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Porträt

Langsam wieder in der Spur

Das hatte sich Jason Rüesch anders vorgestellt: Vom einen Tag auf den anderen stellte sich sein Körper quer. Nun ist der Langläufer auf dem langen Weg zurück.

FOTOS
Andy Mettler, Keystone
26. November 2018

Nur keine Rückschläge mehr! Jason Rüesch blickt vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

Jason Rüesch fühlt sich gut und frei, als er auf der Langlauf-Loipe in Davos seine Bahnen zieht. In den vergangenen 14 Monaten hatte der 24-jährige Kaderathlet von Swiss-Ski seine Leistung nicht wie gewünscht abrufen können. Doch nun geht es aufwärts. «Ich stehe ungefähr bei 60 Prozent», sagt Rüesch. Das ist in Ordnung, aber kein Grund, um abzuheben: «Ich habe zu oft einen Jo-Jo-Effekt erlebt.» Kaum ging es ihm körperlich besser, wurde er wieder durch einen Rückfall gestoppt. Also lässt er nun Vorsicht walten – auch wenn es gerade in die richtige Richtung geht.

Angefangen hat die Krankheitsgeschichte, die sein Leben als Langläufer komplett auf den Kopf stellte, im Herbst letzten Jahres. Er fühlte sich körperlich so fit wie noch nie; im Sommer hatte er die grossen Trainingsumfänge problemlos bewältigt. Jahr für Jahr hatte er noch eine Schippe drauflegen können. Rüesch galt als Musterathlet, seine Trainer schätzten sich glücklich, so einen vorbildlichen Athleten zu haben. Und auch neben der Loipe gab er Vollgas, studierte Betriebsökonomie und machte bei Pro Montagna ein längeres Praktikum. Doch dann kam dieses eine lockere Training, bei dem er aus heiterem Himmel enorme Mühe bekundete. Kann passieren, sagte er sich, war ja auch etwas gar viel in den letzten Monaten.

Olympia verpasst

Er legte eine kurze Pause von ein paar Tagen ein. Als er auf die Loipe zurückkehrte, wurde es nicht besser. Im Gegenteil: Er fühlte sich körperlich erst recht ausgelaugt, schlief nun auch noch schlecht und konnte nicht mehr richtig abschalten. So allmählich kristallisierte sich heraus, dass Rüeschs Körper wegen eines sogenannten Übertrainings aus der Balance geraten war.

Der Davoser war hin und her gerissen: Er wollte unbedingt an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang dabei sein, zugleich durfte er nicht zu sehr forcieren. Als er es trotzdem einmal tat, um sich für den Grossanlass zu qualifizieren, wurde er im Weltcup in Planica über 15 Kilometer klassisch 30., was für die Teilnahme gereicht hätte. Doch weil danach gar nichts mehr ging, zog er schweren Herzens die Reissleine und verzichtete auf den grossen Traum, für den er jahrelang geschuftet hatte. Olympia erlebte er nur aus der Ferne: Er flog nach Toronto, zu den Verwandten seiner kanadischen Mutter, die mit Langlauf und Sport generell wenig am Hut haben. «Dort konnte ich abschalten», blickt er auf jene Tage zurück.

Keine Etappen überspringen

«Jason macht wieder einen guten Eindruck», sagt Guy Nunige (52) heute, aber auch er will «das nicht überbewerten». Rüesch nennt ihn eine wichtige Bezugsperson, Nunige selbst sieht sich als «Berater, der hilft, dass er in die Spur zurückfindet». Lange hatte der ehemalige französische Leichtathletikmeister über 1500 Meter den jungen Sportler im Sportgymnasium Davos trainiert; Rüesch hatte sich zuerst im Eishockey und Ski alpin versucht, im Alter von 12 Jahren jedoch auf die Langlauflatten gewechselt. Er verlor den Kontakt zu Nunige nie, auch als er im Kader von Swiss-Ski aufgenommen wurde. Als Rüesch nicht mehr weiterwusste, wandte er sich an Nunige, den Mann seines Vertrauens. Dieser versucht seitdem möglichst viel Druck von seinen Schultern zu nehmen. «Es gibt keine Erwartungen an ihn, keine konkreten Ziele, was die Ränge anbelangt.» Das einzige Ziel sei es, dass er Schritt für Schritt macht, keine Etappen überspringt, um sich ohne Rückfall wieder an die Welt­spitze herantasten zu können. Nunige: «Das ist alles sehr vorsichtig formuliert – und das ist gut so.»

Er fühlt sich vom Kampf gegen sich selber herausgefordert: Jason Rüesch unterwegs auf der Trainingsloipe in Davos.

Eine gute Lebensschule

Jason Rüesch hätte auf die ganze Krankheitsgeschichte, die den Körper schwächte und den Geist bis zum Äussersten strapazierte, gerne verzichtet. Trotzdem versucht er ihr etwas Positives abzugewinnen. «Was ich durchgemacht habe, läuft unter Lebenserfahrung … ja, diese schweren Zeiten sind eine gute Lebensschule.» Vielleicht geht er gestärkt aus ihr hervor; mittlerweile kann er viel besser abschalten als früher, als die Gedanken im Kopf kreisten.

Anfang Dezember möchte er – «wenn alles weiterhin so gut verläuft» – in den ersten Wettkampf seit bald einem Jahr einsteigen. Für sich selber hat er die Olympischen Spiele in Peking in vier Jahren als Ziel formuliert. Zusammen mit Dario Cologna, dem Superstar des Langlaufsports, in der Staffel zu laufen, «das wäre was». An der WM in Lahti 2017 hatte das Schweizer Quartett mit Debütant Rüesch Bronze bloss um eine halbe Skilänge verpasst. «Es war ein einmaliges Erlebnis», sagt Rüesch. Klar, dass er das nochmals erleben will.

Dafür trainiert er nun wieder zweimal täglich auf der Loipe. «Es ist herrlich da draussen in der Natur.» Einmal, im hohen Norden, ist er gar einem Rentier begegnet, das gerade die Loipe überquerte. Jason Rüesch aber blieb in der Spur.

Ski Heil!

Coop unterstützt Swiss-Ski

Nachhaltigkeit ist Coop wichtig. Deshalb engagiert sich das Unternehmen gerne in sozialen Projekten, die langfristig angelegt sind. Dazu gehört die Förderung von ausgewählten Swiss-Ski-Athleten. In den vergangenen zwei Jahren unterstützte Coop den Langläufer Jason Rüesch finanziell und ermöglichte ihm einen Einblick ins Berufsleben; in einem Praktikum war er für Pro Montagna in verschiedenen Bereichen tätig.

Nun ist dieses Pilotprojekt ausgelaufen – was zugleich den Startschuss für das nächste Engagement bedeutet. Coop wird den Skirennfahrer Gilles Roulin (Bild) auf seinem Weg bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking unterstützen. Der 24-Jährige ist im Skizirkus ein Exot: Erstens als Zürcher (seit Peter Müllers Erfolgen ist es bereits über zwei Jahrzehnte her) und zweitens, weil Roulin Jurisprudenz studiert. Bei Coop wird er Erfahrungen im Brand Management sammeln können.

Im vergangenen Winter vermochte sich Gilles Roulin im Ski-Weltcup zu etablieren. Experten und Trainer trauen ihm viel zu.