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Porträt

Sie stellt alle Fragen

Sandra Schmid geht offen auf Menschen zu. Das hat die Aargauerin genutzt, um die Geschichten von Leuten aus der ganzen Welt zu erfahren. Daraus wurde ein Buch – und eine grosse Erkenntnis: Wir streben alle nach dem Gleichen.

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Christoph Kaminski
01. Oktober 2018

Ob in den Bergen Perus oder auf den Strassen L.A.s Sandra Schmid traf überall auf Menschen, die nach Glück suchen.

Wieso sieht diese Frau so komisch aus? Warum ist dieser Mann so traurig? Kinder fragen gerade heraus, was ihnen durch den Kopf geht. «So etwas fragt man nicht», mahnen dann die Eltern. «Wieso nicht?», findet Sandra Schmid (28). «Man darf durchaus auch unangenehme Fragen stellen. Oft sind Menschen sogar froh darüber.»

Offen wie ein Kind ging die Aargauerin vor vier Jahren durch die Strassen New Yorks. Begleitet wurde sie von Freundin und Mitbewohnerin Sandra Bühler (30). «Wenn immer unsere Blicke länger an einer Person hängen blieben, sprachen wir sie an», erzählt Schmid. Das Ziel: Die Geschichten dieser Leute erfahren und zusammen mit Porträtfotos zu einem Buch machen. Überwindung habe es nie gekostet, Menschen anzusprechen, sagt Schmid. «Ich war schon immer neugierig und hatte wenig Vorurteile. Ich gehe gerne auf Leute zu.»

Kampf gegen Vorurteile

Das Resultat kann man seit Kurzem kaufen – bereits in zweiter Auflage. Die erste war innert kürzester Zeit vergriffen. 80 Personen – nicht nur aus New York, sondern aus zahlreichen Orten in Nord-, Mittel- und Südamerika, Europa, Asien und Afrika – werden in «Menschen wie du & ich» vorgestellt. «Viele glauben, sie seien allein mit ihren Problemen», sagt Schmid. Das Buch solle zeigen, dass dem nicht so ist und Menschen am Schluss alle nach dem Gleichen streben, nach Glück, Liebe und Verständnis. «Gleichzeitig kämpfen wir mit dem Buch gegen Vorurteile: Oft macht man sich ein Bild einer Person, ohne sie zu kennen. Wir blicken hinter die Fassade.»

 Freundin Sandra Bühler assistiert, während Sandra Schmid Mienenarbeiter German fotografiert.

 Bereit für den Abstieg in die Mienen von Postoi (Bolivien).

Erst das Gespräch, dann das Foto – so will es das Konzept.

Den Anfang nahm das Projekt schon vor acht Jahren. Für ihre Maturaarbeit zum Oberthema Einblick sprach Schmid mit Menschen über ihre Geschichten. Auch damals griff ihr die beste Freundin unter die Arme. «Wir beschlossen: Irgendwann machen wir das richtig, mit Reisen und allem Drum und Dran.»

Beide Sandras haben grafische Ausbildungen und das Fotografieren in Weiterbildungen gelernt. «Deshalb haben wir das Buch von A bis Z selbst gestaltet, sogar das Papier ausgesucht», erzählt Schmid, die alle Texte verfasst hat. «Schreiben war immer eine grosse Leidenschaft von mir.» Nun träumen die Autorinnen davon, ihr Werk auf den englischen Markt zu bringen. Der erste Termin mit einem Verlag steht bereits.

Dabei täte eine Pause nach vier Jahren Arbeit am Buch gut. «Es war eine strenge Zeit, vor allem das letzte Jahr, in dem ich die Texte schrieb», erzählt Schmid, die als Videoeditorin beim Schweizer Fernsehen arbeitet. Für die Reisen nahmen die Freundinnen unbezahlten Urlaub, die Texte entstanden in der Freizeit. «Im letzten Jahr waren 12-Stunden-Tage normal. Manchmal arbeiteten wir gar 20 Stunden.»

 Auch den ein oder anderen Promi haben die beiden Sandras zum Interview getroffen, zum Beispiel Carlos Leal.

 Der Obdachlose Shy zeigt den Autorinnen seine Tattoos. Früher hat er selber in einem Studio gearbeitet.

 Nick Yarris sass 23 Jahre unschuldig im Gefängnis. Auch er erzählte den Freundinnen seine Geschichte.

Nicht nur der Aufwand war anstrengend. «Für die Porträts in der Ich-Form versetzte ich mich immer wieder in die Personen und ihre Geschichten. Das war sehr aufwühlend.» Kein Wunder: Im Buch kommen neben vielen schönen Geschichten etwa auch Vergewaltigungsopfer, Holocaust- und 9/11-Überlebende oder Obdachlose vor. «In dieser Zeit war es Gold wert, mit Sandra zusammenzuwohnen. Alleine hätte ich all diese Geschichten nicht verarbeiten können. Und wer hätte mich besser verstanden als sie, die mit mir alle diese Geschichten gehört und die Emotionen während des Interviews miterlebt hat?»

Überraschend offen

Viele Gesprächspartner seien überrascht gewesen, wie sehr sie sich den fremden Schweizerinnen geöffnet haben. «Sie erlebten zum ersten Mal, dass sich jemand ernsthaft für ihre Gefühle und ihre Geschichte interessiert», erzählt Schmid. «Das zeigt einmal mehr: Man muss Fragen stellen, auch die unangenehmen – wie ein Kind.»