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Begegnung

Heisser Ritt: Mein Platz ist auf dem Meer

Alejandro Flores Molina aus Zug hofft an der Longboard-WM in China auf die perfekte Welle.

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zvg
15. Januar 2018

Surfen ist nicht ungefährlich. Stürzt Alejandro Flores Molina, kann ihm das Riff auch mal ein Gratis-Tattoo verpassen. (Man beachte auch den Surfer rechts oben!)


Wellenreiter

Wenn beim Wellenreiten nur Disziplin und eine minutiöse Vorbereitung zählen, dann wird Alejandro Flores Molina (was für ein Name!) nächste Woche in China zweifellos Weltmeister. Als Vorbereitung für das Gespräch bittet der 40-Jährige vorher um die genauen Fragen, ans Treffen kommt er mit vier Textseiten, auf denen er alles ausführlich beantwortet: zuerst auf Spanisch, darunter folgt die Übersetzung auf Deutsch. Flores wurde in Veracruz, Mexiko, geboren, wuchs nur ein paar Strassen vom Strand entfernt auf, wo er viel Zeit verbrachte. Heute ist er mit einer Schweizerin verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Zug, wo es zwar einen schönen See hat, jedoch keine tosenden Wellen, auf denen er mit seinem Longboard herumreiten kann.

Er aber braucht den Adrenalinkick, den die zumindest von den Bildern her coolste Sportart der Welt in ihm auslöst. Die Ferien verbringt er mit seiner Familie gerne an Surfspots, wo er frühmorgens ins Wasser steigen und seiner Leidenschaft frönen kann. Im Winter wechselt der Mexikoschweizer an den Wochenenden gerne aufs Snowboard. Das ist gut fürs Gleichgewichtstraining und Flores hat grossen Spass daran, aber am Ende ist es halt doch nur eine Ersatzhandlung: Mein Platz ist auf dem Meer, oben auf einer Welle.

Umso besser, dass er in diesen Tagen genau dort viel mehr Zeit als gewöhnlich verbringen kann. Flores arbeitet normalerweise bei Glencore in der Transport-
abteilung, nun aber nimmt er für die Schweiz an der Longboard-Weltmeisterschaft auf der chinesischen Inselgruppe Hainan teil. Es ist sein erster Grossanlass überhaupt. Während der Feiertage bereitete er sich, begleitet von seiner Familie, in Mexiko vor. Frühzeitig ging es danach alleine weiter nach China, wo er seitdem Strömungen und Wellen analysiert und kennenlernt.

Unter eine riesige Welle geraten

Überraschungen sind beim Wellenreiten trotzdem nie ganz auszuschliessen. Ich habe keine Angst vor dem Meer, sagt Flores, aber Respekt. Zweimal schon war er kurz davor, zu ertrinken. Nachdem ihn beim ersten Mal eine riesige Welle unter sich begraben hatte, schaffte er es nicht mehr, hochzukommen. Eine Welle nach der anderen drückte ihn nach unten, ich schluckte mindestens zwei Liter Wasser. Flores hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen, als er plötzlich doch Sand unter den Füssen spürte. Die Wellen hatten ihn an Land gespült.

Obwohl er sich schwor, dass ihm das nie wieder passieren würde, erlebte er dasselbe am gleichen Strand nochmals. Surfen ist nicht ungefährlich. Stürzt du, verpasst dir das Riff manchmal ein Gratis-Tattoo. Hin und wieder sind es auch Surfer, die unangenehm werden können, etwa wenn sie die Regeln nicht respektieren und damit andere Wellenreiter gefährden. Oder wenn sie aggressiv werden und behaupten, dass man ihnen eine Welle geklaut habe.

Er hingegen ist eher der friedliebende Typ und meist gut gelaunt. Me gusta sonreir y platicar con la gente, steht auf seinem Papier geschrieben, im Gespräch sagt er auf Deutsch: Ich lächle viel und rede gerne mit den Menschen. Wenn an einem Surf-Hotspot Party angesagt ist, sieht man ihn oft an vorderster Front und nicht selten als Letzten nach Hause gehen. Aber erst, wenn das Training vorbei ist. An der Schweizer Meisterschaft in Spanien, wo er sich für die WM qualifizierte, war er nicht einmal im Ausgang.

Auch in China ist es nicht anders geplant, solange der Wettbewerb läuft. Schliesslich will er eine gute Leistung abliefern. Auf welchen Platz ihn diese dann führen wird, scheint offen. Mit einem der ganz vorderen Plätze in der Rangliste ist wohl aber eher nicht zu rechnen; unter den Konkurrenten hat es einige Vollprofis, die sich das ganze Jahr dem Wellenreiten widmen können. Alejandro Flores Molina hingegen sitzt gewöhnlich am Schreibtisch. Umso mehr freut er sich nun auf den Kampf gegen die Welle: Ich bin sehr aufgeregt, dass ich an der WM dabei sein darf.

PDF herunterladen Hier können Sie die Wettkämpfe mitverfolgen

Impressionen der Swiss Surfing Championships 2017

Nachtrag WM-Resultat

Nachtrag vom 26.01.2018:

Das hatte sich Alejandro Flores Molina anders vorgestellt. Zwar war sich der Wellenreiter vor der Longboard-WM in China bewusst, dass er als krasser Aussenseiter in die Wettkämpfe und auf die Wellen steigt. Doch insgeheim rechnete sich der 40-Jährige schon etwas aus. Vergeblich: Der Mexikoschweizer aus Zug belegte am Ende den 37. und letzten Platz. Sowohl in der ersten Runde als auch im Hoffnungslauf wurde er in seiner Gruppe Letzter. Flores bezahlte ganz offensichtlich Lehrgeld bei seiner WM-Premiere.