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Begegnung

Im Einsatz fürs rote Kreuz

Marina Peterhans lebt auf der Karibikinsel, spricht Schweizerdeutsch, Französisch und Kreolisch und muss auch mit erzürnten Geistern umgehen.

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Florian Kopp/Schweizerisches Rotes Kreuz
22. Januar 2018

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Haiti

Sie spricht Kreolisch wie wir, sagt Peterson Jean-Simon (40) und bekräftigt seine Aussage mit einem anerkennenden Nicken. Sie, das ist Marina Peterhans (32), Rot-Kreuz-Mitarbeiterin in Haiti und Chefin von zwölf Krankenpflegefachleuten. Jean-Simon ist Fahrer für die Delegation des Schweizerischen Roten Kreuzes SRK und hat gerade die letzten Anweisungen für einen Materialtransport bekommen.

Kreolisch ist eine von zwei Landessprachen in Haiti, Amtssprache ist Französisch. Auch wenn die meisten ihrer Mitarbeiter Französisch beherrschen, spricht Marina Peterhans lieber Kreolisch. Das ist die Sprache der einfachen Leute, die oft kein Französisch sprechen. Ich komme so viel näher an die Menschen heran, sagt die Soziologin.

Wer sie unterwegs begleitet, merkt, dass die Schweizerin rasch Zugang zu den Einheimischen findet. Sie spricht mit jedem, hat hier einen kreolischen Spruch parat, verschenkt dort ein Lächeln, berührt ihr Gegenüber kurz am Arm und erklärt, was die Journalisten-Gruppe will. Alles so, dass man merkt oder zu merken meint, wie gut sie in dieser Gemeinschaft bekannt und integriert ist. Kennen?, fragt sie. Nein, ich kenne diese Leute nicht, ich habe sie zum ersten Mal gesehen.

Die Kultur verstehen ist wichtig

Das Schweizerische Rote Kreuz ist seit dem Erdbeben im Jahr 2010 in Haiti präsent und in Léogâne, im Süden des Landes, stationiert. Der Wirbelsturm Matthew hat 2016 eine weitere Nothilfe-Aktion nötig gemacht.

So oft es geht, verlässt Marina Peterhans ihr Büro, um draussen mit den Leuten zu sprechen. Wer für ein Hilfswerk arbeite, müsse die Menschen und ihre Kultur verstehen und sich mit den lokalen Autoritäten gut stellen. Auch sie musste Lehrgeld bezahlen. So hat sie erst lernen müssen, dass man in Haiti nicht einfach ein zerstörtes Haus abreissen und am selben Ort das neue bauen darf. Die Menschen in Haiti glauben, dass auch im zerstörten Haus noch die Seelen der Ahnen leben. Erst wenn man in einem neuen Haus wohnt und dort ein Kind zur Welt kommt, darf man das alte ganz abreissen. Wenn man solche Dinge nicht weiss, kann man nicht arbeiten hier.

Manchmal kann alles Wissen nicht verhindern, dass man in Probleme gerät, erzählt die Soziologin. Eine Familie, der Mann war schon schwer gezeichnet vom Alkoholkonsum, musste sie vor die Wahl stellen, entweder einen Baum zu fällen, damit Platz ist für das neue Haus, das ihr die Hilfsorganisation bauen wollte, oder auf das Haus zu verzichten. Nach langem Hin und Her entschied sich die Frau, dass der Baum wegkommt. Kurz darauf verstarb der Mann. Das hat in der ganzen Gemeinde die Schlussfolgerung ausgelöst: Baum weg, Mann tot. Der Tod des Mannes wurde als direkte Folge eines erzürnten Geistes gesehen. Der Caritas, für die Marina Peterhans damals tätig war, schlugen die negativen Emotionen der ganzen Gemeinde entgegen.

Viel gibt es hier nicht

Peterhans kam 2013 erstmals nach Haiti. In jener Zeit lernte sie ihren Mann kennen. Mit ihm lebt sie heute in Grand Goâve, 20 Kilometer von Léogâne entfernt. Viel gibt es hier nicht, aber man richtet sich ein, erklärt Peterhans. Ausgehen am Abend heisse, mit dem Kind an den Strand gehen, Steinchen ins Meer werfen, und wenn die Mücken kommen, geht man wieder nach Hause.

Eines der grossen Projekte, die Marina Peterhans betreut, ist die Gesundheitsvorsorge. 30 Prozent der Kinder in der Gegend um Léogâne sind chronisch, etwa sieben Prozent akut unterernährt. Akut unterernährte Kinder zeigen die typischen Symptome wie aufgeblähte Bäuche, geschwollene Beine, zurückgebliebenes Wachstum. Das Problem: Die Familien verkaufen das Obst und Gemüse auf dem Markt, um etwas Geld zu verdienen, und ernähren sich selber einseitig von billigem, nährwertarmem Reis. Familien, deren Kinder Symptome von Mangelernährung zeigen, bekommen Unterstützung. Gleichzeitig klärt das SRK sie über Anbau und Zubereitung von Gemüse und über ausgewogene Ernährung auf. Mit Erfolg? Es geht hier um Verhaltensänderungen. Für feststellbare Verbesserungen müssen wir in Zeiträumen von mindestens drei Jahren rechnen, erklärt Peterhans.

Dann wird sie nicht mehr in Haiti sein. Oder vielleicht nicht mehr eigentlich kann ich das jetzt noch nicht sagen. Sicher ist nur, dass eine Privatschule in Haiti bis zu 10000 Dollar pro Jahr kostet. Und das liegt im Budget der jungen Familie nicht drin. Der Umzug in die Schweiz ist daher mit Beginn der Schulpflicht ihres Kindes eine Option.

Trotz allem fühlt sich die Aargauerin wohl auf Haiti und erzählt mit einem erfrischenden Lachen: Wir leben in Haiti: Internet funktioniert meistens nicht, Strom fällt immer wieder aus, das Wasser ist selten warm. Aber wir geniessen, was toll ist hier. Die Menschen seien viel solidarischer als anderswo. Man kann sich nicht auf den Staat verlassen, sondern muss sich selber organisieren. Das schafft eine ganz neue Solidarität. Und dann gibts neben den Dingen, die man von Haiti vor allem kennt Chaos und Abfall auch Perlen zu entdecken: versteckte Resorts mit wunderschönen Stränden, zauberhafte Restaurants am Meer mit ausgezeichneter Küche oder die Stadt Cap-Haïtien mit ihrer Zitadelle zarte Pflänzchen eines existierenden und ausbaufähigen Tourismus. lMarina Peterhans bei einer Besprechung mit ihrem Team aus Fahrern und Krankenpflegefachleuten.

Partner: Coop und SRK

Coop und das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) blicken auf eine langjährige und tiefgreifende Zusammenarbeit zurück. Das SRK ist bevorzugter Partner von Coop bei Spenden für Nothilfe und Wiederaufbau im Katastrophenfall im Ausland.

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