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Porträt

Das doppelte Baby-Jahr

Aufregende Zeiten für Drehbuchautorin Simone Schmid: Diese Woche startet ihr erster Kinofilm «Zwingli», Ende April wird sie erstmals Mutter.

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Christoph Kaminski
14. Januar 2019

 Eine Art Lebensabschnittpartner: Mit Huldrych Zwingli hat sich Simone Schmid vier Jahre lang intensiv beschäftigt.

Filmtipp

Zwingli

Huldrych Zwingli hat die Deutschschweiz mit seinen reformatorischen Gedanken nachhaltig verändert. Ein aufwendiges, düsteres Historiendrama beleuchtet seinen aufopferungsvollen Kampf gegen die katholische Kirche.

Auf ein protziges Eingangsschild legt Simone Schmid (39) offensichtlich keinen Wert. Mit Mühe findet man an der Briefkastenwand des unscheinbaren Indus­triegebäudes im Zürcher Binzmühle-Quartier ein Stück Abdeckband mit ihrem handgeschriebenen Namen drauf. Ihr Name wird denn auch nicht vielen Leuten etwas sagen. Viel mehr sagen aber die Titel der TV- und Kinoproduktionen, für die sie Drehbücher geschrieben hat: «Der Bestatter» und «Zwingli», bald auch die Verfilmung von Pedro Lenz’ Roman «Di schöni Fanny».

Dass einmal eine Drehbuchautorin aus ihr werden würde, das hätte Simone Schmid laut eigener Aussage nie gedacht. Vielmehr war nach ihrem Geografie-Studium mit Schwerpunkt Meteorologie an der Universität Bern eine wissenschaftliche Karriere vorgezeichnet. Doch dann kam das Leben dazwischen, mit all seiner Unvorhersehbarkeit. Beim Drehen einer Dokumentation über die Nebelwälder von Costa Rica entdeckte sie den Film. Sie stürzte in eine Sinnkrise und hatte das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Sie suchte neue Wege für ihr Leben. Bei der Arbeit in einer PR-Agentur entdeckte sie das Schreiben – und langsam fühlte sie sich auf dem richtigen Gleis. Die Initialzündung kam dann aber doch unverhofft: «Ich war zufällig auf ein Buch über das Drehbuchschreiben gestossen und wusste sofort: Das will ich machen!»

Ihr Traum war geboren, doch um sich mit Haut und Haar hineinzustürzen, fehlte Simone Schmid zunächst der Mut. Also näherte sie sich ihm schrittweise, indem sie als Recherche-Journalistin für den Tages-Anzeiger arbeitete und nebenbei Kontakte in die Filmwelt knüpfte, die «Drehbuchwerkstatt» in München besuchte und mit ihren Ideen ein Notizbüchlein nach dem anderen füllte. Schliesslich nahm sie das Angebot des Schweizer Fernsehens an, im sogenannten «Writer’s Room» eine Folge für die Krimiserie «Der Bestatter» zu ver- fassen. «Da fühlte ich: Ich bin am richtigen Ort», erklärt die gebürtige Basel- bieterin, die mit ihrem Lebenspartner, dem Tessiner Regisseur Francesco Rizzi (40), abwechslungsweise in Zürich und Morbio TI wohnt.

Die grosse Recherche

Nun sitzt Simone Schmid also da in ihrem Schreibatelier vor der Magnetwand mit Bildern von Mike Müller (55) und den Skizzen zu «Zwingli» und wirkt fast ein bisschen überrascht von sich selbst, als sie feststellt: «Ja, ich lebe meinen Traum.» Der Schritt in die Selbstständigkeit war riskant, doch er hat sich gelohnt. Heute muss sie öfters Nein sagen, als ihr lieb ist. «Ich könnte zurzeit doppelt so viel arbeiten, wenn ich zwei Köpfe hätte», verrät sie. Sie musste in ihrer Selbstständigkeit lernen, dass kreative Pausen wichtig und das wahre Leben inspirierende sind.

Bald jedoch wird sie nicht mehr von ihrer Agentin gebremst werden, sondern von einem viel kleineren Menschen, denn Simone Schmid erwartet Ende April ihr erstes Kind – beziehungsweise ihr zweites. Das erste Baby kommt diesen Donnerstag ins Kino: «Zwingli». Vier Jahre Arbeit stecken in ihrem Drehbuch über den Zürcher Reformator Huldrych Zwingli (1484–1531), das von Regisseur Stefan Haupt (57) inszeniert wurde. Ein grosses Projekt für ihren ersten Kinoauftrag, aber eines, in das Simone Schmid ihre beruflichen Erfahrungen einbringen konnte: ein Grossteil der Arbeit bestand aus Recherche. «Ich hatte immer ein negatives Bild von Zwingli. Als ich mich dann mit dem Mann ernsthaft auseinanderzusetzen begann, merkte ich, dass das ein ganz anderer Mensch war», sagt die Autorin. Ihr Ehrgeiz, das Publikum für den charismatischen Reformator zu begeistern, war geweckt. Und so trug sie viel mehr Material zusammen, als die Geschichte vertrug, woran das Projekt beinahe gescheitert wäre. «Ich musste aus den vielen Fakten eine emotionale Geschichte herausschälen, die das Publikum packt und dennoch historisch korrekt ist.»

Das emotionale Resultat

Kinofilme werden immer erst durch die Zuschauer definitiv bewertet. Aber die Autorin selbst ist schon mal sehr zufrieden damit, was der Regisseur und sein Team aus ihrem Skript geschaffen haben. Als sie Ende November den fertigen Film zum ersten Mal sah, war Simone Schmid tief bewegt. «Ich bin sehr selbstkritisch, aber nach dieser langen Reise den fertigen Film zu sehen, hat mich zu Tränen gerührt», sagt sie und streicht über ihr Bäuchlein: «Vielleicht war es auch wegen der Schwangerschaft.» Sie darf sich in diesem Jahr jedenfalls über zwei Geburten freuen. Und es würde überraschen, könnte sie sich nicht auch ihren nächsten Traum erfüllen: einen gemeinsamen Film mit ihrem Lebenspartner. Wäre ihr Leben ein Film, man würde ihn, ganz im Gegensatz zum ziemlich düsteren Drama «Zwingli», ein «Feelgood-Movie» nennen.