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Begegnung

Massimo Busacca: Herr der Spielleiter

Besuch bei Massimo Busacca, dem Chef der Referees bei der Fifa. Er fordert, dass die Schiedsrichter nicht so wichtig genommen werden.

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Sandro Mahler
28. Mai 2018

Fussball soll Freude bereiten, lautet Massimo Busaccas Motto. Hier hat er viel Spass, als er unhaltbar ins leere Tor trifft. Massimo Busacca in seinem Rustico im Maggiatal: Trauben anbauen, Gemüse ebenso.


Massimo Busacca zeigt, dass er es noch kann. Auf dem kleinen Bolzplatz in Moghegno im Maggiatal nimmt er die Flanke des Reporters volley ab und versenkt den Ball in den löchrigen Maschen. Der 49-jährige Tessiner aus Monte Carasso spielte von klein auf leidenschaftlich gerne Fussball. Ich musste jedoch einsehen, dass ich sicher nie ein grosser Fussballer werde.

Trotzdem wollte er weiter hautnah an diesem fantastischen Spiel teilhaben und so wurde er Schiedsrichter. Auch hier machte er keine halben Sachen, sondern stieg ehrgeizig zum Spitzenreferee auf. Das genoss ich in vollen Zügen, weil ich den besten Spielern aus nächster Nähe zuschauen und mir erst noch das Ticket sparen konnte.

Busacca nahm an Europa- und Weltmeisterschaften teil und pfiff den Champions-League-Final 2009 zwischen Barcelona und Manchester United (2:0), der ihm auch deshalb in spezieller Erinnerung geblieben ist, weil Barça-Stürmer Lionel Messi bei seinem Tor den Schuh verlor. Damals galt noch die Regel, dass die Partie unterbrochen wird, wenn ein Spieler den Treffer ohne Schuh erzielt. Busacca liess das Tor jedoch gelten, auch weil der Schuh erst im Moment der Aktion verloren ging einem Kopfball übrigens, weshalb ein verlorener Schuh erst recht keine Rolle spielt. Man muss den gesunden Menschenverstand walten lassen, sagt Busacca.

Referee zu sein, ist zuerst einmal etwas Schönes.»

Massimo Busacca, 49

Es ist sein Lieblingssatz, den er den Schiedsrichtern immer wieder eintrichtert. Seit mittlerweile sieben Jahren ist er in der Hierarchie der Unparteiischen noch ein Treppchen höher gestiegen und für die Refeeres beim Weltfussballverband Fifa verantwortlich. Fussball sollte Freude bereiten, lautet seine Botschaft, dazu gehört auch ein normaler Umgang miteinander. Deshalb kam es schon mal vor, dass er einen Spieler bei Halbzeit auf dem Weg zur Kabine zu einer besonders gelungenen Aktion beglückwünschte. Gerade auf höchstem Level, wo sich die besten Spieler und Schiedsrichter immer wieder begegnen, sollte das kein Problem sein. Solange man es nicht übertreibt. Schliesslich bist du Schiedsrichter und nicht Fussballreporter.

In den vergangenen Monaten haben sich Busaccas Unparteiische intensiv auf die Fussball-WM vom 14. Juni bis 15. Juli in Russland vorbereitet; unlängst nahmen alle 112 Referees und Assistenten in Coverciano bei Florenz an einem Trainingslager teil. Es gab viel Theorie und noch mehr Praxis: Mit zwei richtigen Teams wurden Matchsituationen simuliert und beispielsweise auf das richtige Stellungsspiel des Schiedsrichters geachtet. Dazu gehört auch, dass der Referee das Spiel lesen kann. Reading the game und Anticipation nennt Busacca das. Und nicht zuletzt sollte der Spielleiter eine natürliche Autorität besitzen, sagt der Schiedsrichter-Chef. Einen Diktator hingegen brauchen wir nicht.


Schön, manchmal kompliziert

Dafür aber Masochisten? Nach einem Fehlpfiff werden Schiedsrichter heute in den sozialen Medien öffentlich geschlachtet. Busacca sieht das nicht ganz so dramatisch. Schiedsrichter zu sein, ist zuerst einmal etwas Schönes und, ja, manchmal auch etwas ziemlich Kompliziertes. Den Spielleiter brauche es, heute und auch in Zukunft, trotz neuer Technologien wie dem Videoentscheid. Trotzdem nimmt man den Unparteiischen manchmal zu wichtig. Und zu oft diene er den Spielern und Trainern, die ihre Leistung nicht bringen, als Alibi. Fehler gehörten zum Fussball dazu: Deshalb schiesst ein Stürmer manchmal aus drei Metern übers Tor, obwohl dieses leer ist. Dasselbe gelte auch für den Schiedsrichter: Auch er irrt sich manchmal und entscheidet falsch. Das ist kein Freipass für Fehlentscheidungen, stellt er aber auch klar. Der Spielleiter muss seinen Job möglichst fehlerfrei erledigen.

Auf ihm lastet grosse Verantwortung; Kritik an den WM-Referees fällt auch auf ihn zurück. Gross zu belasten scheint ihn das nicht. Massimo Busacca, braun gebrannt und fit wie ein Turnschuh, wirkt beim Gespräch, das sich mittlerweile in sein Rustico verlagert hat, tiefenentspannt. Hier schöpft er neue Energie. Gleich nachher werde ich im Garten arbeiten, sagt er, ich liebe das. Trauben anbauen, Gemüse ebenso. Gut essen, gut trinken, mit Freunden den Abend im Garten verbringen. Was gibt es Schöneres?, fragt er und gibt gleich selber die Antwort: Mir fällt nichts anderes ein.

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