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Porträt

Der Anruf ihres Lebens

Christine Brand (45) war Journalistin, die Krimis schrieb und gerne reiste. Durch den Vertrag mit dem deutschen Blanvalet Verlag tauschen Beruf und Hobby nun die Plätze und der Bernerin winkt die totale Freiheit.

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Daniel Kellenberger
25. März 2019

Ihren Krimi «Blind» schrieb sie auf fünf Kontinenten, in Zürich trifft man Christine Brand mit ihrem Laptop immer wieder an der Limmat.

Am Anfang war der Tod. Das ist nicht der Beginn einer düsteren Grabrede, sondern der Beschrieb von Christine Brands Kindheit in der beschaulichen Emmentaler Gemeinde Oberburg BE. Links von ihrem Elternhaus wohnte der Metzger, rechts der Jäger, und ihr Vater war Schreiner und Bestatter. «Ich hatte eine glückliche Kindheit, war aber vom Tod umgeben – kein Wunder, dass er mich fasziniert», meint die bald 46-Jährige lachend. Doch ein Bestattungsunternehmen hatte sie nie im Sinn: «In der dritten Klasse schrieb ich ins Büchlein ‹Meine Schulfreunde› als Berufswunsch Schriftstellerin und Detektivin.» Als Krimiautorin und Gerichtsreporterin hat sie sich eineinhalb dieser zwei Wünsche erfüllt.

Sansibar, der Sehnsuchtsort

Schon während der Ausbildung zur Lehrerin regte sich ihre Sehnsucht nach dem Schreiben wieder. Sie begann unmittelbar nach dem Lehrerseminar ein zweimonatiges Praktikum bei einer Tageszeitung. Es folgte eine klassische Journalisten-Laufbahn: Berner Zeitung, Bund, SRF-Rundschau, NZZ am Sonntag.

«Journalistin ist ein wunderbarer Beruf», schwärmt Christine Brand. Dennoch arbeitete sie daneben schon früh an ihrer zweiten Karriere. «Durch meine lange Tätigkeit als Gerichtsreporterin gab ich als Erstes ein Buch mit realen Kriminalfällen heraus», erzählt Brand. Beim Schreiben ihrer ersten Kurzgeschichte für den Band «Mordsgeschichten aus dem Emmental» vor elf Jahren keimte in ihr der Wunsch, einmal einen langen Krimi zu schreiben, den sie sich schon kurz darauf erfüllte. «Von Buch zu Buch habe ich mich weiter vom Journalismus entfernt.»

Brands eine Liebe gilt dem Schreiben, die andere dem Reisen. Am liebsten kombiniert sie ihre beiden Leidenschaften. «In der Schweiz bin ich zu sehr im Alltag gefangen. Auf Reisen habe ich weniger Ablenkung und kann voll in die Geschichte eintauchen», sagt Brand. Ihr bevorzugtes Ziel ist die afrikanische Insel Sansibar. «Dort fühle ich mich mittlerweile wie zu Hause.» Speziell in der kalten Jahreszeit zieht es sie immer wieder an ihren Sehnsuchtsort im Indischen Ozean.

Afrika im Winter, die Heimat im Sommer, da klingelt doch was bei Krimifans? Richtig, dieses Leben führte der schwedische Bestseller-Autor Henning Mankell (1948–2015). Und das wollte auch Christine Brand. Aber eben: Dafür braucht es schon einen Bestseller. Einen, den sie vielleicht bereits geschrieben hat. Zumindest glaubt der Blanvalet Verlag daran, und der Einstieg von Brands Krimi «Blind» auf Platz fünf der Schweizer Bestsellerliste stützt diese Erwartungen.

Der Vertrag mit dem grossen deutschen Verlag kommt für Brand einem Lottogewinn gleich. Als ihr Agent sie im Mai 2017 auf Sizilien telefonisch erreichte, um ihr das Angebot zu unterbreiten, sagte sie spontan zu. «Erst ein paar Tage später realisierte ich, dass das der Anruf war, auf den viele Autoren ein Leben lang warten – oft vergebens», erinnert sich Brand.

Freiheit, das kostbarste Gut

Auf diese Einsicht liess die Bernerin Taten folgen. Sie kündigte ihre Stelle und tauschte ihre Wohnung in Zürich gegen ein WG-Zimmer. «Das ist vielleicht die Chance meines Lebens, die möchte ich nutzen», meint die Weltenbummlerin. Seit jenem einschneidenden Ereignis war sie so oft weg von der Schweiz, dass sie sich nun ernsthaft fragt, ob sie überhaupt noch einen festen Wohnsitz braucht: «Mein grösstes Geschenk ist, einen Job zu haben, den ich überall auf der Welt machen kann.»

Doch so schnell wird die Schweiz die hoffnungsvolle Krimiautorin nicht los. Momentan ist sie auf Lese-Tournee in ihrer Heimat unterwegs. «Wenn ich im Emmental bin, spüre ich meine Wurzeln. Dann ist es für mich immer noch der schönste Ort der Welt», sagt Brand.

Der Vertrag mit Blanvalet gilt für zwei Bücher, den Nachfolger von «Blind» hat Brand bereits geschrieben. Lustiges Detail: Vor «Blind» veröffentlichte Brand schon drei Krimis mit der Protagonistin Milla Nova im Landverlag und sie dachte eigentlich, das sei nun der Abschluss der Serie um die neugierige TV-Journalistin. Nun sehe es eher danach aus, als folge auf die Trilogie im Landverlag noch eine zweite Trilogie bei Blanvalet, meint sie lachend.

Christine Brand hat gelernt, das Leben zu nehmen, wie es kommt. Sicher ist bei ihr nur, dass sie immer wieder nach Sansibar zurückkehren wird. Und ins Emmental. 

Fakten und Fiktion

Ein Krimi aus Bern und Zürich

Der blinde Nathaniel lässt sich von einer Frau durch die App «Be My Eyes» helfen, als ein Schrei ertönt und die Verbindung abrupt endet. Weil die Polizei ihn nicht ernst nimmt, wendet er sich an die TV-Journalistin Milla Nova. – Ein klassischer Pageturner mit vielen Cliffhangern.

Christine Brand: «Blind». Blanvalet Verlag.