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Porträt

«Es ist wie ein innerer Drang»

Jede Woche erreicht uns Post aus Rothenfluh BL. Absender ist Fritz Häuselmann, der zu jeder Ausgabe der Coopzeitung einen Leserbrief verfasst – in Handschrift.

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Kostas Maros
02. September 2019

So sorgfältig Fritz Häuselmann seine Leserbriefe verfasst, so tiefgründig sind auch seine Gedanken.

Es scheint, als sei die Zeit etwas stehen geblieben, hier in Rothenfluh, der Oberbaselbieter Gemeinde mit ihren rund 800 Einwohnern. Eine Bahnlinie sucht man vergebens, dafür gibt es drei Restaurants und einen kleinen Dorfladen – «Chesi» heisst er. Die Postautostation befindet sich direkt vor dem Gemeindehaus – dem Heim von Fritz Häuselmann. Zusammen mit seiner Frau bewohnt der 60-Jährige den obersten Stock des Behördenbaus. Es ist dies der Ort, wo er jede Woche einen Leserbrief zur aktuellen Ausgabe der Coopzeitung verfasst. Auch andere Druckerzeugnisse lässt er regelmässig an seinen zu Papier gebrachten Gedanken teilhaben.

Hell ist die Wohnung nicht. Im Gegenteil. Das heruntergezogene Dach versperrt den Sonnenstrahlen den Weg. Dafür hängen an den Wänden viele Familienfotos und selbst gemachte Jahreskalender mit Bildern von lachenden Kindergesichtern. Und wer die Stube betritt, wähnt sich irgendwo in Afrika: Wandbehänge im Ethnostil, unzählige afrikanische Holzschnitzereien und kunstvoll gestaltete Tiergemälde schmücken das Zimmer.

«Meine Frau ist ein grosser Fan von Afrika», erklärt Fritz Häuselmann. Besucht hat das Ehepaar den Schwarzen Kontinent aber noch nie. «Das ist und bleibt ein Traum.» Denn seine Frau erkrankte vor einigen Jahren an Multipler Sklerose. «Eine Reise nach Afrika werden wir nicht mehr machen können.» Für seine Frau wäre dies viel zu beschwerlich.

Fritz Häuselmann ist kein Mann der lauten Töne. Spricht er, so wählt er seine Worte mit Bedacht. Zurückhaltend, ernst, fast schon scheu sitzt er am massiven Holztisch im Wohnzimmer und wirkt dabei inmitten der üppigen Deko ein wenig verloren. Vor ihm liegt die neueste Ausgabe der Coopzeitung. Die Artikel, die ihn speziell interessieren, hat Fritz Häuselmann vorsichtig herausgetrennt.

Die digitale Welt ist ihm suspekt

Vor allem Geschichten mit Tiefgang faszinieren ihn. «Interviews mit berühmten Persönlichkeiten oder Porträts über spezielle Menschen lese ich sehr gerne», sagt Häuselmann. In einem seiner Leserbriefe führt er aber auch «die feinen Menüvorschläge und viel Wissenswertes über die Produktion und Verarbeitung von gesunden Lebensmitteln» auf. Gefällt ihm ein Artikel, so möchte er auch etwas dazu sagen respektive schreiben.

Fritz Häuselmann tut dies auf eine heute fast schon altmodische Art – von Hand. Seine aufrechte, leicht nach rechts geneigte «Schnürlischrift» erinnert an längst vergangene Zeiten. Die digitale Welt ist ihm suspekt. Er ist mit ihr nicht vertraut. «Ich schreibe auch nie E-Mails», sagt er. Besteht eine Zeitung auf der elektronischen Form der Einreichung, gibt Häuselmann seinen handgeschriebenen Leserbrief einem Bekannten, der diesen dann per Mail an die Redaktion weiterleitet.

Vor rund zehn Jahren hat Fritz Häuselmann mit dem Schreiben von Leserbriefen begonnen. Erster Adressat seiner Zeilen war eine Oberbaselbieter Regionalzeitung. Nach und nach kamen weitere Titel dazu. Regelmässig verkündet der Vater von drei erwachsenen Kindern und Grossvater von zwei Enkeln seine Gedanken auch über kirchlich geprägte Medien. Denn Fritz Häuselmann ist ein frommer Mensch. «Evangelisch reformiert», merkt er an. Der Glaube ist ihm wichtig und findet sich auch immer wieder in seinen Briefen an die Coopzeitung. So schrieb er kürzlich zu einem Artikel mit dem Titel «Die perfekte Sommerparty»: «Bei aller verdankenswerten Mühe, welche sich Menschen zum Gelingen einer tollen Party geben, vergessen wir nicht, dass es sich beim Essen und Trinken um Gaben des Himmels handelt.»

Fritz Häuselmann schreibt, wie er redet – sorgfältig und ohne Hetze. Dabei ist es fast schon ein innerer Drang, der ihn zum Verfassen seiner Leserbriefe antreibt. «Schreiben hilft mir, Dinge durchzudenken.» Eine Routine gebe es bei ihm dabei nicht. Meistens setzt er sich aber am Abend oder an den Wochenenden an den Tisch und bringt seine wohl gewählten Worte zu Papier.

Unverständnis bei der Auswahl

Wie viele Briefe er im Laufe der Zeit schon geschrieben hat, weiss er nicht. «Ich bewahre ja nicht von allen Kopien auf.» Nur von jenen, die auch veröffentlicht wurden. In der Coopzeitung ist dies rund einmal pro Monat der Fall. Darüber enttäuscht ist der Vielschreiber nicht. «Es ist mir schon klar, dass es einen gesunden Mix geben muss und nicht jede Woche Leserbriefe von derselben Person erscheinen können.» Höchstens die Auswahl stösst bei Fritz Häuselmann manchmal auf Unverständnis. «Ich frage mich schon ab und zu, weshalb zum Beispiel ein Brief von mir veröffentlicht wurde, den ich im Nachhinein gar nicht so gut fand, ein anderer, besserer hingegen nicht.»

Warum er denn nicht Journalist geworden ist? «Das hat sich damals einfach nicht ergeben», antwortet er kurz und trocken. Also machte Fritz Häuselmann eine Lehre zum Lebensmittelverkäufer. Wohl auch deshalb führte er in Rothenfluh einige Jahre den Dorfladen. Momentan ist der 60-Jährige arbeitslos. Daher kommen zu den Leserbriefen auch Bewerbungsschreiben, die er wöchentlich verfasst. «In meinem Alter ist es leider alles andere als einfach, einen neuen Job zu finden», sagt er mit ernstem Blick und ist dann wieder still. Er redet nicht gerne über sich selbst – viel lieber schreibt er seine Gedanken zu den unterschiedlichsten Themen auf und lässt die Öffentlichkeit daran teilhaben.

So also freuen wir uns auf seine Zeilen zur nächsten Ausgabe der Coopzeitung – die Worte werden wohl überlegt und die Sätze inhaltsreich sein.