleine reicht längst nicht mehr. Topfit müssen sie sein, die Profis. Dies bestätigt auch der Koch: Das Fussballspiel ist viel schneller geworden und fordert den Akteuren mehr Athletik ab als früher. Also müsse auch sportlergerechte Nahrung auf den Tisch. Und diese soll möglichst den allgemeinen Team-Gusto treffen. Eine Herausforderung bei der Multikulti-Truppe? Bolli winkt ab. Wir lösen das mit einem Selbstbedienungsbuffet, da findet jeder etwas, das ihm schmeckt. Keine Extrawünsche? Die gibt es! Und werden diese erhört? Natürlich nicht! War da ein kurzes Augenzwinkern?

Bereit für die Endrunde

Eine Herkulesaufgabe ist für Bolli aber jeweils die Verfügbarkeit der Lebensmittel vor Ort. 2010 Südafrika. 2014 Brasilien. Und 2018 nun Russland. Bei der bevorstehenden Endrunde residiert die 55-köpfige Schweizer Delegation in der russischen Stadt Toljatti. Emil Bolli kennt die 700000 Einwohner zählende Metropole direkt an der Wolga bereits. Er war schon da. Zum Rekognoszieren. Das heisst: Küche der Schweizer Unterkunft inspizieren, Personal vor Ort kennenlernen, schauen, was wo erhältlich ist. Fazit: Emil Bolli nimmt aus der Schweiz rund 400 Kilo Material mit nach Russland. Nicht inbegriffen: Seine Tochter Andrea, ebenfalls Koch, die ihn begleitet und unterstützt. Wir sind bereit, bis Mitte Juli durchzuhalten. Ob dies auch der Schweizer Nati gelingt? Wenn es läuft, kann sie sehr weit kommen.