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Porträt

Schwein gehabt!

Einst ein Ferkel mit einem «Grill mich»-Schild um den Hals – heute die Attraktion am Südhang der Rigi: Anton ist das älteste Schwein Europas. Und sicherlich das glücklichste.

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Mathias Haehl, felsentor.ch
07. Januar 2019

 «Guten Morgen, Ihr Lieben!» Eber Anton, wie er leibt und lebt, freut sich über die tierischen Kolleginnen und wärmenden Strahlen der Sonne an der Rigi.

Wer in das spirituelle Zentrum «Felsentor» oberhalb von Weggis wandert, der kommt an einer kleinen Tierfarm vorbei. Dort, im «Gnadenhof», suhlt sich ein schweres Schwein friedlich grunzend im Neuschnee: Anton, der grosse Eber mit den kleinen Äuglein. Er schaut zufrieden drein, seine grimmigen Hauer zwischen den fleischigen Lippen deuten indes darauf hin, dass er kräftig zubeissen kann.

Doch keine Angst, liebe Wanderer: Anton ist meist gut gelaunt. Denn sein tierisches Schicksal änderte sich dank einsichtigen Menschen entscheidend: «Grill mich» hiess es vor 13 Jahren auf einem Schild um den Hals des einst niedlichen Ferkels. Freunde eines Hochzeitspaares wollten besonders originell sein und hatten das kleine Schwein zum grossen Fest mitgebracht. Weil die Frischvermählten aber wenig Freude an der Aussicht hatten, das Schwein irgendwann schlachten zu müssen, landete Anton nahe dem «Felsentor». Das war sein Glück. Hier im «Gnadenhof», in diesem Rückzugsort für verlorene Tierseelen, lässt es sich gut leben.

Auf zehn Hektaren mit Blick auf Rigi und See kann der Eber frei herumlaufen. Seit Jahr und Tag stapft Anton nun schon durch den Matsch über die Wiesen und wird bewundert: von Besuchern, die oberhalb Weggis via «Felsentor» nach Rigi-Kaltbad wandern. Oder von Ruhesuchenden, die zu Zen-Meditationen und buddhistischen Seminaren ins «Felsentor» pilgern; das spirituelle Zentrum rief der österreichische Unternehmer Vanja Palmers 1999 ins Leben.

«Auch Tiere suchen ihr Glück», sagt Schwester Theresia (60), die ihre kleine Arche Noah in der Tierschutzstelle hegt und pflegt. «Sie wollen frei von Schmerzen leben, akzeptiert und zugehörig sein – sie leiden genau wie wir.»

Sensible Lebewesen

Theresia Raberger ist eine Franziskanernonne und Zen-Priesterin aus Österreich, die hier seit Jahren mit zehn anderen Geistlichen lebt. Am Fuss der einstigen «Königin der Berge», wo Mark Twain und andere Persönlichkeiten aus aller Welt kurten. Ordensgründer Franz von Assisi ist ja Patron der Tiere, er sprach der Legende nach gar mit ihnen. Ähnlich wie Theresia, für die sich in der Tierschutzstation ein Lebens­traum erfüllt hat.

Schwester Theresia hat in der Tierschutzstelle ihr Glück gefunden.

Auf dieser Farm der Tiere am stotzigen Hang leben rund zwei Dutzend Kreaturen, die von ihrem elenden Schicksal erlöst und hierhergebracht wurden. Zufrieden verbringen sie ihre Tage im Stall oder auf der Wiese davor. Bis irgendwann der letzte Tag naht. Theresia ist überzeugt, dass Tiere spüren, wenn es mit ihnen langsam zu Ende geht: «Sie spüren das Sterben und den Tod.»

Die Schwester kümmert sich um Schafe und Geissen, Enten und Truthähne, Hunde auch. Und eben: um Anton. Der Eber, heute mehr als 250 Kilo schwer, ist die grosse rosa Attraktion. Ein glückliches Schwein, das ansonsten das Schicksal vieler Mastsäue geteilt hätte und schon lange verspiesen wäre: innert 100 Tagen auf 100 Kilo gemästet, kaum einmal die Sonne erblickt und bei schlechter Haltung vielleicht die Ohren und das Ringelschwänzchen von den Kolleginnen abgeknabbert.

Heute ist Eber Anton die Ruhe selbst, er steht oft stoisch hinter einem offenen Gatter und betrachtet die Vorbeipilgernden mit seinen Schlitzaugen. «Er ist mit seinen 13 Jahren sicher das älteste aus einer Mastzucht stammende Schwein Europas», ist Theresia überzeugt. Vielleicht ist er auch das glücklichste Schwein überhaupt auf diesem Planeten. «Er hat ein wunderbares Wesen», sagt Theresia.

Grosser Freundeskreis

Viele Menschen, die Anton sehen, sind gerührt. Theresia: «Er hat längst einen grösseren Freundeskreis als wir alle zusammen.» Eine Gruppe von Lehrern und Medizinerinnen schrieb nach einem Meditationskurs mit Tieren: «Nachdem wir Anton in die Augen geschaut haben, haben wir unsere Essgewohnheiten geändert.» Einige Fleischesser kommen vom Berg gar als geläuterte Vegetarier oder Veganer herunter, die nächsten wohl nach der Kurswoche «MediTiere» im kommenden April. Sie betrachten Tiere plötzlich nicht mehr als blosse Lebensmittel, sondern als wertvolle Geschöpfe, die es zu respektieren gilt. Schwester Theresia zitiert Leo Tolstoi: «So lange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.» Es gebe keine richtige Einheit und Spiritualität, so lange man andere Lebewesen ausklammere.

Vor Weihnachten ging es Anton nicht so gut, er hatte Mühe, aufzustehen. Sein Gewicht ist ja auch enorm. Doch nun ist er wieder bei Kräften und geniesst die Sonne über dem Nebelmeer. Weit, weit weg von Schlachthöfen, grunzt er vergnügt in die Welt hinaus.