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Porträt

Das Leben als Bergtour

Maya Lalive hat in Wirtschaft und Politik Karriere gemacht. Heute erschliesst sie sich als Künstlerin und Buchautorin für Freizeitbergsteiger neue Welten.

25. Februar 2019

Maya Lalive weiss, wie gut sich Glück anfühlt weil sie auch die Trauer kennt.

Am Tag nach dem Gespräch mit Maya Lalive kommt eine E-Mail von ihr. Vielleicht sei ein falscher Eindruck entstanden: «Es scheint mir alles so leicht von der Hand gegangen zu sein im Leben. Dem ist/war natürlich nicht so.» Sie hat mit ihrer Befürchtung nicht ganz unrecht. Tatsächlich bleibt vom Treffen mit der 61-jährigen Zürcherin der Eindruck haften: Diese Frau hat alles im Griff. Schliesslich coacht sie Menschen in Fragen der Lebensgestaltung. Und in ihrem neuen SAC-Ratgeber «Mental stark am Berg» unterweist sie die Leser darin, wie diese ihre Psyche bergfit machen, aber auch für den ganz gewöhnlichen Alltag stärken können. Doch so wie ein Zahnarzt nicht zwingend die schönsten Zähne haben muss oder eine Coiffeuse nicht automatisch die perfekte Frisur hat, verhält es sich auch mit Maya Lalive: Trotz ihres zweifellos grossen Wissens, welche Wege nach oben zum Erfolg führen, musste sie selber schon Täler des Misserfolgs und des Schmerzens durchschreiten.

Unknown Landscapes  VIII – Stranieri,  2012: 14-teilige Installation, Open Art Roveredo, digitale Fotografie Airbrush auf Aluminium raw, je 240x60cm.

Maya Lalive in der Via Classica am Biopfeiler, 2017, Albigna, Bergell.

Unknown Landscapes I – Tryptichon, 2011: 3-teilige Installation, Galerie Marlene, Ottenbach. Fotografie, digital Airbrush auf Aluminium raw, je 200x150cm.

 

DER RISS | LA FESSURA, 2016 – Installation, Albigna-Staumauer, Bergell. Fotografie, digital Print auf Netzvinyl, 140x10 Meter. Künstlerin Maya Lalive in der Wand bei der Schlusskontrolle der Installation und beim Fotogafieren von Close-ups ihres Werkes.

Unknown Landscapes XVII. 2014/2015 – 9-teilige Installation, Bundesverwaltungsgericht St. Gallen: Fotografie, Fine Art Print auf Textil, je 400x100cm.

Nochmals DER RISS | LA FESSURA, 2016 – Installation, Albigna-Staumauer, Bergell:
Fotografie, digital Print auf Netzvinyl, 140x10 Meter.

Die Karriere, die sie nach ihrem Studium der Geisteswissenschaften startete, war allerdings erst mal bemerkenswert. In der Kommunikations- beratung ging es für sie früh steil aufwärts: Bereits mit 29 Jahren wurde sie Vizedirektorin beim Bankverein. Später leitete sie als Direktionsmitglied weltweit die Corporate Relations des Energiemanagement-Konzerns Landis & Gyr. Auch in der Politik erklomm sie ungeahnte Höhen: Obwohl sie noch nicht lange in Schwyz wohnte, wurde sie dort 1999 in den Nationalrat gewählt; ihre Art – direkt, offen, engagiert – kam bei den Wählerinnen und Wählern an. «Die Schnelle, die Erfolgreiche, die Strahlende», schrieb der «Tages-Anzeiger». Sie selber sah sich kritischer, merkte gerade beruflich, dass «das sicher nicht meine Welt für immer» sein konnte.

Höhen und Tiefen erlebt

2003 verlor die FDP ihren Sitz – und Maya Lalive ihr Nationalratsmandat. «Ich hatte es kommen sehen», sagt sie dazu und glaubt, dass die Strategie der Partei falsch aufgegleist gewesen sei. Sie verabschiedete sich aus der Politik. Wirklich nahe ging ihr die Abwahl nicht, da gab es andere Ereignisse in ihrem Leben, die um einiges schwerer wogen: Ihre erste Ehe ging in die Brüche, ihre engste Freundin wählte den Freitod. Auch beruflich lief nicht immer alles rund: «Es gab Fehleinschätzungen und entsprechende Entscheidungen meinerseits.» Zudem erlebte sie Mobbing und sexuelle Belästigung. «Aber», sagt sie, «wer die Trauer nicht kennt, weiss nicht, wie gut sich Glück anfühlt.» Das klingt fast so, als sie heute über die gemachten Erfahrungen froh sei. Wirklich? «Ja, wirklich. Ein Leben nur auf dem Gipfel gibt es nicht.»

Risse prägen das künstlerische Schaffen von Maya Lalive …

… auf vielen Bildern und Installationen (an der Albigna-Staumauer).

Lalive fand zurück in die Spur, Schritt für Schritt. «Der Weg ist das Ziel», zitiert sie Konfuzius. Heute lebt und arbeitet sie als selbstständiger Coach in Bäch SZ und hat einen weiteren Herzenswunsch realisiert: In ihrem geräumigen Atelier im Linthal macht sie Kunst. Nicht, um Geld mit ihr zu verdienen. Weil sie Lust darauf hat – was das andere nicht ausschliesst. Mit einem Werk sorgte sie international für Aufsehen: An der Albigna-Staumauer im bündnerischen Bergell installierte sie das 1400 Quadratmeter grosse und 130 Meter hohe Bild «Der Riss». Ein Projekt, das sie mit Beharrlichkeit verfolgte, ohne Auftraggeber und Sponsor, dafür in eigener Verantwortung. Das braucht Mut. «Die hat einen Schuss raus», bekam sie zu hören. Manchmal zweifelte sie selber: «Kann ich das?» Um schliesslich zur Einsicht zu gelangen: «Mut ist, wenn man Angst hat – und es trotzdem versucht.»

Als Laie für Laien

So wie vor elf Jahren, als sie im leicht fortgeschrittenen Alter als 50-Jährige erstmals auf eine Klettertour ging. Zuerst fühlte sie sich unsicher. Kaum hatte sie den Aufstieg geschafft, versetzte sie das in Euphorie. Auch heute noch ist Angst am Berg ihr ständiger Begleiter. «Sie hat mir einige der schrecklichsten, aber auch der wunderbarsten Momente im Leben beschert», schreibt sie im SAC-Ratgeber, den sie als Laie für Laien und nicht für Bergprofis geschrieben hat. Anfänglich «bockte» sie zuweilen, wie sie es nennt, oder jammerte, wenn sich eine brenzlige Situation anbahnte. Manchmal ging sie aus Angst auf allen Vieren. Doch dann lernte sie, ruhig zu bleiben und alle störenden Gedanken zu vermeiden und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Genauso wie im normalen Leben, wenn sie vor einer neuen Herausforderung steht: «Das Leben ist eine Bergtour.»

Berge und Risse

Maya Lalive als Buchautorin

Gleich zwei Bücher hat Maya Lalive unlängst herausgegeben: die bildgewaltige Ausgabe «Soulscapes and Landmarks» (Somedia Buchverlag), die ihr künstlerisches Schaffen präsentiert. Und den Ratgeber «Mental stark am Berg» (SAC-Verlag), der Berg­sportlern mit Übungen und Fallbeispielen helfen will, «den optimalen Leistungszustand» zu erreichen.