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Porträt

Der Künstler aus der Dunkelheit

Er ging als «Zürcher Sprayer» in die Geschichte ein. Heute lebt Harald Naegeli (78) mehrheitlich in Düsseldorf. Im November will er in seiner alten Heimat ganz legal das Grossmünster verschönern.

FOTOS
Keystone, RDB By Dukas
29. Oktober 2018

Der «Sprayer von Zürich» ist wieder einmal auf dem Weg zum Gericht.

Wie findet man einen Künstler, der seine Arbeit im Schutze der Dunkelheit verrichtete – der weder auf ein Management noch eine Agentur vertraut, der schon mehrfach vom Amtsschimmel überrannt und von der Polizei aufgegriffen wurde? Die Spurensuche nach Harald Naegeli führt zum Antiquariat von Gerhard Zähringer in Zürich Oberstrass. Es ist eine der wenigen Galerien der Stadt, die Werke von Naegeli anbietet. 

Mit dem Hinweis, es sei auch für ihn oft schwierig, Naegeli zu erreichen, nennt Zähringer zwei Telefonnummern – eine in Zürich, die andere in Düsseldorf (D). Die deutsche Nummer erweist sich als Volltreffer – schon nach dem zweiten Klingeln meldet sich eine freundliche Stimme auf Schweizerdeutsch: «Wer ist da?» Es ist die Stimme von Harald Naegeli, dem Mann, der mit seinen illegalen Wandzeichnungen in die Zeitgeschichte einging und mit seiner Kunst zum Widerstand gegen die Bürokratie und das Beamtentum aufrief. Naegeli freut sich  über den Telefonanruf und präsentiert – mit Charme – seine altbewährte Kampflaune. Denn Naegeli befindet sich wieder einmal im Clinch mit den Zürcher Behörden. In den Turmaufgängen zum Grossmünster soll er die Gelegenheit erhalten, seine Kunst anzubringen – offiziell und legal – in Form eines «Totentanzes», wie er sein Werk nennt. Die Kirchgemeinde Grossmünster äusserte mehrfach ihren Willen, das symbolische Projekt durchzuziehen. Und Naegeli beabsichtigt, Anfang November loszulegen. Doch die administrativen Mühlen mahlen langsam. Die Kirchgemeinde teilte Naegeli im Oktober per Mail mit: «Wir sind auf gutem Weg, aber die Vereinbarung zwischen dem Kanton und der Kirchgemeinde ist noch nicht von allen unterschrieben.» 

Naegeli ist enttäuscht über diese Verzögerung. Denn er weiss, dass er sich in der letzten Phase seines Schaffens befindet: «Gesundheitlich hatte ich einige Rückschläge zu verkraften. Meine Zeit ist fast abgelaufen.» Das Zeichen, das er im Grossmünster setzen will, bezeichnet er als «Abschluss meiner politischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit meiner Heimatstadt».

Per Haftbefehl gesucht

Es war Ende der 1970er-Jahre, als Harald Naegeli mit seinen nächtlichen Sprayaktionen für Aufsehen sorgte, eine hitzige Debatte auslöste und später per internationalem Haftbefehl gesucht wurde. Noch dreissig Jahre danach beschäftigte er die Zürcher Justiz. Im Oktober 2017 listete das Bezirksgericht in seiner Anklageschrift 25 Delikte in Form von Sprayereien auf. Auf Initiative von Stadtrat Filippo Leutenegger (65) wurde der Streit geschlichtet – auf ungewöhnlich unbürokratische Weise. Naegeli übergab der Stadt ein gerahmtes Graffito. Im Gegenzug zeigte sich die Justiz bereit, die Schadenersatzforderungen einzustellen.

Die Werke von Graffiti-Pionier Harald Naegeli werden bewundert und gehasst.

Der versöhnliche Ausgang des Rechtsstreits war für Naegeli indirekt auch eine Respekterweisung an seine Kunst. Der Mann, der sich auch schon als «Reinkarnation eines frühgeschichtlichen Höhlenmalers» bezeichnete, fühlte sich zu lange missverstanden. Dabei habe er mit seinen Zeichnungen eine «neue Dimension» der Kunst geschaffen.

Tanzende Skelette und Totenköpfe 

Vor den heutigen Sprayern äussert er seinen Respekt. Doch mit seiner Arbeit lasse sich dies nicht vergleichen: «Heute orientieren sich die Sprayer an Cartoons und Comics. Und ihre Leistungen sind vor allem sportlich eine Stufe höher», sagt Naegeli – und spricht damit die oft gewagten Platzierungen der Graffitis in luftiger Höhe an. 

Das Sujet für sein Werk in Zürich ist für Naegeli die Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Totentänze beschäftigten ihn schon immer. 1981 platzierte er in Köln tanzende Skelette und übermütige Totenköpfe auf Brückenpfeilern, in Tiefgaragen, an Fabrikgebäuden. 1986 reagierte er auf die Sandoz-Katastrophe bei Basel mit einem Totentanz der Fische. Seine Botschaft will er aber nicht als morbid verstanden haben. Sie heisst: Achte das Leben.

Eines haben alle seine Werke gemeinsam. Sie verschwanden ebenso schnell aus dem öffentlichen Raum, wie sie entstanden waren. Die meisten seiner «Originale» sind heute nur noch auf Fotos zu sehen. Die Werke, die er in den vergangenen Jahren in seinen Ateliers in Zürich und Düsseldorf schuf, will er in den kommenden Monaten an Museen und an die Zürcher ETH verteilen. Ob dereinst auch sein Grossmünster-Projekt dazugehört, ist noch in der Schwebe. In der Mitteilung des Pfarramts heisst es zum Zeitplan: «Ich hoffe sehr, dass Sie im November anfangen können, aber es wird knapp werden. Sobald die Unterschriften vorliegen, müssen noch die Fugen ausgebessert und der Grafittischutz angebracht werden.» Harald Naegeli schüttelt darüber den Kopf. Doch letztlich passt sie zu seiner künstlerischen Karriere. Der Zürcher Sprayer überfordert die Behörden auch dann, wenn er auf dem offiziellen Dienstweg zur Dose greifen will.