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Hausgeburthebamme: Immer erreichbar

In ihrem Beruf trägt Cristina Marinello grosse Verantwortung: Die Hausgeburtshebamme hat 1700 Kinder auf die Welt begleitet.

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Christoph Kaminski
14. Mai 2018

Cristina Marinellos Arbeit als Hebamme beginnt schon lange vor der Geburt.


Manchmal macht sie die Nächte durch. Arbeitet 24 Stunden am Stück. Sie wacht an der Seite der werdenden Mutter, spricht ihr Mut zu, wenn die Kräfte sie verlassen, kontrolliert die Öffnung des Muttermundes sowie Lage und Herztöne des Kindes, bis dieses auf die Welt gefunden hat. Cristina Marinello ist Hausgeburtshebamme. Die 57-Jährige sitzt auf dem Sofa in ihrer Praxis in Albisrieden ZH, im Schaukasten neben ihr liegen Milchpumpen, Menstruationstassen, Tragetücher. Auf dem Tisch hat sie ihr Handy deponiert bei einer ihrer Patientinnen könnten jederzeit die Wehen einsetzen.

Gestresst wirkt die Hebamme nicht. Sie ist es gewohnt, dass ihr Handy rund um die Uhr eingeschaltet ist, sie auch mal eine Weihnacht verpasst und nie ein Glas über den Durst trinken darf, weil es immer sein kann, dass sie sofort los muss. Sie beginnt mit sanfter Stimme zu erzählen: Einmal rief mich eine Frau um 7 Uhr an und meinte, sie habe Kontraktionen, sie werde sich wieder melden, sobald diese stärker würden. Als Marinello vier Stunden später bei der Erstgebärenden eintraf, konnte sie bereits das Köpfchen des Babys sehen. Diese Frau hat mich beeindruckt. Sie hat fast alles alleine geschafft.

Keine Geburt wie die andere

Eine andere Frau schrie während der Geburt so laut, dass es selbst Marinello verwunderte: Wenn die Kontraktionen vorüber waren, sagte sie aber jedes Mal: Ah, ist das schön! Das ist es, was die Hebamme bis heute fasziniert: Wie unterschiedlich sich Frauen in diesen magischen Stunden der Geburt verhalten und das Gebären meistern.

Bei einer Hausgeburt ist die Atmosphäre sehr friedlich.»

Cristina Marinello, 57

Nie mehr eine Festanstellung

Marinello absolvierte vor der Hebammenschule eine Lehre als Krankenschwester. Weil sie dachte, dass sie so die beste Ausbildung erhalte. Heute würde sie eine Hebammenschule in England oder in Holland besuchen. Weil es dort die besten Ausbildungen für Hausgeburtshebammen gibt. Denn nach der ersten Hausgeburt war für sie klar, dass sie nie mehr fest angestellt in einem Spital arbeiten wollte: Bei einer Hausgeburt kommt man den Familien so nahe und hat Zeit für die Frauen, weil man nicht von einer Gebärenden zur nächsten eilen muss. Die Atmosphäre sei sehr friedlich: Der Papa kocht auch mal Spaghetti für alle oder die Mama knetet einen Brotteig, wenn sie schon Wehen hat.

Einmal rief sie eine werdende Mutter um ein Uhr nachts an und meinte, die Wehen hätten eingesetzt. 30 Minuten später klingelte das Telefon erneut und eine andere sagte, die Fruchtblase sei geplatzt. In solchen Momenten spreche ich jeweils mit den noch ungeborenen Kindern, sagt Marinello und lacht. Ich bitte sie, nicht genau gleichzeitig zur Welt zu kommen, falls sie mich dabei haben möchten. Das hat bisher funktioniert. Selbst in diesem Fall kamen die Kinder im Abstand von zwei Stunden zur Welt.

Karriere gemacht

Es gibt Familien, bei denen Marinello bei vier Geburten dabei war. Bei vielen Frauen führt sie die Schwangerschaftskontrollen durch und betreut sie nach der Geburt im Wochenbett. Bis heute hat Marinello rund 1700 Kinder auf die Welt begleitet. Nachdenklich sagt sie: Ich habe Karriere gemacht. Eigentlich habe sie immer gedacht, sie werde selber auch Kinder haben. Aber irgendwie habe sie zwischen 30 und 40 nur gearbeitet und nachher wollte es nicht mehr klappen. Manchmal denke ich heute noch daran. Aber gleichzeitig weiss ich, dass es meine Entscheidung war.

Es gab Monate, in denen Marinello sieben Hausgeburten betreute. Heute schaut sie, dass es nicht mehr als drei sind. Das hat sie mit ihrem Mann, der seit seiner Pensionierung Hausmann ist, abgemacht. Es ist aber auch deshalb wichtig, weil die permanente Verfügbarkeit an den Kräften zehrt. So nimmt sie sich zwei Monate Ferien pro Jahr. Als Burnout-Prophylaxe, wie sie selber sagt.

Es gibt Schwangere, denen Marinello von einer Hausgeburt abrät. Wenn das Baby nicht richtig liegt, eine Frau Zwillinge erwartet oder bei der letzten Geburt Komplikationen hatte. Dann will ich keine Experimente wagen. Dazu kommen die Hausgeburten, die sie spontan ins Spital verlegen muss. Weil die Frauen die Schmerzen nicht mehr aushalten oder Blutungen auftreten. Letzteres hat sie nur einmal erlebt. Ich bin dankbar dafür, dass ich noch nie verantworten musste, dass das Kind oder die Mutter bei der Geburt geschädigt wurde.

Es ist nicht einfach für sie, wenn sie eine Gebärende einer anderen Hebamme überlassen muss. Sie bleibt dann im Kreisssaal, bis das Baby geboren ist. Denn zurücklehnen kann sie erst, wenn alles gut gegangen ist.